Samstag, 3. Oktober 2015

Waffen, Geist und Gesellschaft

Der folgende Beitrag enthält viele Verweise auf englischsprachige Seiten. Sollte jemand dadurch nicht alle Informationen lesen können, bitte einfach in den Kommentaren eine Nachricht hinterlassen.

Nun ist es mal wieder passiert. Jemand in den USA ist, so nennt man es, Amok gelaufen und hat mit mehreren Schusswaffen gerüstet an einem College in Oregon 10 Menschen ermordet, es bei vielen anderen versucht und dadurch über sieben weitere körperlich verletzt, drei davon schwer. Von den seelischen und psychischen Schäden die er dabei angerichtet hat, wird kaum berichtet, aber man kann sich vorstellen, wie es Überlebenden geht, die um ihr eigenes Leben fürchtend miterlebten, wie andere Menschen umgebracht wurden. Oder den Familien, die teilweise stundenlang um ihre Söhne, Brüder, Schwestern und Töchter bangten und in 17 Fällen schlimme Nachrichten erhielten, in Dutzenden nun ein verängstigtes und traumatisiertes Mitglied zu trösten versuchen.

Was folgt zeigt aber sehr genau, woher diese Verhaltensweise, dieses sich wiederholende Drama kommt. Die, der Leser verzeihe mir das morbide Bild, Leichen sind noch nicht abtransportiert, die Ermittlungen laufen gerade erst an, da verkündet Präsident Obama bereits, was seines Erachtens das Gebot der Stunde ist. "Thoughts and prayers are not enough." Diese Worte findet er nach einigen sehr allgemein gehaltenen Worten, die zusammengefasst sagen: "es ist schon wieder passiert, da hat jemand mit einer Schusswaffe gemordet und die Leben von Familien verändert. Ich habs doch gesagt, wir müssen Waffen verbieten". Sein Mitgefühl und seine Betroffenheit halten sich offensichtlich in Grenzen. Ihn beschäftigt vor allem, dass die Gesetze zur Verfügbarkeit der Schusswaffen nicht geändert wurden aber geändert werden sollten. Er hat zwar noch keine Informationen vorliegen, ob die verwendeten Waffen überhaupt legal erworben wurden - und das werden sie bei der absoluten Mehrheit der Morde und Massaker in den USA bisher nicht, aber das hindert ihn nicht daran den Glauben zu verbreiten, der Mörder hätte seine Tat nicht begehen können, wenn die Waffen verboten worden wären.
Obama dürfte sich des Widerspruches in seinen Aussagen bewusst sein, denn an seinem derzeitigen Wohnort, Washington DC, ist die Mordrate im Gegensatz zum Rest der USA derzeit hoch wie nie und beinhaltet ebenfalls Massaker und sogenannte Drive-by-Shootings, bei denen aus einem fahrenden Auto auf einen Menschen geschossen wird und in der Regel unschuldige Passanten oder Familienangehörige im Haus ebenfalls getroffen werden. Die Polizei von Washington ist sich dabei bewusst, dass die Tatwaffen illegal sind, denn Washington DC hat sehr strenge Waffengesetze und aufgrund der dort ansässigen Behörden eine geradezu unglaubliche Zahl an Polizei- bzw. Sicherheitsbeamten. Die Gesetze sind teilweise straffer als europäische. Darum gab es dieses Jahr auch eine Initiative gegen diese illegalen Waffen, die in der Hauptstadt der USA breit beworben und in allen Medien vertreten wurde - mit dem Erfolg, dass bisher etwa 1000 illegale Waffen eingesammelt wurden und die Mordrate weiterhin steigt. Um genau zu sein haben Statistiken längst dargelegt, dass ein Einsammeln von Waffen, legal wie illegal, absolut keinen Effekt hat. Zumindest nicht auf die Mordraten.
Quelle: www.gunfacts.info
Es ist eher im Gegenteil so, dass Einbrüche und Raub, so genannte Eigentumsdelikte, im gleichen Zeitraum sanken, in welchem Waffenbesitz stieg.


