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Sonntag, 7. Februar 2016

Die Feigheit der Akademiker

Akademiker kennen drei Vorwürfe. Der erste ist nunmal nichts anderes als wahr: wir sind Fachidioten. Wir beschäftigen uns einen erheblichen Teil unseres Lebens und Alltags mit unseren Themen und sind oft gut informiert und fit in den Arbeitsschritten, die dazu gehören. Aber das war es auch schon. Ein komisches Geräusch am Auto, mal eben einen Schrank selbst bauen oder eben fachfremde Informationen abrufen bzw. verarbeiten und wir stehen oft genug mit dem Gesichtsausdruck da, der besagt, was man wenig akademisch mit einem "Hä?" wiedergeben muss.
Natürlich werden die wenigsten zugeben, dass sie weder alles können noch eine gewisse ferne zu bestimmten anderen Lebensinhalten aufgebaut haben.

In meinen Augen ist das aber kein Vorwurf, der nur Akademiker trifft. Dies gilt auch für jeden anderen Menschen. Man kann halt nur das können, was man gelernt hat - in seltenen Ausnahmetalentfällen vielleicht auch etwas mehr.


Der zweite, damit eng verwandte Vorwurf erwächst ebenfalls aus diesem Sachverhalt und ist schon spezifischer. Wir säßen im Elfenbeinturm. Während unserer Studien und anschließenden Arbeit in einem vermeintlich elitären und meist schreibtischorientieren Umfeld erleben wir so wenig vom Alltag anderer Menschen, welche  nicht in Büros sitzen oder dort völlig andere Arbeitserfahrungen machen (müssen), dass wir nicht nachvollziehen können "was wirklich draußen abgeht". Dieser Vorwurf hat m.M.n. seine Berechtigung. Wenn Studenten darüber diskutieren, dass wir zukünftig in der Verkehrssprache alle von ihnen identifizierten Geschlechter anzusprechen haben und zu dem Zwecke eine voreingenommen Wahl eines Personalpronomen meiden sollten, dann ist das schlicht unpraktisch und unrealistisch. Wenn ein Universitätsrat den im Scherz vorgeschlagenen Wegfall der männlichen Titel zugunsten einer immer weiblichen Form mit großer Mehrheit annimmt, dann kann man sich schon fragen: was ist denn in die gefahren?
Vom Lebensalltag und der Lebensrealität völlig abgehobene Behauptungen und Thesen sind keine Seltenheit. So wird den Genderstudies sehr gerne attestiert, nicht mal mehr wissenschaftlich zu arbeiten.

Ein viel gewichtigerer Vorwurf wird in der Gesellschaft neuerdings ebenfalls wieder lauter und hängt mit dem zuvorder gesagten zusammen.
Normalerweise ist einer der Grundsätze der Forschung größtmögliche Objektivität. Wichtig ist dabei die vorangestellte Relativierung - größtmögliche. Es ist davon auszugehen (immer!), dass reine Objektivität nicht zu erreichen ist. Jeder Mensch bildet sich Meinungen, hat Ansichten, wird beeinflusst von Gelerntem und Erfahrenem sowie Emotionen. Oft bewusst, viel öfter unbewusst. Das ist auch gut so. Zumindest in der Geisteswissenschaft ist die Auseinandersetzung verschiedener Standpunkte, Interpretationen und Ansichten ein Weg, Erkenntnisse zu gewinnen oder schlicht in einem Feld, wo wir sehr oft nicht zu einem Schluss kommen können, verschiedene Möglichkeiten gegenüberstellen.
Wir laufen aber Gefahr, uns zu sehr einer Haltung oder Meinung hinzugeben. Dieser Balancakt ist es, der Wissenschaften wie Geschichte, Philosophie, Theologie uvm. zu einer charakterlichen Herausforderung macht. Naja, vielleicht nicht der einzige Punkt...
Oben drauf kommt aber auch die Abhängigkeit. Historiker werden jetzt nicht unbedingt gesucht wie Goldvorkommen in amerikanischen Flüssen. Die Nützlichkeit historischer Forschung leuchtet nicht jedem Menschen ein und kaum eine Firma braucht (dauerhaft) so jemanden, der ihre Geschichte erforscht und veröffentlicht. Dies wird bei Philosophen und anderen "soft skill" Studienrichtungen noch gesteigert. Und selbst dort, wo ein gewisser Bedarf besteht, wie Germanistik oder Journalismus ist die Zahl der Anwärter bedeutend größer als die Zahl der Stellen.
Wer also einen Fuß in die "akademische Karriere", sprich den Weg über das Studium zum wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Dozenten und Doktorranden zum Professor geschafft hat, der möchte i.d.R. auch auf diesem Pfad, Verzeihung, Stuhl, bleiben - so schlecht bezahlt diese Jobs meist sind.
Wer aber keine echte Kapazität und Berühmtheit auf seinem Gebiet wird oder andere, unverzichtbare Talente aufweist (bspw. in Organisation und Verwaltung), der muss natürlich darauf achten, nicht unangenehm aufzufallen. Das wird zunehmend schwerer. Waren es in der DDR und im Dritten Reich  noch extra bestellte Beamte des Staates und der Regierenden, die darüber wachten, sowie Spitzel in Erwartung einer Belohnung, so sind es heute zunehmen ideologische Studentengruppen und Medien, die einem das Leben sofort zur Hölle machen, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Wobei viele Überzeugungstäter der Diktaturen mit diesen Menschen eines gemein haben: sie glauben, sie seien "die Guten" und täten "das Richtige", selbst wenn das Leben ruinierte und moralisch verwerfliche Taten erforderte.

