Mittlerweile weiß ich es besser. Nicht unbedingt, wie Friedenserziehung generell aussieht oder was sie sich wirklich erhofft, aber was dabei effektiv entsteht und wie es sich auswirkt. Man kann es an den Menschen, vor allem den heute Erwachsenen und Jugendlichen sehen, welche eben eine solche Friedenserziehung oder dessen Gedankengänge eingetrichtert bekamen.
Sie führt zu einer völlig falschen Vorstellung von Krieg und Kampf, selbst innerhalb der eigenen Gesellschaft. Es sind vor allem die prägnanten Merksätze, die zu einer völlig verkorksten Haltung führen.
Einer der berühmtesten ist wohl: "zum Streit gehören immer zwei Beteiligte" in all seinen Variationen. Dabei wird leider ein Wort glatt übergebügelt. Streit. Viele Lehrer, Eltern und eben auch unter solchen Lehren Herangewachsene nutzen diesen Satz, wenn sie bspw. in einen Kampf einschreiten. Es prügeln sich zwei Jungs auf dem Schulhof - da geht der Lehrer erstmal davon aus, dass beide gleiche Schuld an dieser Situation tragen. Natürlich ist es für ihn auch fast unmöglich, herauszubekommen, was da wirklich passiert ist. Aber die Annahme macht es nicht besser. Denn es kann sich sehr wohl um einen Angriff handeln. Es braucht nicht zwangsläufig einen Grund. Wenn einem Rüpel danach ist, sich zu prügeln, und ihm läuft jemand über die Füße, den er für geeignet hält, dann geht es los.
Oder ein Mobbingopfer schlägt nach Wochen und Monaten zu. So sehr es nach einer Sequenz aus einer Tierdoku klingt: mitunter ist solches Verhalten sogar notwendig, um sich zu behaupten und seine Opferrolle endlich los zu werden.
Bei Erwachsenen Menschen ist das nicht so viel anders, umso mehr dank bestimmter sozialer Veränderungen. Wer schonmal auf winterabendlicher Strasse den Ruf hörte "was kuckst du?!" um sich als nächstes mit einer Gruppe junger Männer konfrontiert zu sehen, der ahnt, was ich meine.
Oder auf dem Parkplatz von einem Betrunkenen angesprochen wird um dieses oder jenes zu geben oder einfach nur "zu plaudern", was am Ende dazu führt, dass man sich gegen diesen Menschen verteidigen muss.
Im Fall der Münchner S-Bahn oder jüngst in Leverkusen (ironischerweise in der Stadt, in der die sorgenden Bürger sogar ihren Umzug verkürzen wollten, um die Flüchtlinge nicht noch weiter zu traumatisieren durch den Anblick von Kostümierten und den Klang von fröhlicher Musik) wird von den Medien das couragierte Eingreifen von Bürgern im Falle sexueller Belästigung in Frage gestellt. Nicht offen, aber unterschwellig durch den Kojunktiv und die Form der Berichterstattung. "Eine 19jährige sei sexuell belästigt worden." "behauptet ihr sei ans Gesäß gefasst worden" oder "Kontaktaufnahme durch intimes Berühren" stehen dann "Narren prügeln sich mit" u.ä. Formulierungen gegenüber.
Selbstverteidigung wird hier als eine "Schlägerei" verkauft - ein Wort, dass den Eindruck erweckt, da hätten sich zwei Streithähne auf der Suche nach einem zünftigen Schlagabtausch gesucht und gefunden.
Diese Situation ist aber noch gesteigert, wenn wir von Kriegen sprechen.
Scheinbar haben viele Menschen die Vorstellung entwickelt, dass man Krieg vermeiden könne, wenn man sich nur Mühe gäbe (Konflikttransformation nennt sich das dann) . Jeder Historiker, der sich nicht nur so nennt sondern seine Nase während des Studiums in Quellen und Fachliteratur gesteckt hat, wird darüber nur erstaunt die Stirn runzeln können. Ja, die eigene Aggression kann man bewältigen lernen, die eigenen Ambitionen in Frage und zurück stellen, sich selbst kritisch betrachten. Schon beim eigenen Verhalten wird es etwas schwieriger. Gerade Deutsche haben momentan wieder das Phänomen entwickelt, anderen Staaten und Kulturen vorschreiben zu wollen, was sie zu tun und zu lassen haben. Ist den USA und Russland das keine Reaktion wert, so sind Polen und Dänen davon als direkte Nachbarn mit deutscher Invasionserfahrung, so angenervt, dass zumindest Polen schonmal den Botschafter einbestellt - ein Vorgang der dann prompt zu weiterer Empörung bei unseren Politikern und Medienvertretern geführt hat, unter dem Motto "Kritik unerwünscht". Als in Polen vor einigen Jahren Kritik an unserer Europa-, Wirtschafts- und Außenpolitik zusammen mit Bedenken ob der ethischen Betrachtung polnischer Gastarbeiter geäußert wurde, hatten wir unsererseits ziemlich verschnupft solche Töne quittiert.
Soviel also zum Verhalten - und damit auch zu den Emotionen. Auf diese solle ein Friedenserzogener nämlich hören und sich leiten lassen.
