Freitag, 7. März 2014

Ein Blick in die Vergangenheit, eine ferne Gegenwart und möglicherweise unsere Zukunft

Wer im Nachkriegsdeutschland aufwuchs erhielt in der Schule und spätestens ab den 60ern in allen Medien ein umfassendes Bild des Schreckens, der nach 34 in die Weimarer Republik und das Dritte Reich einzog und sich stetig intensivierte, bis 1945 die Alliierten das Land einnahmen, dein großer Tteil der verantwortlichen Verbrecher sich selbst umbrachte oder vor Gericht gestellt wurde. Problematisch in der Behandlung ist heute die letzte Phase in der Aufarbeitung. Die zivilen Opfer der Bombenangriffe werden entweder von Rechtsradikalen als Kronzeugen für ihre Anliegen missbraucht oder ihr gewaltsamer Tod wird von Menschenächtern der anderen politischen Richtung bejubelt. Interessierte finden immerhin noch etwas über die Verbrechen der Roten Armee in den von ihnen befreiten und im Gegenzug selbst besetzten Ländern, wobei die Dimension meist kleingeredet wird, ebenso wie die Angriffe auf Flüchtlingstrecks und -schiffe. Politisch brisant wird es dann, wenn es um Übergriffe auf die Zivilbevölkerung bspw. im Gebiet der heutigen Tschechei und Slowakei geht - dann kochen auch heute sofort die Emotionen hoch, zumal wenn aufrichtige Regisseure sich diesem dunklen Fleck stellen. Immerhin hatte dies einen neuen Ansatz der Aufarbeitung zur Folge, ein Schritt, dem man Respekt zollen muss.

Exkurs
Weniger Respekt muss man vor der doch eigentlich so umfangreichen deutschen Aufarbeitung haben. Hierzulande stehen, liegen, hängen und mahnen Denkmäler an vielen Orten und manche (pseudo-)politische Gruppe wählt das Motto "Nie wieder". Und trotzdem finden sich immer wieder Vergleiche der geschmacklosen Art. Am schlimmsten finde ich persönlich dabei die Behauptung, Gaza wäre das neue Warschauer Ghetto. Es gibt einige Personen mit Rang, die diesen klitternden Unsinn bereits in den Mund genommen haben. Leider haben es auch deutsche katholische Bischöfe darunter geschafft, als 2007 Bischof Mixa und Hanke bei einem Besuch im Heiligen Land sich verstiegen. Zwar nahm zumindest Bischof Hanke die Äußerung zurück und Kardinal Lehmann entschuldigte sich dafür, aber ein gesprochenes Wort macht man nicht ungehört und der Ungedanke besteht ja. Wer weitere Beispiele dieses perversen Vergleiches möchte bemühe die Bildersuche von google, denn die deutschen Texte sind nicht so eindeutig wie die Karrikaturen und Zeichnungen.
Wer den Vergleich kritisiert, wie etwa H.M. Broder bei seiner Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki
Im Warschau der dorthin deportierten Juden gab es kein Luxusrestaurant, kein Luxushotel, keine Zahlungen aus dem Ausland, keine eigene bewaffnete Kraft, keine Probleme mit Übergewicht, keine freien Wahlen und keinen Putsch gegen deren Gewinner, und die Bevölkerung nahm stetig, vor allem durch Hunger, Krankheit und Deportation zur industriellen Massenermordung ab während sie in Gaza kontinuierlich wächst und wächst. Und niemals wären die Bewohner in Warschau auf Organisationen losgegangen, die versuchen ihnen zu helfen oder über Missstände zu berichten - wenn es sie denn dort hätte geben können.





