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Freitag, 27. Mai 2016

Eine Geschichte von Gewalt und europäischem Fanatismus

Er steht auf der Bühne und wartet auf seinen Takt. Vor ihm die feiernde Menge, neben ihm seine Bandkollegen. Neben und am Rand der Bühne warten Freunde, Manager, Tourbegleiter. Es läuft gut. Mehrere Lieder sind begeistert aufgenommen worden. Bis auf eine verstimmte Gitarre am Anfang kam es zu keinen Problemen.
Ein Geräusch dringt durch den Klang der elektrischen Gitarre und des Schlagzeuges hinter ihm an sein Ohr. Er erkennt es sofort, auch andere der Band. Sein Vater hat es ihm schon als kleines Kind zu Gehör gebracht und erklärt, was zu tun ist.

Er dreht sich um und springt von der Bühne in Richtung des Backstage-Bereiches. Die Tür steht sperrangelweit offen und so läuft er ohne zu zögern zur Umkleide, begleitet von Bandkollegen und auf der Suche nach seiner Freundin.
Währenddessen steht der Gitarrist noch auf der Bühne. Er steht unter Schock. Rufe reißen ihn aus der entsetzten Starre, verursacht durch das, was er gerade sah. Auch er flieht.
Hinter der Bühne begegnet der Sänger einem der Terroristen. Gerade rechtzeitig kann er in den Gang zurückweichen, der Terrorist selbst geht weiter Raum für Raum ab.
 Die Band animiert verängstigte Besucher und Mitarbeiter zu fliehen. Suchen dabei Freunde in der Menge.

Die Rede ist von Jesse Hughes und den Eagles of Death Metal. Die Band war in den letzten Jahren eher ein Insider, Fans und Kennern der Szene bekannt. Keine Band mit Hits in den Charts.
Im November letzten Jahres ging dann eine Welle der Sympathiebekundungen ein und ihre Konzerte einige Monate darauf sollten umjubelte Symbole werden. Islamisten hatten das Konzert angegriffen, ca. 90 Menschen abgeschlachtet. Der Ort und Zeitpunkt wurden als Symbol gewertet, als Angriff auf Musik, auf Bands die in extremistischer Sichtweise verboten seien. Umso mehr wurde begrüßt, dass die Band sich nicht unterkriegen ließ. Wieder auf Tour ging. Wow, was sind wir, was sind unsere Werte stark. Unsere Freiheit zu spielen, singen, zeichnen und sagen was wir wollen...

Dann gab Jesse Hughes seine Meinung zu Stift und Papier oder Mikrofon. Er gab mehrere Interviews in denen er seine ureigene Meinung und seine Erlebnisse frei von der Leber plapperte.
Beispiel
Nebenbemerkung: Hughes bricht beinahe in Tränen aus als er berichtet, wie sein Gitarrist, der in der Mitte der Bühne nahe dem Publikum stand sah, wie die ersten Opfer getroffen wurden - "Dinge, die er noch nie im Leben gesehen hatte".
Hughes beklagt, dass die Menschen angesichts des kommenden Todes nicht kämpften oder rannten sondern viele sich hinwarfen oder dachten, durch Unterwerfung überleben zu können.

Da hörte es dann auf mit der Begeisterung.
Die Band, deren Musik durch einen Anschlag beendet werden sollte, wurde nun deshalb von mehreren Konzerten ausgeladen und die ersten Boykottaufrufe laufen durchs Internet.
Was sagte er?
Zuallererst: wer sich zwei Minuten mit der Band auseinandersetzt, der weiß, dass sie eine Indie-Band ist, in deren Reihen sich mehrere Meinungen und Haltungen finden. Hughes aber gehört zur Kategorie der konservativen "Rocker" (nein, die Band spielt kein Metal - auch wenn der Name es impliziert).
Außerdem sagte er selbst, er leide unter PTSD (post traumatic stress disorder). Menschen unter diesem Einfluß werden "normalerweise" als Geschädigte gesehen und ihre Äußerungen aufgrund der psychischen Nachwirkungen mit Nachsicht betrachtet. Außer...

Was also hatte er gesagt und behauptet?
Seiner Aussage nach seien mehrere Sicherheitsleute nicht zur Arbeit erschienen und ein ihm suspekt erscheinender Mitarbeiter der Security hatte deshalb nicht ausgetauscht werden können.
Hughes wirft also eine "Verschwörungstheorie" in den Raum, die u.a. zur Anschuldigung führt, dass die sonst stets verschlossene Backstagetür bei seiner Flucht bereits offen war und bereits Schüsse in diesem besonders gesicherten Bereich fielen.
Für diese Äußerungen hat er sich mittlerweile beim Team entschuldigt, das Bataclan hat aber die Justiz eingeschaltet. Ein erneuter Auftritt der Band dort bei der Wiedereröffnung erscheint somit ausgeschlossen.

Schwerwiegender wurden nun seine geschilderten Eindrücke aufgenommen.
“I saw Muslims celebrating in the street during the attack. I saw it with my own eyes. In real time! How did they know what was going on? There must have been coordination,” 
Seine Äußerungen werden als Verschwörungstheorien bezeichnet, manches ist nicht in Einklang mit den polizeilichen Ermittlungsergebnissen, anderes scheint nur auf den ersten Blick unmöglich.
So ist belegt, dass die Terroristen auch in den Backstagebereich kamen - ein Bereich der vom Publikumsareal nicht ohne Schlüssel oder Code betreten werden kann, jedenfalls nicht, solange ein Mensch der Security einfach die Türe schließt.
Auch im Backstage wurden Menschen ermordet, inklusive der Umkleide der Künstler, wo ein einziger junger Mann überlebte, der sich unter der Kleidung der Musiker verkroch.
Zeugenaussagen, Video und die Szenerie belegen, dass die Terroristen nicht auf die Bühne schossen, nicht auf die Künstler zielten, sondern so viele Opfer versuchten herbeizuführen als möglich. Und sie stießen erst auf Widerstand, als ein älterer, hochrangiger Polizeioffizier mit seinem Fahrer hereinstürmte und nach kurzem Schusswechsel, in welchem die beiden hoffnungslos unterlegen waren, sich wieder zurückziehen musste - mit einem achtungserfolg. Was folgte war eine lange Phase, in denen die Mörder tun und lassen konnten, was sie wollten, bis das Gebäude gestürmt wurde. Angeblich ging die Polizei von einer Geiselnahme aus - was eine offensichtliche Schutzbehauptung angesichts massiver Überforderung ist. Anschläge in der Stadt, Berge von Leichen und Verletzten im Eingangsbereich und was jener Offizier zu Gesicht bekam dürften belegt haben, worum es ging.

