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Mittwoch, 3. Februar 2016

Was bedeutet Islamisierung in islamischen Ländern und bei uns? (Verbesserte & erweiterte Version)

Islamisierung. Das klingt abstrakt. Was soll das sein? Müssen alle 80 Millionen Einwohner Deutschlands übermorgen in die Moschee? Lächerlich. Das berichten uns ZDF, TAZ, Süddeutsche und viele weitere mittlerweile im Wochentakt. Es sind gar nicht so viele, die Mehrheit ist nicht Ultra und überhaupt heisst Islam Frieden, was soll da passieren?

Nicht Riad - Bonn Bad Godesberg
Man muss schon wirklich zwanghaft die Augen verschließen, um selbst die Ereignisse nicht mitzubekommen, welche unsere Presse ausnahmsweise veröffentlicht.
Aufkleber aus London
Noch fern von uns waren jene Aufkleber, welche sich vor etwa vier Jahren erstmals in London fanden. Sie verkündeten, es handele sich um eine "Sharia controlled Zone" in der Dinge wie Alkohol, Musik und Glücksspiel verboten seien - auch ohne Gesetze die dies besagten. 2013 veröffentlichte dann eine "Sharia police" aus East London Videos, die zeigten, wie sie in der Umgebung ihrer Moschee ihre Moralvorstellungen durchsetzten. Betrunkene oder Menschen mit einer Alkoholflasche in der Hand, Frauen mit kurzen Röcken und offensichtlich Homosexuelle "sprachen" sie an, was meist relativ lautstark oder autoritär geschah und verlangten sofort die Umgebung zu verlassen bzw. die Flaschen in den Müll zu werfen u.ä. Wer will, die Videos sind noch immer im Netz zu finden.
2014 folgte dann eine Salafistengruppe in Wuppertal diesem Beispiel und ging mit entsprechend beschrifteten Westen auf Streife.
Nun wurde in Berlin ein kurdischer Kioskbetreiber, sein Sohn und ein helfender Freund verletzt, als sie sich gegen die Attacken einer nach Aussage des Opfers muslimischen Jugendbande verteidigten, die ihn angriffen, weil er Alkohol verkaufte.

Diese Entwicklung sehen wir auch in der sich reislamisierenden Türkei und Ländern wie Iran, Ägypten oder Tunesien, wo das politisch korrekt schweigende westliche Kulturgefüge seinen Einfluß zugunsten von strikt nach den Geboten des Islam richtenden Gruppen verliert.
 Wer im Ramadan tagsüber in der Öffentlichkeit etwas zu sich nimmt oder gar Alkohol verkauft oder trinkt kann mächtig Ärger bekommen.

Beispiel Türkei

In Istanbul wurde 2011 erstmal das Alkoholverbot am Ramadan ausgesprochen, nachdem in der Türkei durch die herrschende AKP seit 2003 bereits die Alkoholsteuer immer wieder angehoben wurde - 2010 lag der Preis für Alkohol bereits 130% höher als zuvor. Eines der Resultate war der Anstieg an Schwarzbrennerei, welcher mehrere Male Touristen zum Opfer fielen, die "preiswerten Alkohol" kaufen wollten oder vorgesetzt bekamen.
2013 folgte dann das nächste Gesetz mit drei drastischen Verschärfungen.
So sollte ab 22 Uhr gar kein Alkohol mehr verkauft werden, in der "Nähe" von Moscheen und Schulen sollte der Ausschank und Verkauf generell verboten werden und generell keine Werbung mehr für Akohol. Wie sogar die TAZ feststellte ist die dichte von Moscheen in den meisten türkischen Städten, nicht nur in Istanbul extrem hoch. Würde das Gesetz konsequent umgesetzt, so wäre es nur noch an wenigen blinden Flecken, am ehesten noch in den Touristenhochburgen und -clubs möglich, zu trinken. Seitdem boomt ein Schwarzmarkt, wie in den USA zu Prohibitionszeiten.