Vergangenheit



In Warschau war es unendlich viel Schlimmer. Auf offener Strasse verhungerten die in Lumpen gehüllten Kinder, während andere zunehmend abgestumpft drumerherum gehen oder stehen.
Deutsche Polizeikräfte und Soldaten wie auch ihre Verbündeten prügelten Gefangene zu Tode - oft genug belegen Zeugenaussagen, dass es spontane Vorfälle waren, bei denen die Täter nicht von Wut und Hass erfüllt handelten sondern mit einem eiskalten Trieb zu quälen und zu töten.
Oft genug passierte Vergleichbares in Deutschland selbst. Ob Reichskristallnacht, die zunehmenden Schikanen oder Übergriffe, vorurteilschürende Propaganda bis zur Deportation vor den Augen der Bevölkerung - die Täter agierten nicht wie ein wütender Mob der sich über ein konkretes Ereignis erhitzt sondern durchdacht und organisiert. Dieser Aspekt wird m.E. nicht genug betont, wenn über die Verbrechen dieser Zeit berichtet und belehrt wird. Vorurteile, Rassismus, Antisemitismus, Ablehnung Andersdenkender und -lebender sind die Kernthemen - kaum wird über die Äußerungsformen.
Da gibt es die latente Wut, die brodelnde Bereitschaft zu explodieren und dabei zu zerstören und zu morden, die Opfer noch im Tode zu entwürdigen. Und da gibt es das gezielte, geplante Auslöschen mit dem Ziel höchstmöglicher Effizienz. Während die einen die Köpfe und gemarterten Körper ihrer Opfer präsentieren versuchen die anderen diese schnellstmöglich und preiswert zu "entsorgen" oder laden diese Last auf andere ab. Beides ist brutal, menschenverachtend und heute wieder überaus präsent.

 

 

Gegenwart


Fast gewöhnt hat man sich an den wütenden Mob in Asien und dem Orient - und scheinbar stellt niemand in Frage, warum es derartige Auswüchse nicht (mehr) bei uns gibt. Und noch weniger als jenem Aspekt der Kaltblütigkeit in der Vergangenheit Beachtung gezollt wird schreibt heute jemand darüber.
Dabei gäbe es allen Grund dazu. Was Boko Haram in Nigeria an Massenmord in den letzten Jahren demonstrierte ist offensichtlich bestens organisiert und in seiner bösartigen Brutalität gleichzeitig eiskalt. Wer in Schulen marschiert um die Kinder und Jugendlichen zu quälen, mit Messern zu köpfen und sie zu verbrennen verfolgt ein klares Ziel, dass sich in nichts unterscheidet von dem, was die Nazis taten. Statt diese Grausamkeit anzuprangern und zu hinterfragen diskutiert man bei uns lieber, ob es denn wirklich eindeutig belegt sei, dass es die Terrorgruppe war, die das gleiche vorgehen bereits dutzende Male an den Tag legte.
Für mich ebenso schockierend waren Videos aus dem Jahr 2009. Letzte Woche töteten Uiguren über 30 Menschen in einer Bahn mit Messern und Knüppeln - eine Aktion die sich bereits mehrfach ereignete und die unterschwelligen oder offenen Zweifel unserer Presse in ein seltsames Licht rückt. Darunter die großen Ausschreitungen vom Juli 2009. Wer starke Nerven hat mag das Video ansehen, welches aus Zusammenschnitten verschiedener Überwachungskameras der Stadt Urumqui besteht. Eine Demonstration von Uiguren verwandelt sich in etwas, dass unsere Medien als Mob bezeichnen - ein Name der im Widerspruch zu dem Verhalten der Täter auf diesem Video steht. Die chinesische Regierung, nicht gerade wegen Zimperlichkeit bekannt, hat Polizei und Armee eingesetzt, um dem ein Ende zu setzen. Das Ergebnis dieses Wütens sind ca. 200 Tote und fast 1000 Verletzte - mehrheitlich Han-Chinesen. Und dies, obwohl unsere Medien über Racheaktionen einige Tage später berichteten und die Sicherheitskräfte, wie gesagt, nicht als zimperlich bekannt sind.
Wer sich die Videos angesehen hat kann meinen Schock vielleicht nachvollziehen. Ab min. 4:20 zerren die Angreifer ihre Opfer aus dem Bus, schnell liegt ein lebloser Körper auf dem Boden. Zwei andere kauern sich zusammen und werden von ihren Peinigern mit Knüppeln geschlagen und mit Messern gestochen. Aber die werden schnell müde und ziehen weiter. Ab jetzt beginnt etwas, das ich nicht für möglich hielt. Passanten, manche mit Einkaufstüten schlagen quasi im Vorbeigehen auf die am Boden kauernden ein. Frauen mit Kopftuch und langen Mänteln stürmen heran um in Gesichter zu treten. Eine andere nimmt einen am Boden liegenden Stock und prügelt eine Ewigkeit auf ein offensichtlich um erbarmen bettelndes Opfer ein - um dann weiterzugehen, als sei nichts geschehen. Ein weiterer Passant hält extra sein Fahrzeug an, um ein paar Schläge (oder Stiche) auszuteilen und seine Fahrt fortzusetzen. Ein anderer (ab Min 5:50) sieht ein am Boden liegendes Messer, macht ein paar schnelle Schritte, hebt es auf, sticht zwei oder drei Mal weit ausholend von oben in Schulter und Halsansatz des Opfers, weicht einem gleichzeitig prügelnden Stockträger aus und schlendert dann davon. Man könnte sagen, hier wird im vorbeigehen gemordet, als sei es etwas alltägliches. Täter wie Passanten schlendern umher, die Körpersprache ist völlig entspannt. Von Wut und Hektik, ja von Angst vor eintreffenden Sicherheitskräften ist nichts zu spüren. Ein Mann mit Einkaufstüte (ab Min 6:15) ändert leicht seinen Weg um im Vorbeigehen den vor Schmerz zusammengrümmten jeweils einen Tritt an den Kopf zu verpassen. Danach wendet sich eine Gruppe einem Motorradfahrer zu, der durch Bäume verdeckt kaum zu sehen ist. Man sieht nur die minutenlang mit Stäben auf ihn einschlagende Menge, die sich kurz darauf einem Fahrzeug widmet, dieses zum Anhalten zwingt, den Fahrer auf die Strasse zerrt und dort totschlägt. Das anschließende Video zeigt: sobald sich das Opfer als tot erweist wendet sich die lachende Menge erst dem Auto des Opfers, dann dem nächsten Opfer zu. Am Ende liegen mehrere Menschen auf den Strassen und Gehwegen, die Passanten gehen an ihnen vorbei ihrem Tagesgeschäft nach.