Wenn also eine Seite aufgrund eines Traumas und der typischen Unklarheit eines nicht ausgebildeten Zeugen und die andere aufgrund eigenen Versagens und politischer Agenda nicht exakt sagen können oder wollen, was passierte, wer ist dann ein Verschwörungstheoretiker?
Es sind jene, die behaupten, es seien Menschen ohne Unterstützung in der muslimischen Gemeinde Frankreichs gewesen, die so etwas taten. Es sind eben genau jene, die nun gegen Hughes vorgehen und pöbeln.
Als Mohammed Merah 2012 mehrere Soldaten, Kinder und ihren Vater ermordete, davon ein Video hochlud wie er einem kleinen Mädchen erst Schmerzen zufügte und ihr dann in den Kopf schoss, weil sie Jüdin war, da gab es eine signifikante Bewegung von Anhängern, die ihm zujubelte, die den Staat als Mörder bezeichnete, weil sich Merah nicht ergab sondern erschossen werden musste als man ihn stellte, die zu seinem Grab pilgern und ihn in Wandschmierereien hochleben lassen.
Als eine Schweigeminute nach den Anschlägen von Charlie Hebdo und dem jüdischen Supermarkt in Paris ausgerufen wurde, waren es muslimische Schüler, Studenten und Lehrer, welche diese Schweigeminute nicht nur störten sondern für Sympathiebekundungen nutzten.
Als nach den Novemberanschlägen Täter flüchtig waren, da gab es dutzende von Unterstützern und hunderte von Moscheen, die durchsucht werden mussten. In einer großen Zahl der Moscheen wurde man fündig - in Form von Propaganda, Anwerbungsmitteln, oft auch Waffen.
Und der letzte Flüchtige wurde von Helfern bis nach Belgien gebracht, und als er dort nach Wochen der Suche verhaftet wurde, da sammelte sich eine Menge und griff die Beamten sogar mit Steinwürfen an.

Es sind JENE Leute, die behaupten, dass es völlig unmöglich sei, dass Muslime sich über die erfolgreichen Anschläge gefreut hätten, die Verschwörungstheorien verbreiten - denn es GIBT diese Radikalen und es sind eben nicht wenige.
Es sind jene, die behaupteten, es gäbe keine Gefahr, dass durch die offenen Grenzen und die Völkerwanderung auch Terroristen nach Europa gelangen und dort leichtes Spiel hätten - nur um dann zu erleben wie drei von sechs Terroristen mit eben diesem Strom von Menschen in Verbindung gebracht wurden.
Es ist völlig richtig zu sagen: es sind aber nicht alle Muslime. Absolut. Man kann nicht losziehen und einfach alle Muslime verhaften oder internieren, weil es solche Terroristen und Terroristenfreunde gibt oder sie vielleicht einige Gedanken teilen. Aber man kann auch nicht die Augen schließen und jeden, der unangenehme Dinge berichtet dämonisieren.

Viel schlimmer ist der Missbrauch der Eagles of Death Metal. Erst wurde ihr Konzert genutzt um Menschen, die eindeutig nicht der wörtlichen Befolgung des Islam angehörten in Scharen niederzumetzeln.
Dann wurden sie als Symbol für die Maxime benutzt "sich vom Terrorismus nicht unterzukriegen, das Leben nicht verändern zu lassen" - als seien vermehrte Sicherheitskontrollen, Milliarden Mehrausgaben und Beamte im Dauerstress ebensowenig Veränderung, wie die plötzliche Zurückhaltung beim Thema Islam und Muslime, bei der Einrichtung von Gremien welche Zensur ausüben, wo eben noch die Meinungsfreiheit und die angebliche Kultur des "alles sagen dürfens" herrschte.
Und jetzt werden sie wieder benutzt, von genau jenen Blockwarten, die alles eben doch dem Terror anpassen und politisieren. Von jenen die bestimmen, was "richtig" und was "falsch" ist, sogar, was die Zeugen und Opfer eines Anschlages erlebten und was nicht.

Hughes ist kein Politiker. Er ist Musiker. Und er hat eine Meinung - zu der nebenbei auch zählt, dass die strengen Waffengesetze Frankreichs im November nicht ein einziges Leben retten konnten.
Genauer sagte er: solange nicht absolut sicher ist, dass alle unbewaffnet sind, sollte jeder bewaffnet sein.

Er ist ein Opfer von Terroristen, der berichtet, was er gesehen hat oder glaubt gesehen zu haben.
Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht. Ich war nicht dabei. Einiges klingt unglaublich - aber nichts davon unmöglich.
Solange er auf der Bühne aber Musik macht und keine Politik haben Konzertveranstalter ihn und seine Band verdammt noch mal nicht auszuladen.