Völlig zurecht wird darauf verwiesen, dass in der Geschichte des islamischen Reiches der Osmanen Alkohol existierte und konsumiert wurde, ebenso wie in der Türkei. Allein die Existenz des türkischen Kulturgetränkes Raki bewiese ja, wie falsch der Zusammenhang sei. Falsch sind allenfalls die vermeintlichen Kenntnisse der Geschichte. Denn im Osmanischen Reich gab es immer wieder Versuche der Kalifen bzw. Sultane, gegen den Alkohol vorzugehen - teilweise sogar während sie selbst durchaus gern einen Schluck tranken. Dies ist bspw. von Murad IV bekannt, der ein totales Verbot von Alkohol, Tabak und Kaffee erließ, obwohl er selbst, so sein Biograph Halil İnalcık, regelmäßig trank (Alkohol wie Kaffee).
Ähnliches wird dem Lieblingssultant der modernen Türkei nachgesagt: Süleyman dem Prächtigen. Schon die filmische Nutzung eines Alkoholglases in einer Historienserie im türkischen Fernsehn brachte in diesem Zusammenhang eine hitzige Debatte inklusive Versuche, die Darstellung des Sultans mit Haremsfrauen und Alkohol zu verbieten.
Bestenfalls inkonsequent kann dann der historische Umgang mit Alkohol genannt werden.

Ägypten

Als die islamischen Parteien im "arabischen Frühling" gewählt wurden, konnte man in Ägypten sehen, wohin die Islamisierung gehen würde. Die neue, auf der Scharia basierende Verfassung erinnerte in vielen Zügen an Länder wie Saudi-Arabien und beinhaltete neben Alkoholverboten auch Kleidungsvorschriften und vieles mehr. In einem Land, in dem die Touristik die bedeutendste Wirtschaftskraft darstellte ein erstaunliches Unterfangen, welches dann zuerst durch "besondere Zonen" wie Hotelanlagen entschärft werden sollte und schließlich durch den Militärputsch abgewendet wurde - nicht ohne zuvor auf dem Tahrir-Platz mehrfach demonstriert zu haben, welches Bild Frauen in der Öffentlichkeit weg hatten und was sich Männer meinten erlauben zu dürfen.



Bonn Bad Godesberg

Als vorbildlich bezeichnet - "deutsche Beschriftung größer"
Auch in Deutschland gibt es die ein oder andere Ecke, in der bereits das Strassenbild beginnt, sich zu verändern - wenn dies auch eher eine "Arabisierung" denn eine "Islamisierung" darstellt. Im Bonner Stadteil Bad Godesberg leben nicht nur viele Menschen mit arabischem, palästinensischen, iranischen und türkischem Migrationshintergrund, dort lebt sich auch ein Medizintourismus aus den arabischen Staaten aus, welcher, ähnlich wie in Ägypten, Devisen ins den Ort bringt und darum eine gewisse Narrenfreiheit geniesst. Ende letzten Jahres führte dies trotzdem zu einer Eingabe, in der die um sich greifende arabische Beschriftung kritisiert wurde. Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, die zum Schluss kam, dass von 31 kontrollierten Geschäften fast alle vorbildlich bilingual, also zweisprachig beschriftet seien (die Ausnahmen seien Italiener und eine "Ästethik-Chirurgin"...).  Eine Vorschrift wurde abgelehnt - ausgerechnet die Verbotsparteien Grüne und SPD sagten, dass Verbote und Vorschriften der falsche Weg zu einem friedlichen Miteinander seien.
Zweisprachige Beschriftung - auch dies sei perfekt
Grüne wie arabische Interessensvertreter räumen immerhin ein, dass ein Problem existiert - schuld sei aber die deutsche Gesellschaft. Die Araber hätten nicht Wissen können, dass vieles in Deutschland anders läuft und wie eine dominante arabische Beschriftung wirkt.