Soweit ich es überblicke haben diese Szenen es nicht in die deutschen Nachrichten geschafft. Warum? Wenn es einen "Nie wieder Moment" gab, dann doch wohl diesen. Das jetzt die Messerattacke berichtet wird ist nur durch die dabei geschlossen mitschwingenden Vorwürfe an China zu verständlich.
Nicht, dass China keine Kritik verdiente. Menschenrechte gelten dort wenig. Während aber die unterdrückten und anektierten Nepalesen sich selbst als Protest anzünden und von Scharfschützen bei einer Himalaya-Überquerung abgeknallt werden, Christen nur im Untergrund ihren Glauben frei verfolgen können, sind es im Fall der Uiguren die Han-Chinesen, die den Blutzoll zahlten. Und das lässt sich mit nichts entschuldigen, schon gar nicht bei solch einer Kaltblütigkeit.

Zukunft 

 Politik und Medien haben also eine sehr selektive Auswahl, welche Rassisten es mit ihren Gewalttaten in ihre Aufmerksamkeit und / oder zur Empörung schaffen. Das dabei das Thema "Nicht wegschauen" und Zivilcourage, welches in den letzten Jahren gerne und häufig behandelt wurde eigentlich ein Eigentor ist bittere Ironie. Wenn die Gewalt auf den Strassen, wie bspw. am Alexanderplatz, selbst durch ein (minimal) erhöhtes Polizeiaufgebot nicht einzudämmen ist und Opfer dann vor allem öffentliche Empörung auf sich ziehen, wenn die Täter die "Richtigen" sind, ist es kein allzuweiter Schritt. Mir kommen die Bilder von Bonn vor Augen, als ein wütender Mob Polizisten angreift, weil diese sich in ihren Weg zu ihren eigentlichen Opfern stellen - und der verhaltenen Reaktion der Republik. Mitleid mit Polizisten die im Dienst verletzt werden ist bereits selten. Brennende Kirchen erregen nur dann Proteste, wenn Kardinäle die Zunahme dieser Vorkommen und die zunehmende Gewalt gegen Kleriker als "aufkommende Pogromstimmung" umschreiben. Demonstranten die sich für bestimmte Themen einsetzen dürfen damit rechnen, dass Gegendemonstranten ihnen mit freundlicher Staatsgenehmigung Grundrechte entziehen und Würde, Demonstrationsrecht und Recht auf Unversehrtheit gestrichen werden. Selbst Museen werden Opfer von Vandalismus und Diebstahl, wenn das Falsche gezeigt wird.
Wohin solche Reise geht, dass ist doch eigentlich der Hintergrund von "Nie wieder".

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