Als Beispiele aktueller Fälle seien Professor Baberowski und Münkler genannt. Die beiden Berliner Professoren verschiedener Fachbereiche erleben ein Mobbing besonderer Art.
Vom virtuellen bis zum sprichwörtlichen Pranger, von gestörten Vorlesungen bis zu Drohungen und körperlichen Attacken hält mittlerweile Einzug, was man nicht glauben sollte.
Das ist nicht nur in Deutschland so. Auch im "Mutterland" der akademischen Diskussionskultur wird die Freiheit des Geistes durch die angeblichen Kämpfer gegen Rechtsradikalismus und Faschismus de facto abgeschafft - und auch in den USA wird mit einer gnandelosen Verblendung an den Hochschulen der Geist des totalitären im Namen der Gleichheit, Toleranz und des Miteinanders verbreitet.
Wer jetzt glaubt, da liege eben die akademische Welt mit sich selbst im Clinch, der irrt. Was in Schulen in die Bücher kommt oder in die Jahr- und Fachpublikationen in öffentlicher Hand bzw. der von partei- und politikernahen Stiftungen wird auf die gleiche Weise geregelt, wie der Althistoriker Professor Demandt erfahren musste. Und dieser Name ist in Fachkreisen wohl be- und anerkannt.

Ein mögliche Antwort auf das Warum gibt die Theorie der Emotionalisierung der Gesellschaft, die ich hier nicht erläutern will, dies hat Hansjörg Müller m.E. ziemlich gut erledigt.

Also bleiben die Meisten lieber unter dem Radar oder schließen sich an - wenn sie nicht eben selbst Teil dieser Bewegung sind. Letzteres ist, der Überzeugung bin ich, eben eine Folge der ersten zwei Probleme, und dagegen lässt sich kaum mehr etwas ausrichten. Denn die Verantwortlichen stellen gehören ebenfalls dazu, wie unsere Kultusminister in den letzten Jahren immer wieder unter Beweis stellen, oder beugen sich dem Druck. Mitunter in vorauseilendem Gehorsam.
Es sind dann doch zumeist die NoNames, die meist völlig unbemerkt in Blogs oder Randbemerkungen ihrer Arbeiten Protest anmelden.

Dabei haben bspw. Historiker mehr als einmal üble Rollen übernommen um verhängnisvolle Entwicklungen nicht zu kritisieren sondern zu unterstützen und ihr einen (schein-)wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Wir sollten uns also bewusst sein, wie wichtig unvoreingenommenes Arbeiten, das Streben nach größtmöglicher Objektivität und die Selbstreflektion sind.
Trotzdem sind es nur sehr wenige Stimmen, die sich erheben. Einige sind oben genannt. Viele andere schließen sich lieber den Bewegungen an. Selbst Stellenstreichungen bei gleichzeitigem Ausbau der besagten Genderstudies führen nicht zu einem markanten Aufschrei.

Bei all dieser Kritik an den Kollegen, so muss ich mich selbst doch mit einbeziehen. Ich blogge hier, kostenlos und unter einem Pseudonym. Zur Beruhigung meines Gewissens rede ich mir die Verantwortung gegenüber meiner Familie ein, die nicht wegen meinem Geschreibsel ins Fadenkreuz von AntiFa und Boykottaufrufen geraten soll.
Fakt ist aber, nach vorne zu treten und zu sagen: hier läuft etwas falsch und wir bewegen uns auf den Abgrund zu. Lasst ab!
Das hat schon in Troja nicht gut funktioniert und das Schicksal der Warner und der zur Besinnung Aufrufenden ist durch die Jahrhunderte nicht besser geworden. Vielleicht finde ich mal den nöigen Mut dazu - aber was würde es bringen? Mein Name ist nicht mal ansatzweise so schwer und bedeutend wie der von Demandt und Baberowski.
Eine Antwort habe ich nicht. Es sind lediglich Gedanken um rund um Geschichte, Religion, Kultur und Politik...