Als Beispiel für die Islamisierung Bonns bieten sich da eher die Verweise auf die Fahd-Akademie an, die, obwohl bekannt als radikale Moschee mit ausländischen Mitteln nach wie vor das Umfeld dominiert.

 
Schon seit Jahren wird über solche "No Go Zones" gesprochen. Mal soll es sie nicht geben, mal geben sogar Polizisten zu, in bestimmten Ecken Deutschlands nur noch in Mannschaftsstärken aufzulaufen und sogar alltäglichen Aufgaben nicht mehr nachkommen zu können.  Wenn das Steinke Sprachinstitut in Bonn seine Austauschstudenten vor bestimmten Ecken in Bonn mithilfe einer Karte warnte (nicht vor Nazis sondern vor vorwiegend muslimischen Einwanderern) so wird ihnen bestenfalls Panikmache, schlimmstenfalls Rassismus vorgeworfen - so wie einem indischen Studenten vorgehalten wird, seine Geschichte über den Versuch der Zwangsislamisierung gefolgt von schwerer Körperverletzung (an der Zunge) selbst inszeniert zu haben. Warum auch immer.


In England sind unterdessen aufgrund des dortigen "Common Law" auf Zivilebene bereits seit vielen Jahren Scharia-Gericht tätig. Wenn sie auch nicht gleiche oder gar höhere Anerkennung haben, als die staatlichen Gerichte, so fungieren sie als sog. "councils" und "tribunals". Bis zu 85 solche Höfe beschäftigen sich anerkannt und legal mit Dingen wie Scheidungsrecht, religiösen Pflichten und familiären Zwisten. Das dies nach dem Koran, der Scharia und den Haddithen meist mit Gleichberechtigung und Gleichbehandlung auf Kriegsfuß steht, ist für Kenner der Texte nicht überraschend.
Gerne wird versucht, diese Einrichtungen zu verharmlosen, seien sie eben keine richtigen Gerichte und das UK-Recht steche ihre Entscheidungen immer aus - allein, dafür müssten die Entscheidungen bis dorthin getragen werden. Solange diejenigen, welche die Scharia-Gerichte anrufen um bspw. einen Streit zu schlichten oder eine Scheidung zu regeln, solange haben diese Gerichte Macht - und da dies in Gebieten wie Luton oder East London tausende von Menschen sind, welche die staatlichen Stellen nicht nutzen oder gar nicht erst anerkennen, kann man sich die Verhältnisse bereits vorstellen.
Nochmal deutlich: hier herrscht bereits das religiöse Recht der Scharia, also des Islam.

Und so schließt sich der Kreis. Angefangen vom Strassenbild, welches mehr und mehr vollverschleierte Frauen und Männer mit Häkelkappen vor arabischer Werbung präsentiert, hin zu Schariageboten und -wächtern (die Herrn Jäger weit weniger Kopfzerbrechen bereiten als Bürgerwehren) bis zum Versagen der Polizei und Medienlandschaft bzw. Forderungen nach Verschärfung der Lästereigesetze (bspw. durch Prof. Christian Hillgruber).
Und da wird sakrosankt, was auf der christlichen Seite vehement unter Feuer steht - unter Beleidigungen die noch als "vorbildlich" betrachtet werden. Der Antwortbrief eines Apothekers, der normalerweise unter kindisch, beleidigend, formal fragwürdig, inhaltlich widersprüchlich angeprangert würde, gilt als ein tugendhaftes Beispiel - auch wenn er selbst anspricht, was hier wohl am problematischsten ist - die Gesetzeslage. Denn eigentlich dürfte der Apotheker weder die darin enthaltene Aufforderung äußern (Versorgungsgebot) noch den Ton Anschlagen (Kammervorschriften) - aber hier geschieht dies ja im guten Namen.
Auch das kann man als Islamisierung verstehen. Jesus, Christen und die Kirchen bzw. kirchliche Hilfsorganisationen mit allem Dreck bewerfen, den man sich denken kann - selbst in der FAZ kein Problem.
Den Hintergrund des Kopftuches als beleidigend empfinden? Ausgeburt des Rassismus. Der Islam ist ihm heilig, steht er doch auf dem Altar der (eingeschränkten) Toleranz.
Fehlt noch, dass die Apotheke bilingual beschriftet....