Kurz nach den Anschlägen wurde zur Solidarität aufgerufen, zum Kauf des Songs "Save A Prayer" bei Amazon, einem Coversong von Duran Duran, welche alle Einnahmen den Opfern zugute kommen ließen.
Da die Musik bei Youtube eingestellt ist, gehe ich von der Klärung der Urheberrechte aus und verlinke hier erneut auf den Song - denn an meiner Solidarität hat sich nichts geändert.
Ich teile nicht alle Meinungen und Aussagen Hughes oder der anderen Bandmitglieder. Muss ich auch nicht. Aber er hat ein Recht darauf und was jetzt läuft ist genau das, was die Terroristen ebenfalls erreichen wollten. Radikale gibt es eben doch in vielen Formen.
Hier ein Interview mit der ganzen Band

Statt des angeblichen "Jetzt erst recht!" also nun ein "das dürft ihr nicht!" Da gibt es eine große Zahl Menschen, die dem zustimmen - und viele davon versklaven Nichtmuslime und ermorden Häretiker...

Montag, 16. November 2015

Muslime trauen sich - Update 18.11.

Da ich in den letzten Tagen und auch kommend ziemlich kritisch über den Islam und Muslime als Gruppe schreibe, ist es mir wichtig die Gegenbeispiele zu würdigen.

In den letzten Tagen haben sich mehrere Prominente aber auch völlig unbekannte Muslime öffentlich gegen den IS und mitunter auch gegen den Islamismus gewandt. Nicht nur in Lippenbekenntnissen, sondern in direkten Aufrufen an ihre Glaubensbrüder, sich öffentlich gegen den Terror, gegen Gewalt zu bekennen.
Ein Beispiel dafür ist Dr. Taj Hargey, der im englischen Daily Mirror, einer Art BILD Englands sich klar positioniert und die Muslime dafür kritisiert, sich nicht lautstark zu versammeln, gegen die Gewalt und den, in seinen Augen, Missbrauch des Islams aufzubegehren. Er betont, dass es zwar Demos gegen Salman Rushdies Buch gegeben habe, nicht aber in Antwort auf die Anschläge von London 2006. Er ist der Meinung, hätte es solche Proteste der muslimischen Gemeinde in England gegeben, so wäre der Terror heute weit weniger stark verbreitet. Er sagt, der Koran fordere die höchste Loyalität nicht gegenüber dem Islam, sondern Wahrheit und Gerechtigkeit.

Ich stimme ihm in theologischen Dingen nicht zu, aber ich bin weder Muslim noch Theologiegelehrter. Überzeugen könnte mich allerdings nur der Erfolg seiner Forderung. Nichts desto trotz sind es Muslime wie Hargey, die Europa braucht und die gefördert werden sollten.

Husain Haqqani ist ein anderes Beispiel, der sich zu den Anschlägen zu Wort meldete. Er ist der ehemalige pakistanische Botschafter und hat einen Text herausgegeben, in welchem er zwar einen Teil der Schuld für den Terror auf den Westen schiebt, der mit der Moderne den Orient überrollte und so einen anti-modernistischen Impuls auslöste, den wir heute als radikalen Islam erleben. Dabei ist für ihn klar, dass militärisch der Orient bzw. die Muslime keine Chance haben, aus den Konflikten der Vergangenheit aber mehrere terroristische Methoden entwickelten, diese Niederlage nicht eingestehen zu müssen und den Kampf aufrecht zu erhalten.
Seine Forderung ist, dass moderate Muslime mit starken Kampagnen und einer deutlichen Theologie den geistigen Kampf aufnehmen. Es dürfte ihm klar sein, dass die Antwort der Radikalen aus Gewalt bestehen dürfte, aber die Notwendigkeit den "mittelalterlichen Islam" hinter sich zu lassen und eine moderne Version aufzubauen steht für ihn außer Frage.

Wer weitere Beispiele für mutiges Aufstehen findet oder erwähnt sehen will, einfach in den Kommentaren einen Hinweis hinterlassen. Ich freue mich über jeden.

Die Gegner dieser Männer sind aber nicht nur Terroristen sondern auch solche, die offen in Europa den islamischen Staat fordern, debattieren und ihre verharmlosenden Helfer in Politik, zivilem Engagement (wie Pax Christi) und Medien.
So gesehen am Abend der Anschläge in England:


Auch Frau Kelek hat sich mal wieder gemeldet. Ich zitiere einen Absatz aus der NZZ
Muslime in aller Welt sind entsetzt darüber, was in ihrem Namen passiert. Aber sie tun nicht wirklich etwas, um ihren Glauben von der politischen Ideologie zu befreien. Man distanziert sich nicht von Versen im Koran, die zu Mord an Andersgläubigen aufrufen. Es gibt keine Theologie, die die Rolle des Propheten als Kriegsherr hinterfragt. Weil der Islam alles sein kann, ist er das, was in seinem Namen geschieht. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Anders gesagt: Der Islam ist, was er ist, und nicht das, was man über ihn sagt oder sich von ihm erträumt.


Off topic Nebenbemerkung: vorgestern habe ich als Meldung im Radio gehört, dass unsere Nationalmannschaft als Vorsichtsmaßnahme die Nacht des Anschlages im Stadion verbrachte. Es wäre ihnen nicht zuzumuten gewesen, in die nicht gesicherten und unbewachten Hotels gebracht zu werden.

Währenddessen sangen die franzözischen Fans stolz und trotzig in dichten Massen in den Gängen des Stadions während sie nach Explosionen evakuiert werden ihre Nationalhymne und stellten noch in der Nacht erste Blumen und Gedenken auf.

Mittwoch, 11. November 2015

Heute: Vorurteile

Ein Wort, welches derzeit wieder inflationär benutzt wird lautet "Vorurteile". Auch mir wurde jüngst genau das wiedervorgeworfen, doch dazu später mehr.
Was aber bedeutet das Wort eigentlich. Zuerst natürlich genau das, was es sagt: sich ein Urteil im vorraus zu bilden. Man kennt einen anderen Menschen noch nicht, hat noch keine oder kaum Informationen über den Betreffenden, meint aber genau zu wissen, "was für einer" derjenige ist. Oder man steckt denjenigen aufgrund bestimmter bekannter Umstände, wie Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht oder Behaarungsgrad in eine bestimmte Schublade. Man nimmt an, dass dieses Individuum mit den gleichen Gedankengängen, Ansichten, Vorsätzen, Werten und Hemmungen ausgestattet ist, wie eine (vermeintliche oder reale) Gruppe anderer Menschen.
Natürlich geht das auch mit Gruppen, Gegenständen, Ideen, Konzepten usw. Letztere natürlich ohne Behaarungsgrade.

