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Freitag, 27. Mai 2016

Eine Geschichte von Gewalt und europäischem Fanatismus

Er steht auf der Bühne und wartet auf seinen Takt. Vor ihm die feiernde Menge, neben ihm seine Bandkollegen. Neben und am Rand der Bühne warten Freunde, Manager, Tourbegleiter. Es läuft gut. Mehrere Lieder sind begeistert aufgenommen worden. Bis auf eine verstimmte Gitarre am Anfang kam es zu keinen Problemen.
Ein Geräusch dringt durch den Klang der elektrischen Gitarre und des Schlagzeuges hinter ihm an sein Ohr. Er erkennt es sofort, auch andere der Band. Sein Vater hat es ihm schon als kleines Kind zu Gehör gebracht und erklärt, was zu tun ist.

Er dreht sich um und springt von der Bühne in Richtung des Backstage-Bereiches. Die Tür steht sperrangelweit offen und so läuft er ohne zu zögern zur Umkleide, begleitet von Bandkollegen und auf der Suche nach seiner Freundin.
Währenddessen steht der Gitarrist noch auf der Bühne. Er steht unter Schock. Rufe reißen ihn aus der entsetzten Starre, verursacht durch das, was er gerade sah. Auch er flieht.
Hinter der Bühne begegnet der Sänger einem der Terroristen. Gerade rechtzeitig kann er in den Gang zurückweichen, der Terrorist selbst geht weiter Raum für Raum ab.
 Die Band animiert verängstigte Besucher und Mitarbeiter zu fliehen. Suchen dabei Freunde in der Menge.

Die Rede ist von Jesse Hughes und den Eagles of Death Metal. Die Band war in den letzten Jahren eher ein Insider, Fans und Kennern der Szene bekannt. Keine Band mit Hits in den Charts.
Im November letzten Jahres ging dann eine Welle der Sympathiebekundungen ein und ihre Konzerte einige Monate darauf sollten umjubelte Symbole werden. Islamisten hatten das Konzert angegriffen, ca. 90 Menschen abgeschlachtet. Der Ort und Zeitpunkt wurden als Symbol gewertet, als Angriff auf Musik, auf Bands die in extremistischer Sichtweise verboten seien. Umso mehr wurde begrüßt, dass die Band sich nicht unterkriegen ließ. Wieder auf Tour ging. Wow, was sind wir, was sind unsere Werte stark. Unsere Freiheit zu spielen, singen, zeichnen und sagen was wir wollen...

Dann gab Jesse Hughes seine Meinung zu Stift und Papier oder Mikrofon. Er gab mehrere Interviews in denen er seine ureigene Meinung und seine Erlebnisse frei von der Leber plapperte.
Beispiel
Nebenbemerkung: Hughes bricht beinahe in Tränen aus als er berichtet, wie sein Gitarrist, der in der Mitte der Bühne nahe dem Publikum stand sah, wie die ersten Opfer getroffen wurden - "Dinge, die er noch nie im Leben gesehen hatte".
Hughes beklagt, dass die Menschen angesichts des kommenden Todes nicht kämpften oder rannten sondern viele sich hinwarfen oder dachten, durch Unterwerfung überleben zu können.

Da hörte es dann auf mit der Begeisterung.
Die Band, deren Musik durch einen Anschlag beendet werden sollte, wurde nun deshalb von mehreren Konzerten ausgeladen und die ersten Boykottaufrufe laufen durchs Internet.
Was sagte er?
Zuallererst: wer sich zwei Minuten mit der Band auseinandersetzt, der weiß, dass sie eine Indie-Band ist, in deren Reihen sich mehrere Meinungen und Haltungen finden. Hughes aber gehört zur Kategorie der konservativen "Rocker" (nein, die Band spielt kein Metal - auch wenn der Name es impliziert).
Außerdem sagte er selbst, er leide unter PTSD (post traumatic stress disorder). Menschen unter diesem Einfluß werden "normalerweise" als Geschädigte gesehen und ihre Äußerungen aufgrund der psychischen Nachwirkungen mit Nachsicht betrachtet. Außer...