Mittwoch, 11. November 2015

Heute: Vorurteile

Ein Wort, welches derzeit wieder inflationär benutzt wird lautet "Vorurteile". Auch mir wurde jüngst genau das wiedervorgeworfen, doch dazu später mehr.
Was aber bedeutet das Wort eigentlich. Zuerst natürlich genau das, was es sagt: sich ein Urteil im vorraus zu bilden. Man kennt einen anderen Menschen noch nicht, hat noch keine oder kaum Informationen über den Betreffenden, meint aber genau zu wissen, "was für einer" derjenige ist. Oder man steckt denjenigen aufgrund bestimmter bekannter Umstände, wie Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht oder Behaarungsgrad in eine bestimmte Schublade. Man nimmt an, dass dieses Individuum mit den gleichen Gedankengängen, Ansichten, Vorsätzen, Werten und Hemmungen ausgestattet ist, wie eine (vermeintliche oder reale) Gruppe anderer Menschen.
Natürlich geht das auch mit Gruppen, Gegenständen, Ideen, Konzepten usw. Letztere natürlich ohne Behaarungsgrade.

Zum anderen kann es heute aber auch bedeuten, obwohl man Informationen zur Verfügung hat, die dem eigenen, bereits gebildeten Urteil widersprechen oder es in Frage stellen, bleibt man dabei. Eigentlich unter den Begriff Belehrungs- oder Faktenresistent fallend ist auch dies heute oftmals teil des sogenannten Vorurteils.

Mir sind Vorurteile von einem anderen Blogger vorgeworfen worden, dessen Namen ich hier nicht nenne, um nicht den Eindruck eines flamewars, eines kindischen Wortkrieges zu erwecken. Mir geht es um die Debatte, ihren Verlauf und die Inhalte, nicht um die Personen.
Zum Verständnis: jener Blogger schrieb einen kurzen Beitrag über ein Gespräch, welches er mit einem jungen Mann orientalischer Herkunft und muslimischen Glaubens hatte, welcher ihm versicherte, lediglich eine winzige, einstellige Prozentzahl der Muslime würden den IS gut finden oder unterstützen und alles, was an theologischen Behauptungen für ihre Sache aufgestellt würde, könnte er mit Koranstellen widerlegen.

Leichte Zweifel an diesen Aussagen kamen dem Bloggerkollegen, aber die freundliche Persönlichkeit und der gerade, ehrliche Blick in seine Augen brachten ihn auf seine Seite. So der Blogger selbst und soweit der Text.
Ich ließ mich hinreißen einen Kommentar zu verfassen, in welchem ich zum Ausdruck brachte, dass es in meinen Augen zwei Möglichkeiten gäbe. Die erste: der junge Mann glaubte, was er sagte. Dies würde ihn als einen guten Menschen definieren, der nach meinem Dafürhalten leider ein wenig naiv durch die Welt ginge. Oder zweitens - er hätte gelogen, was ich möglicherweise mit einem bestimmten Prinzip im Islam, der Taqiyya, in Verbindung sah.
Zu ersterer Vermutung, bzw. warum ich ihn für naiv hielte: in seinem Heimatland gibt es eine uralte christliche Gemeinde, welche in den letzten 10 bis 15 Jahren eine dramatische Verschärfung von Diskriminierung und Verfolgunge erleben musste - unerwähnt ließ ich dabei, dass sich dieses Beispiel auf fast alle islamischen Länder spiegeln lässt. In seinem Heimatland gibt es außerdem fast keine Juden mehr - diese wurden nach der Staatsgründung Israels vertrieben, ihr Besitz in Beschlag genommen, die Synagogen zerstört oder, in wenigen Fällen, enteignet. In den folgenden Jahren kam es wiederholt zu Konflikten und Kriegen mit Israel - und als der herrschende Diktator dann eines Tages einen Waffenstillstand vereinbarte, geriet er ins Visier der Kritik und schließlich von Extremisten, die ihn töteten. Diese Extremisten wurden mit einer überwältigenden Mehrheit vor einigen Jahren in der ersten wirklich freien Wahl des Landes gewählt und koalierten mit den Salafisten und anderen Islamisten. Als es zu erneuten Unruhen kam wurde die israelische Botschaft von einem wütenden Mob gestürmt. Auch dem Bloggerkollegen ist bekannt, dass jene gewählte Gruppe mehrheitlich als terroristische Gruppierung betrachtet wird und eine extrem gewälttätige Geschichte hat.
Ich denke, jeder, der sich ein wenig mit Geschichte oder dem Orient auskennt weiß nun, von welchem Land die Rede ist. Ägypten.
Um diese Vorgänge, inklusive dutzender Bombenattentate und Kirchenerstürmungen durch wütende Menschenmengen nicht mitzubekommen, muss ein von dort Kommender schon jeglichen Kontakt abgebrochen haben und auch bei uns die Nachrichten aus dem Land völlig meiden.