Zum anderen kann es heute aber auch bedeuten, obwohl man Informationen zur Verfügung hat, die dem eigenen, bereits gebildeten Urteil widersprechen oder es in Frage stellen, bleibt man dabei. Eigentlich unter den Begriff Belehrungs- oder Faktenresistent fallend ist auch dies heute oftmals teil des sogenannten Vorurteils.

Mir sind Vorurteile von einem anderen Blogger vorgeworfen worden, dessen Namen ich hier nicht nenne, um nicht den Eindruck eines flamewars, eines kindischen Wortkrieges zu erwecken. Mir geht es um die Debatte, ihren Verlauf und die Inhalte, nicht um die Personen.
Zum Verständnis: jener Blogger schrieb einen kurzen Beitrag über ein Gespräch, welches er mit einem jungen Mann orientalischer Herkunft und muslimischen Glaubens hatte, welcher ihm versicherte, lediglich eine winzige, einstellige Prozentzahl der Muslime würden den IS gut finden oder unterstützen und alles, was an theologischen Behauptungen für ihre Sache aufgestellt würde, könnte er mit Koranstellen widerlegen.

Leichte Zweifel an diesen Aussagen kamen dem Bloggerkollegen, aber die freundliche Persönlichkeit und der gerade, ehrliche Blick in seine Augen brachten ihn auf seine Seite. So der Blogger selbst und soweit der Text.
Ich ließ mich hinreißen einen Kommentar zu verfassen, in welchem ich zum Ausdruck brachte, dass es in meinen Augen zwei Möglichkeiten gäbe. Die erste: der junge Mann glaubte, was er sagte. Dies würde ihn als einen guten Menschen definieren, der nach meinem Dafürhalten leider ein wenig naiv durch die Welt ginge. Oder zweitens - er hätte gelogen, was ich möglicherweise mit einem bestimmten Prinzip im Islam, der Taqiyya, in Verbindung sah.
Zu ersterer Vermutung, bzw. warum ich ihn für naiv hielte: in seinem Heimatland gibt es eine uralte christliche Gemeinde, welche in den letzten 10 bis 15 Jahren eine dramatische Verschärfung von Diskriminierung und Verfolgunge erleben musste - unerwähnt ließ ich dabei, dass sich dieses Beispiel auf fast alle islamischen Länder spiegeln lässt. In seinem Heimatland gibt es außerdem fast keine Juden mehr - diese wurden nach der Staatsgründung Israels vertrieben, ihr Besitz in Beschlag genommen, die Synagogen zerstört oder, in wenigen Fällen, enteignet. In den folgenden Jahren kam es wiederholt zu Konflikten und Kriegen mit Israel - und als der herrschende Diktator dann eines Tages einen Waffenstillstand vereinbarte, geriet er ins Visier der Kritik und schließlich von Extremisten, die ihn töteten. Diese Extremisten wurden mit einer überwältigenden Mehrheit vor einigen Jahren in der ersten wirklich freien Wahl des Landes gewählt und koalierten mit den Salafisten und anderen Islamisten. Als es zu erneuten Unruhen kam wurde die israelische Botschaft von einem wütenden Mob gestürmt. Auch dem Bloggerkollegen ist bekannt, dass jene gewählte Gruppe mehrheitlich als terroristische Gruppierung betrachtet wird und eine extrem gewälttätige Geschichte hat.
Ich denke, jeder, der sich ein wenig mit Geschichte oder dem Orient auskennt weiß nun, von welchem Land die Rede ist. Ägypten.
Um diese Vorgänge, inklusive dutzender Bombenattentate und Kirchenerstürmungen durch wütende Menschenmengen nicht mitzubekommen, muss ein von dort Kommender schon jeglichen Kontakt abgebrochen haben und auch bei uns die Nachrichten aus dem Land völlig meiden.

Aber zurück zur Diskussion: mir wurde durchaus sachkundig entgegnet, dass die Taqiyya sich lediglich auf lebensbedrohliche Momente beziehe, in denen die Verleugnung des Glaubens das eigene Dasein rettete. Wie dies interpretiert werden kann, darauf verwies ich mit Blick auf den im 12. Jh.n.Chr. verstorbenen islamischen Gelehrten al Ghazali, der die "Bedrohung" sehr weit fächerte. Auch die Tatsache, dass der Koran selbst Listen und Ränke mehrfach als lobenswerte Attribute benennt deutet auf eine andere Auslegungsmöglichkeit hin.
Da ich aber keine grundtheologische Debatte unter Nichttheologen beginnen wollte, beließ ich es bei den Hinweisen und konzentrierte mich darauf zu begründen, warum ich es für möglich hielte, dass die Aussagen des Betreffenden angesichts dessen was in seinem Heimatland passiert naiv oder gelogen erscheinen. Ich brachte Beispiele wie das Maspero Massaker, bei welchem sich die staatlichen Medien dazu hinreißen ließen, "aufrechte ägyptische Muslime" zur Niederschlagung des christlichen Aufruhrs aufzurufen. Ein Aufruf dem, auf den Videos dieser Nacht sichtbar, nicht Wenige folgten.
Ein, leider nicht von meinem Gesprächspartner genutztes, Gegenargument wäre der Hinweis auf jene Muslime gewesen, die am Protestmarsch der Kopten teilnahmen und so ebenfalls zu Opfern wurden, und auf jene Muslime, die den fliehenden Kopten halfen - um genau zu sein einige Mitarbeiter eines anderen, kleinen TV Senders, die viele der vor ihrem Gebäude verletzten Kopten in das Gebäude ließen und versorgten.
An der Stelle hätte sich faktenbasiert über Menschlichkeit und ihre Pauschalisierung diskutieren lassen.
Ein zweites von mir genanntes Beispiel war der Lynchmord an Maryam Sameh George, einer jungen Frau die 2014 von einem sich spontan versammelnden Mob aus ihrem Auto gezerrt, zusammengeschlagen und mit einem Messer mehrfach schwer verletzt wurde. Als Rettungskräfte eintrafen, hatte man die junge Frau in eine Moschee gezerrt und versperrte den Rettern den Weg - was diese offensichtlich nicht übermäßig motivierten Männer daran hinderte, ein Leben zu retten. Auslöser war ein Kreuz gewesen, welches vom Rückspiegel der Frau hing.
Es war nur ein Beispiel von dutzenden der letzten Jahre, und wer sich fünf Minuten mit Kopten unterhält, die genau darum hier Asyl beantragten und oftmals auch erhalten, der erfährt über eine Vielzahl weiterer. Weit mehr, als die doch sehr unvollständige Liste bei wikipedia verrät.