Was also hatte er gesagt und behauptet?
Seiner Aussage nach seien mehrere Sicherheitsleute nicht zur Arbeit erschienen und ein ihm suspekt erscheinender Mitarbeiter der Security hatte deshalb nicht ausgetauscht werden können.
Hughes wirft also eine "Verschwörungstheorie" in den Raum, die u.a. zur Anschuldigung führt, dass die sonst stets verschlossene Backstagetür bei seiner Flucht bereits offen war und bereits Schüsse in diesem besonders gesicherten Bereich fielen.
Für diese Äußerungen hat er sich mittlerweile beim Team entschuldigt, das Bataclan hat aber die Justiz eingeschaltet. Ein erneuter Auftritt der Band dort bei der Wiedereröffnung erscheint somit ausgeschlossen.

Schwerwiegender wurden nun seine geschilderten Eindrücke aufgenommen.
“I saw Muslims celebrating in the street during the attack. I saw it with my own eyes. In real time! How did they know what was going on? There must have been coordination,” 
Seine Äußerungen werden als Verschwörungstheorien bezeichnet, manches ist nicht in Einklang mit den polizeilichen Ermittlungsergebnissen, anderes scheint nur auf den ersten Blick unmöglich.
So ist belegt, dass die Terroristen auch in den Backstagebereich kamen - ein Bereich der vom Publikumsareal nicht ohne Schlüssel oder Code betreten werden kann, jedenfalls nicht, solange ein Mensch der Security einfach die Türe schließt.
Auch im Backstage wurden Menschen ermordet, inklusive der Umkleide der Künstler, wo ein einziger junger Mann überlebte, der sich unter der Kleidung der Musiker verkroch.
Zeugenaussagen, Video und die Szenerie belegen, dass die Terroristen nicht auf die Bühne schossen, nicht auf die Künstler zielten, sondern so viele Opfer versuchten herbeizuführen als möglich. Und sie stießen erst auf Widerstand, als ein älterer, hochrangiger Polizeioffizier mit seinem Fahrer hereinstürmte und nach kurzem Schusswechsel, in welchem die beiden hoffnungslos unterlegen waren, sich wieder zurückziehen musste - mit einem achtungserfolg. Was folgte war eine lange Phase, in denen die Mörder tun und lassen konnten, was sie wollten, bis das Gebäude gestürmt wurde. Angeblich ging die Polizei von einer Geiselnahme aus - was eine offensichtliche Schutzbehauptung angesichts massiver Überforderung ist. Anschläge in der Stadt, Berge von Leichen und Verletzten im Eingangsbereich und was jener Offizier zu Gesicht bekam dürften belegt haben, worum es ging.

Wenn also eine Seite aufgrund eines Traumas und der typischen Unklarheit eines nicht ausgebildeten Zeugen und die andere aufgrund eigenen Versagens und politischer Agenda nicht exakt sagen können oder wollen, was passierte, wer ist dann ein Verschwörungstheoretiker?
Es sind jene, die behaupten, es seien Menschen ohne Unterstützung in der muslimischen Gemeinde Frankreichs gewesen, die so etwas taten. Es sind eben genau jene, die nun gegen Hughes vorgehen und pöbeln.
Als Mohammed Merah 2012 mehrere Soldaten, Kinder und ihren Vater ermordete, davon ein Video hochlud wie er einem kleinen Mädchen erst Schmerzen zufügte und ihr dann in den Kopf schoss, weil sie Jüdin war, da gab es eine signifikante Bewegung von Anhängern, die ihm zujubelte, die den Staat als Mörder bezeichnete, weil sich Merah nicht ergab sondern erschossen werden musste als man ihn stellte, die zu seinem Grab pilgern und ihn in Wandschmierereien hochleben lassen.
Als eine Schweigeminute nach den Anschlägen von Charlie Hebdo und dem jüdischen Supermarkt in Paris ausgerufen wurde, waren es muslimische Schüler, Studenten und Lehrer, welche diese Schweigeminute nicht nur störten sondern für Sympathiebekundungen nutzten.
Als nach den Novemberanschlägen Täter flüchtig waren, da gab es dutzende von Unterstützern und hunderte von Moscheen, die durchsucht werden mussten. In einer großen Zahl der Moscheen wurde man fündig - in Form von Propaganda, Anwerbungsmitteln, oft auch Waffen.
Und der letzte Flüchtige wurde von Helfern bis nach Belgien gebracht, und als er dort nach Wochen der Suche verhaftet wurde, da sammelte sich eine Menge und griff die Beamten sogar mit Steinwürfen an.

