Dienstag, 5. November 2013

Kein Mitleid - kein Wunsch nach Diskussion

Nach der vorletzten Messe, einer Familienmesse, hatte ich mir die Frage gestellt, ob dies noch Gottesdienst ist. Als Ergebnis der Diskussion mit mir selbst (und vielleicht auch mit DeBenny) entschloss ich mich, mit einem unserer Patres darüber zu sprechen, meine Gedanken und Sorgen zu teilen in der Hoffnung, wenigstens gehört zu werden.
Diesen Sonntag saß ich also mit einem gewissen nervösen Gefühl in der Messe, neben meiner lieben Frau, und versuchte meine Gedanken auf die kommende Messe zu konzentrieren. Das wurde mir allerdings schwer gemacht. Denn zum zweiten Mal in zwei Wochen war das Singbärchen wieder dabei und zupfte kräftig auf ihrem Instrument herum. Zwar nicht so intensiv wie in der Familienmesse, aber durchaus für mich störend.
Mein Gesprächswunsch endete jedoch abrupt während der Predigt. Nicht nur, dass unser Priester sich an "komm vom Baum herunter" aufhielt und daraus einen wirklichen langen Vortrag zum Thema NSA machte (und das wir da doch alle selbst schuld daran sein und was wir von Geheimdiensten denn anderes erwarten würden), er kam denn auch auf den "Bischof da in Limburg, diesen van Elst". Letzteres klang für meine Ohren fast schon verächtlich. Der Nachsatz machte es dann auch deutlich. Man spräche von Lügner, Betrüger und wasweißGottnochalles. Aber auch er sei ja daran selbst schuld, darum habe er (unser Pater) "absolut kein Mitleid".
Das saß bei mir wie eine Ohrfeige. Jetzt bin ich in vielen Diskussionen in meinem Umfeld schon gewohnt, dass die Menschen gar keinen Faktencheck in Sachen van Elst bzw. Limburg hören wollen und falls doch nichts hängen bleibt außer den Zahlen der Gesamtkosten.
Aber das ein Priester sich über einen Bischof derart äußert ohne die Fakten zu prüfen, und dann einen Verzicht auf Mitleid verkündet... Mir fehlen jetzt noch immer die Worte. Ich kann nicht beschreiben, wie entsetzt und ja, auch verletzt ich bin.
Natürlich bin ich nicht besser. Wenn ich von einem dieser unbeschreiblichen Verbrechen höre, die Menschen an anderen Menschen oder Lebewesen begehen wünsche ich den Tätern oft schlimmste Dinge. Höre ich von einer schweren Strafe oder einem Unglück, dass solchen Tätern wiederfährt spüre ich mitunter eine innere Zufriedenheit. Und nicht selten ertappe ich mich bei Gedanken, wie viel friedlicher die Welt ohne eine bestimmte Gruppe von Menschen wäre, vor allem, wenn ich Nachrichten aus Ägypten, Syrien, Irak, Nordkorea usw. bekomme.
Aber diese Gefühle und Gedanken, dafür muss ich kein Theologe sein, sind falsch. Es sind meine Fehler, meine Schwäche. Ich schaffe es nicht den Worten und Taten des Herrn zu folgen und selbst meinen Feinden oder den Feinden meiner Liebsten, meiner Familie, meiner Glaubensgemeinschaft und Mitmenschen mit Liebe zu begegnen. Stets zu vergeben. Spätestens wenn ich mal wieder, dumm wie ich bin, auf einen Bericht, ein Photo oder gar ein Video von Hinrichtungen von Andersgläubigen unter "Allah" rufen stoße ist selbst mein Wunsch mich zu bessern erneut für einige Zeit vergessen.

Ich predige aber auch nicht das Wort Christi. Ich teile nicht die Kommunion aus. Und selbst wenn ich es täte, ich würde keiner Gemeinde sagen: Mitleid ist nicht angebracht. Mitleid ist immer angebracht.

Nachdem schon das letzte Mal von mir auf die Kommunion verzichtet worden war, und da ich die zwei Wochen zuvor verhindert war, ging ich, noch immer unter einem kleinen Schock, nach vorne - auch wenn das Singbärchen wieder die ganze Zeit über zupfte. Wie erwartet konnte ich danach keinen klaren Gedanken fassen, keine Ruhe finden. Aber einen Beschluss fasste ich: das Gespräch lasse ich sein. Wie sollten meine Sorgen Gehör finden, wenn Mitleid nicht obligatorisch für den Priester ist.
Nächsten Sonntag suchen wir eine andere Gemeinde auf. Hoffentlich eine, die Mitleid hat.

Kommentare:

  1. Tut mir Leid zu hören. Priester sind halt auch nur Menschen, nur sollten sie halt auch reflektieren, was sie da sagen (ich unterstell lieber "positiv", daß er nicht nachgedacht hat als unterstellen zu müssen, daß er auf den populistischen Aspekt setzt).
    Viel Erfolg bei der Suche nach ner anderen Gemeinde.

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  2. Ach wie traurig! Ich kann das gut verstehen, was Du da berichtest. Wieviel wirklich Geistliches gäbe es zu sagen zu "Zachäus, komm vom Baum herunter" - es ist eine meiner liebsten Stellen im Evangelium.
    Ich glaube, daß viele Priester sich nicht im Klaren darüber sind, wieviel (Seelenfrieden) sie uns nehmen, wenn sie Unausgegorenes von sich geben. Wer "selber schuld" sagt, der hat selbst keinen Seelenfrieden und verstreut ihn in der Welt, wie einen Virus: es ist ansteckend. Oft denke ich, sie sollten wirklich fasten von "Tagespolitik" in ihren Predigten. Sie sollten beim Wesentlichen bleiben und uns darin bestärken. Hier hast Du einen Link, da findest Du Dich vielleicht wieder... http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/brief-an-einen-pfarrer/
    Wer "kein Mitleid" verkündet, der hat auch mit sich selbst keines - es ist ein psychologisches Problem. Nicht jeder Priester hat seine Biographie bewältigt. Laßt uns beten: Herr befreie ihn!

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    1. Ich bitte um Entschuldigung für die verspätete Antwort, die letzten Tage war ich leider sehr eingespannt.
      Vielen Dank für den Hinweis. Es ist ein gutes Gefühl, durchmischt mit einer tiefen Traurigkeit, zu sehen, dass wir nicht die einzigen sind, die um den Frieden und die Gemeinschaft gebracht werden.
      Wäre die Kirche wirklich, wie sie von ihren Feinden dargestellt wird, wäre das mit einem Machtwort zu regeln - so fühlt es sich an, als Laufe es auf eine weitere Spaltung hinaus.

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