Aber das alles ist nicht neu und, so dachte ich zumindest, weithin bekannt. Die Bilder aus dem Jahr 2005 als tausende von Muslimen zusammen mit Polizisten die St. Georgskirche in Alexandria belagerten (und ja, der Begriff trifft es exakt) gingen vielleicht nicht in jedem Sender um die Welt, aber abgedruckt wurden sie doch.
Die Bombenanschläge, Entführungen und tödlichen Attacken sind seit ebenso vielen Jahren Routine. Nur besonders "erfolgreiche" Anschläge schaffen es allerdings zu Schlagzeilen in der westlichen Welt - davon gab es aber genug. Ich ging auch davon aus, dass die Tatsache, dass sich empörende Kopten sofort vom Staat attackiert werden, verbreitet oder schnell erfahrbar sei.
Spätestens aber mit der Wahl der oben bereits erwähnten Muslimbrüder und ihres Präsidenten Mursi hätte man es bemerken können. Allein im Jahr 2013 gab es über 110 dokumentierte Angriffe auf Kirchen, christliche Schulen und bekannte (nicht zwangsläufig berühmte) wie unbekannte Kopten - viele davon wurden durch hunderte oder gar tausende Anhänger der Muslimbrüder vorgetragen, in einigen haben die Soldaten und Polizisten, die zur Sicherheit postiert waren Fersengeld gegeben, sich dem Mob angeschlossen oder wurden ebenfalls attackiert. Etwa 50 Kirchen wurden in der Folge des 14.08. 2013 angegriffen, viele davon niedergebrannt. Auf die St. Markus-Kathedrale wurden über Tage und Wochen Angriffe verübt. Inklusive Schusswaffengebrauch. Sie ist die wohl bedeutendste koptische Kathedrale in Ägypten (und wohl auch weltweit).
Selbst die Nachrichtenagentur AP berichtete über den Angriff eines Mobs auf eine Franziskanerschule. Bei diesem Anschlag wurden die anwesenden Nonnen als Gefangene vorgeführt und von der wütenden Menge bedroht und gedemütigt. Gerettet wurden sie von einer einzelnen Muslima, die allein für sie aufstand und auf ihren bei der Polizei arbeitenden Sohn verwies. Zwei christliche Frauen die an der Schule arbeiteten hatten nicht so viel Glück.

Als Mursi und seine von einer deutlichen Mehrheit gewählten Muslimbrüder wie salafistischen Verbündeten vom Militär gestürzt wurden, gab es den eigentlich vorher fälligen Aufschrei der Empörung - der stärker wurde, als es die ersten Prozesse gab - die sich just um solche Angriffe drehten. Spätestens hier hätte jeder interessierte Mensch wenigstens Ansätze von dem erfahren können, was in dort passierte.
Und heute? Es hat sich kaum verbessert - lediglich die Legitimierung durch die Regierung fehlt nun.
So wurde eine Messe und Ehrung der Märtyrer, die von IS Anhängern in Libyen an einem Strand mit kleinen Messern enthauptet wurden durch einen wütenden Mob ansässiger Muslime massiv gestört - und am Ende sogar mit Molotov-Cocktails und Steinen beworfen.
Auch individuellere Formen der Verfolgung, wie etwa (versuchte und erfolgte) Enteignung hat sich nicht erledigt. 2014 ein dramatischer und öffentlicher Mord.

So war ich ehrlich erstaunt, als ich als Antwort auf meine beiden genannten Beispiele den Vorwurf erhielt, ich würde so aufgrund meiner Vorurteile gegenüber dem Islam schreiben, einen Menschen verurteilen den ich nicht kenne, und da ein deutscher Freund des Bloggers für eine Stiftung in Ägypten tätig war und nichts dergleichen berichteten konnte, glaube er nicht, dass es dort wirklich so schlimm zuginge, wie ich behauptete.