Aber zurück zur Diskussion: mir wurde durchaus sachkundig entgegnet, dass die Taqiyya sich lediglich auf lebensbedrohliche Momente beziehe, in denen die Verleugnung des Glaubens das eigene Dasein rettete. Wie dies interpretiert werden kann, darauf verwies ich mit Blick auf den im 12. Jh.n.Chr. verstorbenen islamischen Gelehrten al Ghazali, der die "Bedrohung" sehr weit fächerte. Auch die Tatsache, dass der Koran selbst Listen und Ränke mehrfach als lobenswerte Attribute benennt deutet auf eine andere Auslegungsmöglichkeit hin.
Da ich aber keine grundtheologische Debatte unter Nichttheologen beginnen wollte, beließ ich es bei den Hinweisen und konzentrierte mich darauf zu begründen, warum ich es für möglich hielte, dass die Aussagen des Betreffenden angesichts dessen was in seinem Heimatland passiert naiv oder gelogen erscheinen. Ich brachte Beispiele wie das Maspero Massaker, bei welchem sich die staatlichen Medien dazu hinreißen ließen, "aufrechte ägyptische Muslime" zur Niederschlagung des christlichen Aufruhrs aufzurufen. Ein Aufruf dem, auf den Videos dieser Nacht sichtbar, nicht Wenige folgten.
Ein, leider nicht von meinem Gesprächspartner genutztes, Gegenargument wäre der Hinweis auf jene Muslime gewesen, die am Protestmarsch der Kopten teilnahmen und so ebenfalls zu Opfern wurden, und auf jene Muslime, die den fliehenden Kopten halfen - um genau zu sein einige Mitarbeiter eines anderen, kleinen TV Senders, die viele der vor ihrem Gebäude verletzten Kopten in das Gebäude ließen und versorgten.
An der Stelle hätte sich faktenbasiert über Menschlichkeit und ihre Pauschalisierung diskutieren lassen.
Ein zweites von mir genanntes Beispiel war der Lynchmord an Maryam Sameh George, einer jungen Frau die 2014 von einem sich spontan versammelnden Mob aus ihrem Auto gezerrt, zusammengeschlagen und mit einem Messer mehrfach schwer verletzt wurde. Als Rettungskräfte eintrafen, hatte man die junge Frau in eine Moschee gezerrt und versperrte den Rettern den Weg - was diese offensichtlich nicht übermäßig motivierten Männer daran hinderte, ein Leben zu retten. Auslöser war ein Kreuz gewesen, welches vom Rückspiegel der Frau hing.
Es war nur ein Beispiel von dutzenden der letzten Jahre, und wer sich fünf Minuten mit Kopten unterhält, die genau darum hier Asyl beantragten und oftmals auch erhalten, der erfährt über eine Vielzahl weiterer. Weit mehr, als die doch sehr unvollständige Liste bei wikipedia verrät.