Es sind JENE Leute, die behaupten, dass es völlig unmöglich sei, dass Muslime sich über die erfolgreichen Anschläge gefreut hätten, die Verschwörungstheorien verbreiten - denn es GIBT diese Radikalen und es sind eben nicht wenige.
Es sind jene, die behaupteten, es gäbe keine Gefahr, dass durch die offenen Grenzen und die Völkerwanderung auch Terroristen nach Europa gelangen und dort leichtes Spiel hätten - nur um dann zu erleben wie drei von sechs Terroristen mit eben diesem Strom von Menschen in Verbindung gebracht wurden.
Es ist völlig richtig zu sagen: es sind aber nicht alle Muslime. Absolut. Man kann nicht losziehen und einfach alle Muslime verhaften oder internieren, weil es solche Terroristen und Terroristenfreunde gibt oder sie vielleicht einige Gedanken teilen. Aber man kann auch nicht die Augen schließen und jeden, der unangenehme Dinge berichtet dämonisieren.

Viel schlimmer ist der Missbrauch der Eagles of Death Metal. Erst wurde ihr Konzert genutzt um Menschen, die eindeutig nicht der wörtlichen Befolgung des Islam angehörten in Scharen niederzumetzeln.
Dann wurden sie als Symbol für die Maxime benutzt "sich vom Terrorismus nicht unterzukriegen, das Leben nicht verändern zu lassen" - als seien vermehrte Sicherheitskontrollen, Milliarden Mehrausgaben und Beamte im Dauerstress ebensowenig Veränderung, wie die plötzliche Zurückhaltung beim Thema Islam und Muslime, bei der Einrichtung von Gremien welche Zensur ausüben, wo eben noch die Meinungsfreiheit und die angebliche Kultur des "alles sagen dürfens" herrschte.
Und jetzt werden sie wieder benutzt, von genau jenen Blockwarten, die alles eben doch dem Terror anpassen und politisieren. Von jenen die bestimmen, was "richtig" und was "falsch" ist, sogar, was die Zeugen und Opfer eines Anschlages erlebten und was nicht.

Hughes ist kein Politiker. Er ist Musiker. Und er hat eine Meinung - zu der nebenbei auch zählt, dass die strengen Waffengesetze Frankreichs im November nicht ein einziges Leben retten konnten.
Genauer sagte er: solange nicht absolut sicher ist, dass alle unbewaffnet sind, sollte jeder bewaffnet sein.

Er ist ein Opfer von Terroristen, der berichtet, was er gesehen hat oder glaubt gesehen zu haben.
Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht. Ich war nicht dabei. Einiges klingt unglaublich - aber nichts davon unmöglich.
Solange er auf der Bühne aber Musik macht und keine Politik haben Konzertveranstalter ihn und seine Band verdammt noch mal nicht auszuladen.

Kurz nach den Anschlägen wurde zur Solidarität aufgerufen, zum Kauf des Songs "Save A Prayer" bei Amazon, einem Coversong von Duran Duran, welche alle Einnahmen den Opfern zugute kommen ließen.
Da die Musik bei Youtube eingestellt ist, gehe ich von der Klärung der Urheberrechte aus und verlinke hier erneut auf den Song - denn an meiner Solidarität hat sich nichts geändert.
Ich teile nicht alle Meinungen und Aussagen Hughes oder der anderen Bandmitglieder. Muss ich auch nicht. Aber er hat ein Recht darauf und was jetzt läuft ist genau das, was die Terroristen ebenfalls erreichen wollten. Radikale gibt es eben doch in vielen Formen.
Hier ein Interview mit der ganzen Band

Statt des angeblichen "Jetzt erst recht!" also nun ein "das dürft ihr nicht!" Da gibt es eine große Zahl Menschen, die dem zustimmen - und viele davon versklaven Nichtmuslime und ermorden Häretiker...