Und hier schließt sich der Kreis. Die Menschen glauben heute, Vorurteile seien stets nur negativ. Sie können aber auch positiv sein. Nicht positiv im Sinne, dass sie Gutes bewirken, sondern positiv im Sinne, dass man nichts glauben möchte, was das positive oder mindestens neutrale Bild welches man hat zerstört.
Die Zustände sind dokumentiert, die Attacken gefilmt, potographiert, bezeugt und teilweise verhandelt. Die Menschen fliehen und ihr Fluchtgrund ist geprüft und anerkannt. Die Toten wurden aufgebahrt und bestattet. Die Radikalen von Hunderttausenden und Millionen gewählt.
Bitte was gibt es da nicht zu glauben?
Es ist mir unbegreiflich, wie man "Vorurteile" vorwerfen kann, wenn man einen Absatz vorher die Rolle der Muslimbrüder als Terroristen anerkannte und wissen muss, dass diese fast 40% der Stimmen in der 2011/12er Wahl erhielten und die islamischen bzw. islamistischen Parteien insgesamt auf rund 70% der Stimmen der ägyptischen Bevölkerung kamen. Rechnet man die Kopten raus - die wohl sehr unwahrscheinlich für solche Parteien stimmten - wird die Zahl noch dramatischer.
Auch wurden bei verschiedenen Angriffen auf Kirchen Al Quaida oder Al Quaida-ähnliche Fahnen gezeigt und platziert.
Wie dies mit Behauptungen über eine winzige, einprozentige Unterstützerschaft für den IS zusammengehen will, das hätte ich gerne diskutiert.
Auf der einen Seite Extreme zu unterstellen (also mir Blindheit und Böswilligkeit aufgrund von Ablehnung und Unwissenheit) und auf der anderen Seite die Augen zu verschließen - das will mir nicht in den Kopf.
Die Gegenbeispiele für die Behauptungen sind endlos. Der Telegraph titelte vor nicht allzulanger Zeit mit dem Ergebnis einer BBC Umfrage, dass ca. 1/4 der englischen Muslime mit den Mördern von Paris, dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt und die Redaktion von Charlie Hebdo sowie eine Polizistin, sympathisierten und 40% die Sharia möchten. Nun mag das nicht der IS sein, sondern ihm "nur" verwandte Gruppen - aber ändert das wirklich etwas?
An vielen französischen Schulen wurden die Gedenkminuten für die Opfer der Terrortat gestört, die betreffenden muslimischen Schüler weigerten sich nicht nur die Tat als Verbrechen zu sehen, sondern auch den Ermordeten zu gedenken. Und sie waren damit nicht allein.
Eine Umfrage der ICM fand 16% offener Unterstützer für den IS in Frankreich. Wie hoch die Dunkelzahl ist, kann man nur mutmaßen - und damit vermutlich direkt wieder verdächtigt werden.
Wer sich mal die ein oder andere Stunde Zeit nimmt, um Umfragen und Debatten durchzugehen, der kommt auf ein Bild, dass in jedem Fall weit, sehr weit entfernt ist von einer einstelligen, niedrigen Prozentzahl an Unterstützern und Sympathisanten des Islamischen Staates und seiner Ansichten wie Methoden.

Ja, es gibt sie, die Gegenstimmen. Die Muslime und Muslima, die aufbegehren und ein Recht auf Kritik und Interpretation fordern. Menschen wie Kelek und Tibi. Diese Menschen gilt es zu unterstützen, zu bejubeln und als "welche von uns" anzusehen. Sie werden aber nicht nur von uns kaum unterstützt. Kelek war wohl die umstrittenste Person der "Islamkonferenz". Professor Kalisch, ein Konvertit, verlor aufgrund der Proteste über seine zu wenig konservative Art erst seinen Posten und über die permanenten Angriffe und Drohungen zu guter letzt noch seinen Glauben.
Und es gibt sie, Muslime die zu unserer Botschaft finden, zu Christen werden. Leider müssen sie das selbst in Europa oft heimlich tun. Und eine Heimkehr bedeutet ein sicheres Schicksal, wenn es doch bekannt wird.

 Ich schweife ab.

Das Thema der theologischen Untermauerung der Taten des IS oder dessen Widerlegung anhand des Koran - das sehe ich zwar ebenfalls anders, aber würde als Laie mit einem anderen Laien darüber kaum diskutieren, geschweige denn streiten. Lediglich die Breite in welcher der IS seine Ansichten durch die Hand zahlreicher Islamgelehrter in seinen Reihen untermauert gegenüber den etwas dünnen Protestpapieren europäischer Imame darlegt wäre mir einmal eine Diskussion wert - aber nicht auf der Basis mir unterstellter Vorurteile.

Am Ende bleibe ich bei meiner Ansicht. Da ich den betreffenden Mann nicht kenne, kann ich nicht einfach behaupten: er lügt - aber ich behaupte weiterhin, dass dies der Fall sein kann. Denn die Alternative ist: er glaubt, was er sagt und hat all die vielen Fakten und Vorfälle, die Nachrichten und Diskussionen nicht mitbekommen. Wie wahrscheinlich dies ist - das mag nun jeder selbst bewerten und darauf hoffen, es vielleicht eines Tages aufklären zu können.

Was mir selbst bleibt ist der fade Geschmack dieser Diskussion und des Vorwurfes des Vorurteiles, nach der Nennung von Fakten. Ist ein Urteil auf der Basis von Fakten und Ereignissen wirklich durch ein "der war da und hat sowas nicht gesehen" als Vorurteil abzuurteilen? Ich glaube nicht und bedauere den Verlauf der kurzen Diskussion zutiefst. Ich glaube, von dem Wenigen was ich gelesen habe, dass der Blogger ein guter Mensch ist und schlicht versucht auf Gedeih und Verderb das Gute in einer Gruppe von Menschen zu sehen. Aber vielleicht ist das ein Vorurteil. Ich weiß ja fast nichts über ihn.




Freitag, 7. März 2014

Ein Blick in die Vergangenheit, eine ferne Gegenwart und möglicherweise unsere Zukunft

Wer im Nachkriegsdeutschland aufwuchs erhielt in der Schule und spätestens ab den 60ern in allen Medien ein umfassendes Bild des Schreckens, der nach 34 in die Weimarer Republik und das Dritte Reich einzog und sich stetig intensivierte, bis 1945 die Alliierten das Land einnahmen, dein großer Tteil der verantwortlichen Verbrecher sich selbst umbrachte oder vor Gericht gestellt wurde. Problematisch in der Behandlung ist heute die letzte Phase in der Aufarbeitung. Die zivilen Opfer der Bombenangriffe werden entweder von Rechtsradikalen als Kronzeugen für ihre Anliegen missbraucht oder ihr gewaltsamer Tod wird von Menschenächtern der anderen politischen Richtung bejubelt. Interessierte finden immerhin noch etwas über die Verbrechen der Roten Armee in den von ihnen befreiten und im Gegenzug selbst besetzten Ländern, wobei die Dimension meist kleingeredet wird, ebenso wie die Angriffe auf Flüchtlingstrecks und -schiffe. Politisch brisant wird es dann, wenn es um Übergriffe auf die Zivilbevölkerung bspw. im Gebiet der heutigen Tschechei und Slowakei geht - dann kochen auch heute sofort die Emotionen hoch, zumal wenn aufrichtige Regisseure sich diesem dunklen Fleck stellen. Immerhin hatte dies einen neuen Ansatz der Aufarbeitung zur Folge, ein Schritt, dem man Respekt zollen muss.

