Dienstag, 7. Mai 2013

Richte nicht...

Die letzten Tage hatte ich gesundheitsbedingt viel Zeit (und wenig Lust) zu lesen. Die dominierenden Themen in den Nachrichtenblättern dieses Landes waren währenddessen: Fußball, Tappert, NSU und Syrien - in wechselnder Wichtung.

Heute meldete sich eine Betroffene im Fall Tappert, nämlich seine Frau. Sie stellte klar, dass der spätere Krimischauspieler mit 19 Jahren gezogen worden sei. Das dies bislang von keinem Redakteur erwähnt oder von Kritikern angesprochen wurde finde ich bezeichnend. In Details hält man sich vornehm zurück, in der Verurteilung keineswegs. So wurde über einen posthumen Entzug der Ehrenkommissar gesprochen, Wegbegleiter wenden sich öffentlich ab. 
Der Grund: wird über die SS gesprochen zeichnen sich einer uniformierten Schlägertruppe ab, die zum härtesten und mitleidlosesten gehörte, was die vor sich hin revoluzernden Nazis zu bieten hatten. Denkt man an die SS nach der Machtergreifung kommen einem vor allem jene gewissenlosen Mörder vor Augen, die in verschiedenen KZs Menschen misshandelten und ermordeten wie man es vorher noch nicht gesehen hatte. Etwas eingelesene lassen dann noch marodierende und exekutierende Horden von handverlesenen Soldaten durch die eroberten und besetzten Gebiete toben.
All das entspricht leider auch der Wahrheit. Die frühen SS Leute waren buchstäblich treu bis in den Tod und von den Nazilehren überzeugt bis zum Fanatismus. Schon die Männer und Frauen der organisierten Menschenvernichtung sind aber keineswegs mehr jene "deutsch-arischen" Überzeugungstäter. Viele von ihnen hinterließen Dokumente, die sie in keinem besseren Licht als ihre Mitverbrecher dastehen ließen, aber durchaus darlegten, dass es hier weniger um Überzeugung als vielmehr Vergünstigungen und Karrierestreben ging.
Etwas genauer sollte man aber hinsehen, wenn es um die Soldaten der Waffen-SS in den 40er Jahren geht.
Nicht, dass die Anschuldigungen falsch wären: die Waffen-SS ist verantwortlich für unzählige Kriegsverbrechen, meist Exekutionen von Geiseln oder der Racheaktionen in französischen, italienischen u.v.a. anderen Dörfern. Es stimmt, dass sich i.d.R. in den Reihen der SS deutlich mehr "richtige" Nazis fanden, als irgendwo sonst.
Es stimmt aber auch, dass von den hunderttausenden Soldaten mit der doppelten Rune auf dem Kragenspiegel und der Tätowierung ein großer Teil nicht freiwillig in ihre Reihen aufgenommen wurde. Es gibt sogar SS-Einheiten, die sich aus (politischen) KZ-Häftlingen und disziplinarisch bestraften Wehrmachtssoldaten zusammen setzten. Wie viele Waffen-SS-Männer an Verbrechen beteiligt waren ist bis heute nicht ermittelbar. Diesen Männer also per se zu unterstellen, sie wären nicht nur Nazis sondern so begeistert von deren Wahnsinn, dass sie sich der größten Verbrechertruppe anschlossen um selbst solche Verbrechen zu begehen grenzt in meinen Augen an Verleumdung.
Es sagt mehr über diejenigen aus, die heute richten, als über all jene, über die gerichtet wird.

Und während man einen Toten posthum entehren will, darf ein Grass, der nach jahrelangem moralisieren zugab selbst bei der SS gewesen zu sein, Dinge schreiben, die so daneben und im unterton den Geschmack des Antijudaismus tragen. Solch einer wird weiter geehrt und verteidigt statt geächtet.
So macht man deutlich: vor den Moralgerichten dieser Gesellschaft geht es nicht um Taten und ihre Auswirkungen - es geht darum wer wird da beschuldigt.

Kommentare:

  1. Das gehört zu diesem billigen "Antifaschismus" des "Aufstands der Anständigen" (der sogar einem linken Autor wie Thomas Wieczorek bereits unangenehm aufgefallen ist): Der Fall Tappert ist eine dieser willkommenen Gelegenheiten, um sich selbst als "Wir, die Guten" zu zelebrieren. Der Fall Grass hingegen taugt wenig dazu, weil man dann doch an jenem Ast sägen würde, auf dem man Platz genommen hat.

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    1. Das dies aber im Grunde hingenommen wird ist doch mindestens ebenso eine Sauerei. Die "Moralwächter" und "Antifachisten" unserer Tage begehren doch nichts anderes als Deutungshoheit und Führungsanspruch bzw. Gefolgschaftstreue.
      Das da weder die politische Kaste (denn eine solche haben wir m.M.n. mittlerweile herausgebildet) noch die Gemeinschaft gegen aufsteht, im Gegenteil die Kinder noch in deren Hände gibt zur "politischen und sozialen Erziehung" frustriert mich.

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