Aber das alles ist nicht neu und, so dachte ich zumindest, weithin bekannt. Die Bilder aus dem Jahr 2005 als tausende von Muslimen zusammen mit Polizisten die St. Georgskirche in Alexandria belagerten (und ja, der Begriff trifft es exakt) gingen vielleicht nicht in jedem Sender um die Welt, aber abgedruckt wurden sie doch.
Die Bombenanschläge, Entführungen und tödlichen Attacken sind seit ebenso vielen Jahren Routine. Nur besonders "erfolgreiche" Anschläge schaffen es allerdings zu Schlagzeilen in der westlichen Welt - davon gab es aber genug. Ich ging auch davon aus, dass die Tatsache, dass sich empörende Kopten sofort vom Staat attackiert werden, verbreitet oder schnell erfahrbar sei.
Spätestens aber mit der Wahl der oben bereits erwähnten Muslimbrüder und ihres Präsidenten Mursi hätte man es bemerken können. Allein im Jahr 2013 gab es über 110 dokumentierte Angriffe auf Kirchen, christliche Schulen und bekannte (nicht zwangsläufig berühmte) wie unbekannte Kopten - viele davon wurden durch hunderte oder gar tausende Anhänger der Muslimbrüder vorgetragen, in einigen haben die Soldaten und Polizisten, die zur Sicherheit postiert waren Fersengeld gegeben, sich dem Mob angeschlossen oder wurden ebenfalls attackiert. Etwa 50 Kirchen wurden in der Folge des 14.08. 2013 angegriffen, viele davon niedergebrannt. Auf die St. Markus-Kathedrale wurden über Tage und Wochen Angriffe verübt. Inklusive Schusswaffengebrauch. Sie ist die wohl bedeutendste koptische Kathedrale in Ägypten (und wohl auch weltweit).
Selbst die Nachrichtenagentur AP berichtete über den Angriff eines Mobs auf eine Franziskanerschule. Bei diesem Anschlag wurden die anwesenden Nonnen als Gefangene vorgeführt und von der wütenden Menge bedroht und gedemütigt. Gerettet wurden sie von einer einzelnen Muslima, die allein für sie aufstand und auf ihren bei der Polizei arbeitenden Sohn verwies. Zwei christliche Frauen die an der Schule arbeiteten hatten nicht so viel Glück.

Als Mursi und seine von einer deutlichen Mehrheit gewählten Muslimbrüder wie salafistischen Verbündeten vom Militär gestürzt wurden, gab es den eigentlich vorher fälligen Aufschrei der Empörung - der stärker wurde, als es die ersten Prozesse gab - die sich just um solche Angriffe drehten. Spätestens hier hätte jeder interessierte Mensch wenigstens Ansätze von dem erfahren können, was in dort passierte.
Und heute? Es hat sich kaum verbessert - lediglich die Legitimierung durch die Regierung fehlt nun.
So wurde eine Messe und Ehrung der Märtyrer, die von IS Anhängern in Libyen an einem Strand mit kleinen Messern enthauptet wurden durch einen wütenden Mob ansässiger Muslime massiv gestört - und am Ende sogar mit Molotov-Cocktails und Steinen beworfen.
Auch individuellere Formen der Verfolgung, wie etwa (versuchte und erfolgte) Enteignung hat sich nicht erledigt. 2014 ein dramatischer und öffentlicher Mord.

So war ich ehrlich erstaunt, als ich als Antwort auf meine beiden genannten Beispiele den Vorwurf erhielt, ich würde so aufgrund meiner Vorurteile gegenüber dem Islam schreiben, einen Menschen verurteilen den ich nicht kenne, und da ein deutscher Freund des Bloggers für eine Stiftung in Ägypten tätig war und nichts dergleichen berichteten konnte, glaube er nicht, dass es dort wirklich so schlimm zuginge, wie ich behauptete.