Montag, 9. Mai 2016

Ungewöhnliche J.R.R. Tolkien Ehrung

Es gibt viele Gründe J.R.R. Tolkien zu bewundern und für seinen Einsatz dankbar zu sein. Als Literat, als Sprachforscher, als Katholik. Sein Werk umfasst nicht nur den Herrn der Ringe und den Hobbit, sondern eine Vielzahl weiterer Werke in dieser Fantasy-Welt. Eine regelmäßige Radiosendung über den Glauben, tiefe Gespräche mit C.S. Lewis, die dessen Werke maßgeblich mit beeinflußten u.v.m.
Ein paar Youtuber, die in einer Serie berühmte (lebende oder verstorbene) Persönlichkeiten nach Publikumswunsch gegeneinander in Sprechgesängen antreten lassen, haben sich nun diese Größe der Literatur vorgenommen und gegen den noch aktiven Goerge R.R. Martin aufgestellt, der mit seiner Reihe "Die Legende von Eis und Feuer", als erfolgreiche Serie verfilmt unter dem Namen "Game of Thrones" derzeit viel Geld und Ruhm einfährt. Die Serie besteht zwar nahezu ausschließlich aus "Sex & Crime" und castet für die Umsetzung im TV extra Porno-Stars, aber findet trotzdem oder vielleicht gerade deshalb so viel Anerkennung. Ich habe es nie über das erste Buch hinaus geschafft und schon dies war mir zu einseitig.

Normalerweise ist auch Rap nicht meine Musikrichtigung. Wenige Titel die mir gefallen, meist sind die Inhalte kaum zu ertragen und die Künstler wie Vortragsweisen zu simpel oder verkorkst.
Dies ist aber eine Ausnahme. Filmisch sehr kreativ und ansehnlich untermalt, mit verschiedenen Anspielungen die sich in den Texten natürlich deutlich markanter fortsetzen. Zwar gibt das Bild selbstverständlich nichts wieder über den Charakter von Tolkien, der uns ohnehin schwer fassbar ist, und mitunter wird dieser "Rap Battle" wie solch eine "musikalische" Auseinandersetzung genannt wird beleidigend oder geht unter die Gürtellinie, nichts desto trotz ein unterhaltsam gemachtes Video in welchem der Sieger ziemlich eindeutig erkennbar ist - wie könnte es auch anders sein.

Vielleicht gefällt es ja auch jemandem unter meinen Lesern.

Donnerstag, 3. März 2016

Rainer Balcerowiak erklärt uns klassische Musik, deutsche Kultur und Benehmen

Rainer Balcerowiak ist Journalist und schreibt derzeit (u.a.) für den Cicero. Für dieses hervorragende Debattenmagazin mit Platz für verschiedene Haltungen berichtete er nun über ein kürzlich in Köln abgebrochenes Konzert des Iraners Mahan Esfahani. Dieses musste aufgrund von Pfiffen, Buhrufen und Schmähungen vorzeitig beendet werden.
So weit, so zu Recht empörend. Konzerte aufgrund des eigenen Geschmackes zu stören (bis hin zum Abbruch) geht gar nicht. Die beste aller besten Ehefrauen und ich ziehen es vor, wenn uns eine Inszenierung völlig gegen den Geschmack geht oder musikalisch auf unseren Zahnwurzeln gerieben wird, aufzustehen und zu gehen. Das ist leider sehr unüblich, so dass wir dann meist von der Garderobiere "informiert" werden, dass jenes Stück noch weiter geht. Zuletzt geschehen in Köln bei der Aufführung einer Verdi-Oper, an der sich Katharina Thalbach vergangen hatte. Dazu vielleicht ein andermal.
Jedenfalls ist dieser passive Protest natürlich von ein oder zwei Zuschauern vorgetragen völlig wirkungslos und interessiert die Künstler und Verantwortlichen nicht die Bohne. Wenn dutzende oder gar der halbe bis ganze Saal geht...
Durch Rufe zu irritieren finde ich daher unangebracht und würdelos. Erledigen die Künstler auf der Bühne und im Graben ihre Arbeit so wie es Regisseur und Intendant vorgegeben haben, so ist es sogar hochgradig beleidigend.
War die Modernität und das betreffende Stück im Programm angekündigt, so ist der "Zorn" zudem ungerecht. Wer sich in ein Konzert setzt, das darüber informiert, gleich nervenzerreibende Töne zu präsentieren sollte schon zu der Gattung Kunstliebhaber gehören, die auch Kot unter Folie auf Säulen einen geistigen Mehrgewinn abgewinnen können - oder zumindest sehr geduldig und nervenstark sein.
Bis zu diesem Punkt stimme ich Balcerowiak also zu.
Der Rest seines Artikels ist blanker Unsinn und sagt mehr über ihn aus, als über das Geschehene. Denn zur Geschichte gehört mindestens noch ein Detail.