Und da steht dann Abrüstung ganz oben auf der Liste der zu erledigenden Dinge, gefolgt von der Einstellung der Waffenproduktion. Hier geht die Friedenserziehung meist Hand in Hand mit kommunistischem oder nationalsozialistischem Gedankengut. Die bösen Großkapitalisten sind durch die Herstellung von Waffen und Mitteln schuld an der Gewalt in der Welt. Ohne ihre Waffen gäbe es kein Mord und Totschlag. Um Geld zu verdienen nutzen sie die Bevölkerung als Produktionsmittel für das Böse aus und verhökern die totbringenden Gewaltauslöser dann an nichtsahnende Leute ohne Verstand - was zugleich nicht wenig arrogant und rassistisch ist.
Letztlich sind diese Behauptungen so substanzlos, dass nur Menschen, die eher auf ihr Herz als auf ihren Verstand hören an sie glauben können. Kriege, Massenmorde und Gewalt gab es lange vor der Industrialisierung und modernen Waffen und keineswegs nur dort, wo Monarchen und Diktatoren herrschten sondern eben überall.
Selbst Schusswaffen können mit ein wenig Talent und einigem Werkzeug spielend selbst hergestellt werden. Die sind dann zwar i.d.R. nicht annähernd so modern wie industriell gefertigte Waffen - aber ihren Zweck erfüllen sie. Selbst im Warschau des durch Deutschland besetzten Polen produzierten die Widerständler ihre eigenen Waffen, darunter Maschinenpistolen. Die berühmte englische Sten-Gun ist vor allem aufgrund ihrer simplen Konstruktion massenhaft hergestellt worden.
Der Satz "si vis pacem para bellum" - "Wenn Du Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor" stammt nicht von ungefähr. Viel zu oft glaubten Fürsten oder Staaten, sie seien so sicher, dass ihnen nichts geschehen könnte. Sie vernachlässigten das Militär oder führten Sparmaßnahmen durch, welche die Truppen in desolater Lage zurück ließen. Am Ende bereuten sie es oft, wenn dann doch ein Feind aufs Feld trat und in ihnen keinen würdigen Gegner fand.
Momentan haben wir es in Deutschland eher mit der Haltung von Ankh-Morpork, der größten Metropole der Scheibenwelt - einer Fantasy-Welt des Autoren Terry Pratchett. Die läßt in ihrer Hymne folgende Zeilen singen:
Der Säbelrassler sich für tapfer hält, aber wir haben kühn gekämpft mit Geld. Uns gehören eure Helme, uns gehören eure Schuh. Uns gehören eure Generäle - greift an, und ihr verliert im Nu.Indem wir Geld in alle Welt verteilen und nicht wenige Staaten unsere noch hervorragenden Waffen kaufen, erhandeln wir uns eine gewisse Stabilität. Im militärischen Verteidigungsbündnis Nato ist der Unmut über unser desolates Heer und unsere mangelnde Einsatz- und Hilfsbereitschaft bereits groß. Es wird also nicht ewig so weiter gehen - zumal als Bonus oben drauf eben unsere militärische Wirtschaft und Ingenieurskunst von den Weltfriedenhoffenden nach und nach vertrieben oder eingestampft wird. Waren unsere Waffen und Waffensystem in den letzten 200 Jahren bemerkenswert und wegweisend, so rutschen wir in einen Teufelskreis aus Verweigerung, Dämonisierung und politischer Bürokratie, die Forschund und Entwicklung ebenso unterdrückt wie Produktion und Umsetzbarkeit.
Der Glaube, unsere Nachbarn seien alles unsere Freunde und würden auf jetzt und alle Zeiten in friedlichem Glück mit uns leben und aus diesem Grunde bräuchten wir kein Militär mehr ist ein naiver und gefährlicher Irrglaube. Wie schnell sich Zustände ändern können haben nicht nur Georgien und die Ukraine in den letzten Jahren erleben müssen. Angesichts unserer hybrischen Haltung gegenüber anderen Ländern, denen wir beibringen wollen, wie sich "die Guten" zu verhalten haben, sollten wir auch nicht ausschließen, unsere Nachbarn zu verärgern und Bündnisse zu zerbrechen.
Krieg kann nicht immer vermieden werden. Stärke zu besitzen und zu demonstrieren mag unangenehm wirken für jeden, der lieber den Dialog sucht als den Kampf - aber davon auszugehen, dass unser Gegenüber genauso denkt ist naiv und dumm. Wenn man sich nur ein einziges Mal irrt, wird dies Leben kosten, vielleicht sogar die eigene Unabhängigkeit. Darauf zu vertrauen, dass andere die Kastanien aus dem Feuer holen funktioniert ebenso wenig auf Dauer.
Zumal die Früchte der Friedenserziehung keineswegs die Gewalt beendeten. Sie haben lediglich andere Ziele definiert. Wer erfahren hat, wie harsch gegen Bundeswehrstände bei Berufstagen an Schulen vorgegangen wurde, weiß, wie die harmloseren Reaktionen aussehen.
Die Hoffnung auf Frieden unter den Menschen ist mehr als ehrenvoll, sie als Ziel zu haben steht jedem Christenmenschen und jedem Vernunftmenschen an. Aber ebenso sollte man der Realität ins Auge sehen und nicht nackt in die Löwengrube springen, in der Hoffnung es dem heiligen Daniel gleich zu tun und die Löwen allein durch Glauben zu Friedfertigkeit zu bringen.
Vielmehr sollte man sich die Geschichte vom Frosch und dem Skorpion vor Augen führen.
Kampf, Krieg und Gewalt haben leider einen Platz in der Natur des Menschen und können nicht durch einseitige Abrüstung und naiver Idiotie besiegt werden. Wer seine Waffen niederlegt, sollte sich der Möglichkeit bewusst sein, ohne Gegenwehr erschlagen, versklavt oder gefoltert zu werden.