Und hier schließt sich der Kreis. Die Menschen glauben heute, Vorurteile seien stets nur negativ. Sie können aber auch positiv sein. Nicht positiv im Sinne, dass sie Gutes bewirken, sondern positiv im Sinne, dass man nichts glauben möchte, was das positive oder mindestens neutrale Bild welches man hat zerstört.
Die Zustände sind dokumentiert, die Attacken gefilmt, potographiert, bezeugt und teilweise verhandelt. Die Menschen fliehen und ihr Fluchtgrund ist geprüft und anerkannt. Die Toten wurden aufgebahrt und bestattet. Die Radikalen von Hunderttausenden und Millionen gewählt.
Bitte was gibt es da nicht zu glauben?
Es ist mir unbegreiflich, wie man "Vorurteile" vorwerfen kann, wenn man einen Absatz vorher die Rolle der Muslimbrüder als Terroristen anerkannte und wissen muss, dass diese fast 40% der Stimmen in der 2011/12er Wahl erhielten und die islamischen bzw. islamistischen Parteien insgesamt auf rund 70% der Stimmen der ägyptischen Bevölkerung kamen. Rechnet man die Kopten raus - die wohl sehr unwahrscheinlich für solche Parteien stimmten - wird die Zahl noch dramatischer.
Auch wurden bei verschiedenen Angriffen auf Kirchen Al Quaida oder Al Quaida-ähnliche Fahnen gezeigt und platziert.
Wie dies mit Behauptungen über eine winzige, einprozentige Unterstützerschaft für den IS zusammengehen will, das hätte ich gerne diskutiert.
Auf der einen Seite Extreme zu unterstellen (also mir Blindheit und Böswilligkeit aufgrund von Ablehnung und Unwissenheit) und auf der anderen Seite die Augen zu verschließen - das will mir nicht in den Kopf.
Die Gegenbeispiele für die Behauptungen sind endlos. Der Telegraph titelte vor nicht allzulanger Zeit mit dem Ergebnis einer BBC Umfrage, dass ca. 1/4 der englischen Muslime mit den Mördern von Paris, dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt und die Redaktion von Charlie Hebdo sowie eine Polizistin, sympathisierten und 40% die Sharia möchten. Nun mag das nicht der IS sein, sondern ihm "nur" verwandte Gruppen - aber ändert das wirklich etwas?
An vielen französischen Schulen wurden die Gedenkminuten für die Opfer der Terrortat gestört, die betreffenden muslimischen Schüler weigerten sich nicht nur die Tat als Verbrechen zu sehen, sondern auch den Ermordeten zu gedenken. Und sie waren damit nicht allein.
Eine Umfrage der ICM fand 16% offener Unterstützer für den IS in Frankreich. Wie hoch die Dunkelzahl ist, kann man nur mutmaßen - und damit vermutlich direkt wieder verdächtigt werden.
Wer sich mal die ein oder andere Stunde Zeit nimmt, um Umfragen und Debatten durchzugehen, der kommt auf ein Bild, dass in jedem Fall weit, sehr weit entfernt ist von einer einstelligen, niedrigen Prozentzahl an Unterstützern und Sympathisanten des Islamischen Staates und seiner Ansichten wie Methoden.

Ja, es gibt sie, die Gegenstimmen. Die Muslime und Muslima, die aufbegehren und ein Recht auf Kritik und Interpretation fordern. Menschen wie Kelek und Tibi. Diese Menschen gilt es zu unterstützen, zu bejubeln und als "welche von uns" anzusehen. Sie werden aber nicht nur von uns kaum unterstützt. Kelek war wohl die umstrittenste Person der "Islamkonferenz". Professor Kalisch, ein Konvertit, verlor aufgrund der Proteste über seine zu wenig konservative Art erst seinen Posten und über die permanenten Angriffe und Drohungen zu guter letzt noch seinen Glauben.
Und es gibt sie, Muslime die zu unserer Botschaft finden, zu Christen werden. Leider müssen sie das selbst in Europa oft heimlich tun. Und eine Heimkehr bedeutet ein sicheres Schicksal, wenn es doch bekannt wird.