Aber ich würde den Artikel lieber von oben angehen.

Die Einleitung. 

Vermutlich hat der Journalist das Metier verwechselt. Gleich einem schlechten Kinofilm welcher den Begriff  "totale" totalitär auslegt und aus dem Weltall auf die Erde und schließlich eine heimische Couch fährt, zoomt er sich aus dem größtmöglichen Blickwinkel ein. Was der Anschlag auf Frau Reker mit seinem geradezu ironischen Verweis auf die der Ansicht ihres Angreifers "zu große fllüchtlingsfreundliche Art" sowie das anschließende Silvesterdesaster (nach dessen publik werden Reker sagte: "Wir wissen noch nichts über die Täter, aber die Flüchtlinge waren es nicht"... um dann widerlegt zu werden) mit der Philharmonie zu tun haben, wird nur durch die am Ende geschilderte Geisteshaltung klar. Ohne die Ereignisse wäre eine so voreingenommene Haltung nicht möglich gewesen. Darum verdienten die Teilnehmer den Begriff Mob. Hirnlose Massenbewegungswesen.
Die auch noch einem Iraner zubuhten, der betonte, wie in seinem Land (dessen Regierung dank uns und einem völlig anderen Publikum zukünftig nicht nur morden und vergewaltigen darf für solch abscheuliche Dinge wie Homosexualität oder Konversion, sondern auch endlich die Atomkraft "voll ausschöpfen") solche Musik verboten sei. Dem Journalisten ist dieses Statement des einzigen Beteiligten den er zu Wort kommen läßt offensichtlich wichtig.
Als müsste diese Musik darum allen gefallen...

Sprachbarriere

Vorher aber kurz die völlig unverständliche Kritik an der in englischer Sprache vom Künstler vorgetragenen Einleitung, die bereits auf Unverständnis und den schlimmen Zuruf "Sprechen Sie gefälligst Deutsch" traf. Schon hier wurde der herrschende Rassismus im Publikum deutlich, zusammen mit urdeutschen Untugenden. Denn es heisst immer noch "Sie Arschloch" und nicht "Du"...
Wie gesagt, störende Zwischenrufe sind wirklich keine Form - aber bislang war es bei allen Inszenierungen in denen ich mich einfand üblich, fremdsprachiges in irgendeiner Form zu übersetzen. Sei es durch einen Dolmetscher, wenn der Künstler die entsprechende Sprache nicht beherrschte und sich an das Publikum wenden wollte, eine Leinwand mit "Untertiteln", wie sie in den meisten größeren Häusern heute üblich ist, oder eine Handreichung, ein Programmheft oder ähnliches.
Sollte dies unterblieben sein, und wie auch bei so vielen anderen Dingen bemüht sich der Autor nicht um Aufklärung, wie auch die übrige Presse nicht, so ist Unmut zu verstehen und bricht sich verständliche Bahn - völlig unabhängig von Rekers Oktobererfahrung.