Exkurs
Weniger Respekt muss man vor der doch eigentlich so umfangreichen deutschen Aufarbeitung haben. Hierzulande stehen, liegen, hängen und mahnen Denkmäler an vielen Orten und manche (pseudo-)politische Gruppe wählt das Motto "Nie wieder". Und trotzdem finden sich immer wieder Vergleiche der geschmacklosen Art. Am schlimmsten finde ich persönlich dabei die Behauptung, Gaza wäre das neue Warschauer Ghetto. Es gibt einige Personen mit Rang, die diesen klitternden Unsinn bereits in den Mund genommen haben. Leider haben es auch deutsche katholische Bischöfe darunter geschafft, als 2007 Bischof Mixa und Hanke bei einem Besuch im Heiligen Land sich verstiegen. Zwar nahm zumindest Bischof Hanke die Äußerung zurück und Kardinal Lehmann entschuldigte sich dafür, aber ein gesprochenes Wort macht man nicht ungehört und der Ungedanke besteht ja. Wer weitere Beispiele dieses perversen Vergleiches möchte bemühe die Bildersuche von google, denn die deutschen Texte sind nicht so eindeutig wie die Karrikaturen und Zeichnungen.
Wer den Vergleich kritisiert, wie etwa H.M. Broder bei seiner Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki
Im Warschau der dorthin deportierten Juden gab es kein Luxusrestaurant, kein Luxushotel, keine Zahlungen aus dem Ausland, keine eigene bewaffnete Kraft, keine Probleme mit Übergewicht, keine freien Wahlen und keinen Putsch gegen deren Gewinner, und die Bevölkerung nahm stetig, vor allem durch Hunger, Krankheit und Deportation zur industriellen Massenermordung ab während sie in Gaza kontinuierlich wächst und wächst. Und niemals wären die Bewohner in Warschau auf Organisationen losgegangen, die versuchen ihnen zu helfen oder über Missstände zu berichten - wenn es sie denn dort hätte geben können.





Vergangenheit



In Warschau war es unendlich viel Schlimmer. Auf offener Strasse verhungerten die in Lumpen gehüllten Kinder, während andere zunehmend abgestumpft drumerherum gehen oder stehen.
Deutsche Polizeikräfte und Soldaten wie auch ihre Verbündeten prügelten Gefangene zu Tode - oft genug belegen Zeugenaussagen, dass es spontane Vorfälle waren, bei denen die Täter nicht von Wut und Hass erfüllt handelten sondern mit einem eiskalten Trieb zu quälen und zu töten.
Oft genug passierte Vergleichbares in Deutschland selbst. Ob Reichskristallnacht, die zunehmenden Schikanen oder Übergriffe, vorurteilschürende Propaganda bis zur Deportation vor den Augen der Bevölkerung - die Täter agierten nicht wie ein wütender Mob der sich über ein konkretes Ereignis erhitzt sondern durchdacht und organisiert. Dieser Aspekt wird m.E. nicht genug betont, wenn über die Verbrechen dieser Zeit berichtet und belehrt wird. Vorurteile, Rassismus, Antisemitismus, Ablehnung Andersdenkender und -lebender sind die Kernthemen - kaum wird über die Äußerungsformen.
Da gibt es die latente Wut, die brodelnde Bereitschaft zu explodieren und dabei zu zerstören und zu morden, die Opfer noch im Tode zu entwürdigen. Und da gibt es das gezielte, geplante Auslöschen mit dem Ziel höchstmöglicher Effizienz. Während die einen die Köpfe und gemarterten Körper ihrer Opfer präsentieren versuchen die anderen diese schnellstmöglich und preiswert zu "entsorgen" oder laden diese Last auf andere ab. Beides ist brutal, menschenverachtend und heute wieder überaus präsent.

 

 