 Ich schweife ab.

Das Thema der theologischen Untermauerung der Taten des IS oder dessen Widerlegung anhand des Koran - das sehe ich zwar ebenfalls anders, aber würde als Laie mit einem anderen Laien darüber kaum diskutieren, geschweige denn streiten. Lediglich die Breite in welcher der IS seine Ansichten durch die Hand zahlreicher Islamgelehrter in seinen Reihen untermauert gegenüber den etwas dünnen Protestpapieren europäischer Imame darlegt wäre mir einmal eine Diskussion wert - aber nicht auf der Basis mir unterstellter Vorurteile.

Am Ende bleibe ich bei meiner Ansicht. Da ich den betreffenden Mann nicht kenne, kann ich nicht einfach behaupten: er lügt - aber ich behaupte weiterhin, dass dies der Fall sein kann. Denn die Alternative ist: er glaubt, was er sagt und hat all die vielen Fakten und Vorfälle, die Nachrichten und Diskussionen nicht mitbekommen. Wie wahrscheinlich dies ist - das mag nun jeder selbst bewerten und darauf hoffen, es vielleicht eines Tages aufklären zu können.

Was mir selbst bleibt ist der fade Geschmack dieser Diskussion und des Vorwurfes des Vorurteiles, nach der Nennung von Fakten. Ist ein Urteil auf der Basis von Fakten und Ereignissen wirklich durch ein "der war da und hat sowas nicht gesehen" als Vorurteil abzuurteilen? Ich glaube nicht und bedauere den Verlauf der kurzen Diskussion zutiefst. Ich glaube, von dem Wenigen was ich gelesen habe, dass der Blogger ein guter Mensch ist und schlicht versucht auf Gedeih und Verderb das Gute in einer Gruppe von Menschen zu sehen. Aber vielleicht ist das ein Vorurteil. Ich weiß ja fast nichts über ihn.




Donnerstag, 5. November 2015

Ruhet in Frieden





Das letzte Bild von Darina Gromova, 10 Monate alt. Zusammen mit ihren Eltern in Sinai gestorben. Vermutlich ermordet durch eine Bombe oder eine Flugabwehrrakete. Ihr kleiner Körper wurde fast 20 Meilen vor der Absturzstelle gefunden, herausgerissen aus dem Flugzeug.

Meine Tochter ist 8 Monate alt, mein zweites Kind noch gar nicht geboren. Als ich vor wenigen Wochen das Bild eines ertrunkenen Jungen an einem türkischen Strand in allen Zeitungen und Nachrichtensendungen sah, da war ich zornig auf die Eltern, die dieses Kind in solche Gefahr brachten. Gefahr die sie kannten, Gefahr die bereits viele Leben gefordert hatte und Gefahr die vermeidbar war. Ich wurde noch wütender, als mir eine Mitschuld gegeben werden sollte, weil die EU nichts gegen diese Art von Schleusertum unternimmt.

Jetzt sitze ich nur vor dem Bildschirm, kämpfe mit den Tränen, weil eine kleine, junge Familie vermutlich, eher wahrscheinlich umgebracht worden war, als sie sich ein paar schöne Tage machte. Nicht damit rechnete, angegriffen zu werden, weil ihnen alle versicherten, sowas passiere nicht.
Und Wut, weil ihr Tod den gleichen Menschen egal ist. Weil keine Bildwelle auf die Menschen prasselt und die Verantwortung für die Bekämpfung von Terroristen, von dem Gedankengut hinter solchen Anschlägen einfordert.

Ruhe in Frieden, kleine Darina. Ich bete, dass Gott dir die Welt zeigt, auf die du im Bild so staunend blickst. Gebe der Allmächtige, dass deine Eltern sich im ewigen Leben an deinem Lachen erfreuen können.