Das deutsche Monster

Aber deutsche Konzertbesucher sind ja ohnehin "Biedermeier" und können dank eines "konservativen" Denkens "deutscher Hochkultur" nicht über Richard Strauss und mehr oder minder deutsche Komponisten davor hinaushören.
Hat jemand noch nicht genug Rassismus abbekommen? Vielleicht noch ein wenig Militarismusvorwürfe, Imperialismus, Rape Culture? Alle Deutschen sind Schlächter vielleicht? Alles Nazis?
Diversität wie sie Deutschland wünscht
Drunter scheint es jedenfalls nicht zu gehen. Aber bitte. Ich persönlich bezeichne mich als konservativen Hörer und Zuschauer. Moderne Inszenierungen (ob Theater oder Oper) sind mir ein Graus. Ich besuche keine Musicals weil mir Inhalt und Darbietung meist die Fußnägel aufrollen (ich bin der Auffassung, einem Ausnahmekünstler Tanz, Gesang und Schauspiel abzuverlangen geht in Ordnung - ein ganzes Ensemble inklusive Komparsen dazu zu bringen ist nachweislich unmöglich) - Menschen die mit Tierköpfen auf dem Kopf rumlaufen, um entsprechende Tiere darzustellen erwarte ich bei animistischen Religionen, nicht bei Stücken aus den 2000er Jahren. Und wenn das Ensemble
von unter Vollmaskerade Tiere spielenden Künstlern dann noch vorwiegend aus Schwarzen besteht (weil, spielt ja in Afrika...) dann soll mir bitte niemand mit abstrakten Interpretationsmöglichkeiten kommen.
Ja, ich hänge an "alten" klassischen Stücken. Puccini (1924 gestorben, sein letztes Stück zwei Jahre nach seinem Tod uraufgeführt), ist mir einer der liebsten Komponisten überhaupt. Besagten Verdi (verstarb 1901) liebe ich ebenso wie Carl Orff - einen Deutschen, der nicht nur ungewöhnlich komponierte, bemerkenswertes Material vertonte sondern auch erst 1982 verstarb.
Natürlich weiß ich Bach, Mozart, Schubert und Schuhmann ebenso zu schätzen wie die unbekannten Autoren hinter Shantis wie "Spanish Ladies" - auch wenn die Qualität, die dahinterstehende Kunst auf völlig unterschiedlichen Ebene zu finden ist. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles von ihnen oder in dieser Form mag. Rezeption von Musik, Fernsehn, Theater usw. liegt immer am Betrachter bzw. Zuhörer.

Musik und Musikverständnis

Mir und vermutlich Millionen anderer deutscher Klassikliebhaber also derartiges vorzuwerfen, mich so zu beschimpfen und Unterstellungen, Pauschalisierungen zu treffen im Bereich des PERSÖNLICHEN GESCHMACKES ist unerhört und arrogant. Wie kommt der Autor darauf damit besser oder anders zu sein? Weil er einen Ort hat, dies öffentlich zu machen, bei dem er noch dafür bezahlt wird?
 Er hat eine andere Antwort.
Ungewohntes kann verstörend wirken, soll es auch. Die gesamte Musikgeschichte ist von Komponisten geprägt, die sich in ihrer Zeit gegen erhebliche Widerstände durchsetzen mussten, da sie „gültige“ musikalische Prinzipien über den Haufen warfen. Auch sind lautstarke Missfallensbekundungen und Schmähkommentare bereits aus dem 18. und 19. Jahrhundert überliefert. Den NS-Ideologen war es dann vorbehalten, den Begriff der „entarteten Kunst“ zu etablieren, der sich in der Musik nicht nur auf jüdische Komponisten, sondern auf alles „Undeutsche“ bezog.
Er verschweigt, wie viele Komponisten mit ihren Versuchen "musikalische Prinzipien" aufzubrechen scheiterten. Er verschweigt auch, dass dieses vermeintlich Neue eigentlich nicht neu ist und einfach nie ankam. Die Diskussion, wie weit die große, jahrhundertelang erfolgreichen Komponisten wirklich etwas "Neues" erarbeiteten und wie weit dies die Ohren in Relation strapazierte blendet er gleich ganz aus.
Das Stück um das es geht, stammt jedenfalls aus dem Jahr 1967 und besteht im wesentlichen aus 6 Tönen, die permanent wiederholt werden. Zwei Künstler sollen das Stück spielen - wie das in Köln aussah wissen wir nicht. Denn das ohnehin den meisten Ohren schwer zusetzende Stück (permanente Wiederholung von "Musik" wird auch als Foltermethode eingesetzt) hat als einzige Varianz die vom zweiten Spielenden gebotene Varianz des Tempos zusammen mit einer minimalen Änderung der Tonlage. Für bis zu 20 Minuten.
Ein Link im Artikel bringt den Interessierten zu einer kürzeren Darbietung auf Klavier.