Auch die Ortswahl der Massaker, insbesondere des zuletzt von Obama als Beispiel für die schlimme Kultur des eigenen Volkes benutzten Amoklaufes in Charleston entspricht dieser Bewertung. Ein (schwarzer) Freund des Amokläufers, der aus Rassismus gehandelt haben soll, sagte aus, dass der junge Mann eigentlich an anderen Orten zuschlagen wollte, dort aber bewaffneten Widerstand fürchtete oder sah und darum an einen Ort mit garantiert ausbleibender bewaffneter Gegenwehr fuhr. Die Kirche in Charleston hingegen gehört zu so genannten "gun free zones".
Und auch damals hat Obama die Chance sofort genutzt, um auf der Trauer der Familien und dem Schicksal dieser Menschen seine Politik zu verkaufen. Allerdings hat er sich in seiner damaligen Ansprache immerhin bemüht, noch etwas auf die Menschen einzugehen, die Trauer und den Verlust mit einzubeziehen und das Motiv des Täter, Rassismus, als ein weiteres Problem darzustellen.
Bei dem darauffolgenden rassistischen Mord an zwei weißen Reportern live vor der Kamera durch einen schwulen, schwarzen Reporter, der dafür bekannt war in Wutausbrüchen alle und jeden des Rassismus zu beschuldigen, fiel seine Rede hingegen bereits so oberflächlich und auf die allgemeine Waffenkriminalität zielend aus, wie auch im jüngsten Fall. Hier war für ihn der durch den Mörder von zwei weißen Reportern (inklusive einem misslungenen Mordversuch an einer weiteren weißen Frau) erklärte "Rassenkrieg" nicht wichtig genug, um auch nur erwähnt zu werden.
So wenig wie im jüngsten Fall das scheinbar religiöse Motiv des Täters, welcher seine Opfer aufstehen und ihre Religion nennen ließ. Er hatte es nach Überlebendenangaben auf Christen abgesehen. Er forderte seine Opfer auf, sich hinzustellen und ihre Religion zu bekennen. Die Zeugen gaben an, er hätte dann zu den Christen gesagt: "gut, dann siehst du deinen Gott in einer Sekunde".
Nichtchristen wurde in die Beine geschossen, ebenso wie jenen, die sich zu antworten weigerten.
Darüber von Obama kein Wort.

Die Ursachen sind auch den deutschen wie den meisten US Medien kaum mehr Wert, als eine Randbemerkung. Immerhin steht ja die Ursache bei den Journalisten bereits fest. Die laschen Waffengesetze. Wen interessiert da, wie es um die Erkennung und Behandlung von Geisteskrankheiten in den USA steht, dass Rassismus existiert allerdings nicht als Einbahnstrasse und selbst Suicide in den USA oft durch einen aggressiven Akt begangen werden - damit die Polizei den eigenen Tod verursacht und man so nicht gegen sich selbst handeln muss.
Das wirkt. Die Mehrheit der Deutschen scheint überzeugt, dass strenge Waffengesetze verhindern, dass derartiges überhaupt oder zumindest so oft hierzulande passieren könnte. Columbine und Sandy Hooks werden immer wieder genannt und sind selbst in Deutschland Namen, die sofort Erinnerungen an mörderische Menschen mit Schusswaffen wach werden lassen. Und sie haben Kinder und Jugendliche als Ziele gewählt und ermordet.
Aber es sind nicht die Waffen, die solche Taten begründen, ermöglichen und ihr Verbot wird sie nicht verhindern.
Wer sich nicht nur auf deutsche und U.S. Medien verlässt, weiß etwa, dass in China (Schul)Massaker ebenfalls ziemlich häufig vorkommen - und zwar völlig ohne Schusswaffen.
Täter und Mordwerkzeug von Volkhofen
Eines der wenigen Schulmassaker in Deutschland ist heute zu Unrecht nahezu vergessen - obwohl 2014 der WDR extra eine Erinnerungssendung brachte. In diesem als "Amoklauf von Volkhofen" bezeichneten Vorfall von 1964 in einem Vorort von Köln hatte ein Frührentner mit einem aus Baumarktmaterialien selbstgebastelten Flammenwerfer und einer Lanze acht Kinder und zwei Lehrerinnen auf qualvolle Weise umgebracht und 20 weitere Kinder und zwei weitere Lehrerinnen schwer verbrannt. Viele der Opfer leiden bis heute unter den Verletzungen und Erinnerungen.
Ebenfalls vergessen ist ein Vorfall vom Königinnentag 2009, als ein Mann mit seinem Fahrzeug in die Menge raste, sich selbst und sieben weitere Menschen tötete und viele andere verletzte.
Noch näher ist der Amokfahrer von Graz vom 20.6.2015. Drei Tote und 36 Verletzte sind ihm zum Opfer geworden.
Wer könnte aber den Anschlag mittels Flugzeugen auf die Twin Towers in New York 2001 vergessen. Und wenn der Anschlag auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt im Januar 2015 nicht vor Augen führten, wie wenig Verbote verhindern, dass entschlossene Attentäter sogar an Kriegswaffen kommen, inklusive einer raketengetriebenen Panzerabwehrgranate (RPG), dann ist vollends klar, dass nicht Argumente, Fakten und Beispiele zählen, sondern eine vermeintlich logische Schlussfolgerung, die stetig wiederholt die Herzen ergriffen hat. Denn sogar die Wiederholung dieses Szenarios in Kopenhagen wenige Wochen später, der Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel wenige Monate vorher und der erst wenige Wochen zurückliegende Anschlag in einem Zug in Frankreich scheinen an der unerschütterlichen Meinung ein Verbot würde verhindern, dass jemand eine ganze Reihe von Menschen in einem Amoklauf ermordet nichts zu ändern.

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum es in den USA öfter vorkommt, als in Europa, Australien oder Japan. An der Verfügbarkeit von Mordmöglichkeiten liegt es aber nicht.

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