Gegenwart


Fast gewöhnt hat man sich an den wütenden Mob in Asien und dem Orient - und scheinbar stellt niemand in Frage, warum es derartige Auswüchse nicht (mehr) bei uns gibt. Und noch weniger als jenem Aspekt der Kaltblütigkeit in der Vergangenheit Beachtung gezollt wird schreibt heute jemand darüber.
Dabei gäbe es allen Grund dazu. Was Boko Haram in Nigeria an Massenmord in den letzten Jahren demonstrierte ist offensichtlich bestens organisiert und in seiner bösartigen Brutalität gleichzeitig eiskalt. Wer in Schulen marschiert um die Kinder und Jugendlichen zu quälen, mit Messern zu köpfen und sie zu verbrennen verfolgt ein klares Ziel, dass sich in nichts unterscheidet von dem, was die Nazis taten. Statt diese Grausamkeit anzuprangern und zu hinterfragen diskutiert man bei uns lieber, ob es denn wirklich eindeutig belegt sei, dass es die Terrorgruppe war, die das gleiche vorgehen bereits dutzende Male an den Tag legte.
Für mich ebenso schockierend waren Videos aus dem Jahr 2009. Letzte Woche töteten Uiguren über 30 Menschen in einer Bahn mit Messern und Knüppeln - eine Aktion die sich bereits mehrfach ereignete und die unterschwelligen oder offenen Zweifel unserer Presse in ein seltsames Licht rückt. Darunter die großen Ausschreitungen vom Juli 2009. Wer starke Nerven hat mag das Video ansehen, welches aus Zusammenschnitten verschiedener Überwachungskameras der Stadt Urumqui besteht. Eine Demonstration von Uiguren verwandelt sich in etwas, dass unsere Medien als Mob bezeichnen - ein Name der im Widerspruch zu dem Verhalten der Täter auf diesem Video steht. Die chinesische Regierung, nicht gerade wegen Zimperlichkeit bekannt, hat Polizei und Armee eingesetzt, um dem ein Ende zu setzen. Das Ergebnis dieses Wütens sind ca. 200 Tote und fast 1000 Verletzte - mehrheitlich Han-Chinesen. Und dies, obwohl unsere Medien über Racheaktionen einige Tage später berichteten und die Sicherheitskräfte, wie gesagt, nicht als zimperlich bekannt sind.
Wer sich die Videos angesehen hat kann meinen Schock vielleicht nachvollziehen. Ab min. 4:20 zerren die Angreifer ihre Opfer aus dem Bus, schnell liegt ein lebloser Körper auf dem Boden. Zwei andere kauern sich zusammen und werden von ihren Peinigern mit Knüppeln geschlagen und mit Messern gestochen. Aber die werden schnell müde und ziehen weiter. Ab jetzt beginnt etwas, das ich nicht für möglich hielt. Passanten, manche mit Einkaufstüten schlagen quasi im Vorbeigehen auf die am Boden kauernden ein. Frauen mit Kopftuch und langen Mänteln stürmen heran um in Gesichter zu treten. Eine andere nimmt einen am Boden liegenden Stock und prügelt eine Ewigkeit auf ein offensichtlich um erbarmen bettelndes Opfer ein - um dann weiterzugehen, als sei nichts geschehen. Ein weiterer Passant hält extra sein Fahrzeug an, um ein paar Schläge (oder Stiche) auszuteilen und seine Fahrt fortzusetzen. Ein anderer (ab Min 5:50) sieht ein am Boden liegendes Messer, macht ein paar schnelle Schritte, hebt es auf, sticht zwei oder drei Mal weit ausholend von oben in Schulter und Halsansatz des Opfers, weicht einem gleichzeitig prügelnden Stockträger aus und schlendert dann davon. Man könnte sagen, hier wird im vorbeigehen gemordet, als sei es etwas alltägliches. Täter wie Passanten schlendern umher, die Körpersprache ist völlig entspannt. Von Wut und Hektik, ja von Angst vor eintreffenden Sicherheitskräften ist nichts zu spüren. Ein Mann mit Einkaufstüte (ab Min 6:15) ändert leicht seinen Weg um im Vorbeigehen den vor Schmerz zusammengrümmten jeweils einen Tritt an den Kopf zu verpassen. Danach wendet sich eine Gruppe einem Motorradfahrer zu, der durch Bäume verdeckt kaum zu sehen ist. Man sieht nur die minutenlang mit Stäben auf ihn einschlagende Menge, die sich kurz darauf einem Fahrzeug widmet, dieses zum Anhalten zwingt, den Fahrer auf die Strasse zerrt und dort totschlägt. Das anschließende Video zeigt: sobald sich das Opfer als tot erweist wendet sich die lachende Menge erst dem Auto des Opfers, dann dem nächsten Opfer zu. Am Ende liegen mehrere Menschen auf den Strassen und Gehwegen, die Passanten gehen an ihnen vorbei ihrem Tagesgeschäft nach.

Soweit ich es überblicke haben diese Szenen es nicht in die deutschen Nachrichten geschafft. Warum? Wenn es einen "Nie wieder Moment" gab, dann doch wohl diesen. Das jetzt die Messerattacke berichtet wird ist nur durch die dabei geschlossen mitschwingenden Vorwürfe an China zu verständlich.
Nicht, dass China keine Kritik verdiente. Menschenrechte gelten dort wenig. Während aber die unterdrückten und anektierten Nepalesen sich selbst als Protest anzünden und von Scharfschützen bei einer Himalaya-Überquerung abgeknallt werden, Christen nur im Untergrund ihren Glauben frei verfolgen können, sind es im Fall der Uiguren die Han-Chinesen, die den Blutzoll zahlten. Und das lässt sich mit nichts entschuldigen, schon gar nicht bei solch einer Kaltblütigkeit.

Zukunft 

 Politik und Medien haben also eine sehr selektive Auswahl, welche Rassisten es mit ihren Gewalttaten in ihre Aufmerksamkeit und / oder zur Empörung schaffen. Das dabei das Thema "Nicht wegschauen" und Zivilcourage, welches in den letzten Jahren gerne und häufig behandelt wurde eigentlich ein Eigentor ist bittere Ironie. Wenn die Gewalt auf den Strassen, wie bspw. am Alexanderplatz, selbst durch ein (minimal) erhöhtes Polizeiaufgebot nicht einzudämmen ist und Opfer dann vor allem öffentliche Empörung auf sich ziehen, wenn die Täter die "Richtigen" sind, ist es kein allzuweiter Schritt. Mir kommen die Bilder von Bonn vor Augen, als ein wütender Mob Polizisten angreift, weil diese sich in ihren Weg zu ihren eigentlichen Opfern stellen - und der verhaltenen Reaktion der Republik. Mitleid mit Polizisten die im Dienst verletzt werden ist bereits selten. Brennende Kirchen erregen nur dann Proteste, wenn Kardinäle die Zunahme dieser Vorkommen und die zunehmende Gewalt gegen Kleriker als "aufkommende Pogromstimmung" umschreiben. Demonstranten die sich für bestimmte Themen einsetzen dürfen damit rechnen, dass Gegendemonstranten ihnen mit freundlicher Staatsgenehmigung Grundrechte entziehen und Würde, Demonstrationsrecht und Recht auf Unversehrtheit gestrichen werden. Selbst Museen werden Opfer von Vandalismus und Diebstahl, wenn das Falsche gezeigt wird.
Wohin solche Reise geht, dass ist doch eigentlich der Hintergrund von "Nie wieder".