Das Publikum in Köln, so also der Vorwurf, war nicht fähig, willens oder bereit Neues zu akzeptieren. Ab von Gewohntem. Das mag sein. Mal abgesehen davon, dass dieses Stück nicht "neu" ist. Muss das sein? Jemandem, der einen klar definierten Geschmack hat vorzuwerfen er sei kleingeistig ist einfach kindisch. Mir gefällt ausgesprochen viel Musik und ich finde es immer wieder bedauerlich, wenn andere diesen Geschmack nicht teilen und fühle mich leicht verletzt, wenn mein Geschmack beschimpft oder lächerlich gemacht wird - und tue es doch auch selbst. Suum cuique.

Und wenn etwas Kunst sein soll, obwohl das kein Können sondern eine (absurde) Erklärung der "Absicht" des Werkes, dann sollte Verständnis bestehen, dass nicht jeder davon begeistert, viele sogar abgestoßen sind. Umso mehr, wenn es sie Geld kostet.

Vor der völligen Verurteilung der Zuschauer als Musikbanausen steht die Frage: wussten sie, was auf sie zukommt? Konnten sie es wissen? Falls beide Antworten nein lauten - dann ist hier lediglich eine extreme Unhöflichkeit zu attestieren. Der Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit aus der aktuellen Lage ist da denkbar aber eben nicht sicher. Buhrufe, Konzertabbrüche und unhöfliche Besucher gab es immer schon. Selbst in Bayreuth - dem "urdeutschen" Opernevent.



Montag, 4. Januar 2016

Musik aus dem Alten für das Neue

Nach der langen Serie an Meinungen und Berichten über Terror, Elend und Kriminalität, und bevor ich endlich zur versprochenen Serie über Schusswaffen und alles drum herum komme, will ich nun endlich mal wieder etwas einfach schönes hier reinstellen.

Eine meiner schöneren Erinnerungen an 2015 war ein Video, welches relativ früh "viral" wurde.
Ein Polizist fährt Streife und wird dabei von einer sogenannten Dashcam gefilmt. So weit so nicht unbedingt ungewöhnlich. Der Mann war darüber auch, so wurde später publik, informiert.
Aber im Radio läuft der Song "Shake it off" von Taylor Swift und das animiert den Mann zu einer Performance, die rundum menschlich und herzlich rüberkommt. Denn mal ehrlich, wer kennt das nicht von sich selbst, wenn einer der Lieblingssongs oder gerade ein perfekt passendes Lied läuft und man einfach mitmachen muss.
Vielleicht kennt es ja noch jemand nicht und hat Spaß, vielleicht freut sich auch jemand daran, der es kennt.

Hier noch ein Link zu einem Interview mit ihm.


Und als zweiter Tipp: wer in der aktuellen Musik ein wenig den Swing oder Jazz oder andere Stilmittel vermisst, dem sei der Kanal Postmodern Jukebox ans Herz gelegt. Diese Musiker nehmen sich aktuelle (oder fast aktuelle) Hits, und präsentieren sie im Stil der 20er, 30er, 40er usw. als Jazz, Motown, Bluegrass etc. Cover. Sehr sehenswert, auch wenn die Auswahl der Songs nicht meinen Geschmack trifft. Hier zwei Beispiele.













Sonntag, 3. März 2013