Montag, 8. August 2016

Des Papstes Wort zum Islam und der Gewalt

Der Grund, warum ich die Äußerung des Papstes, man sollte den Islam nicht mit Gewalt in Verbindung bringen, erst jetzt aufgreife, ist, neben meinem akuten Zeitmangel, die bisherige Berichterstattung. Mitunter sagte der Heilige Vater etwas, und die Medien kürzten, fassten zusammen oder berichteten eine stark abgeänderte Version. Ich wollte abwarten, ob solcherlei auch hier vorlag. Kath.net hat eine Mitschrift und ein Video mit O-Ton veröffentlicht.
Ich mag es nicht, von islamischer Gewalt zu sprechen, denn jeden Tag, wenn ich die Zeitungen durchblättere, sehe ich Gewalttaten, hier in Italien: da ist der, der seine Freundin oder seine Schwiegermutter tötet, und das sind gewalttätige katholische Getaufte. Würde ich von islamischer Gewalt sprechen, müsste ich dann auch von katholischer Gewalt sprechen?Nicht alle Muslime sind gewalttätig. Das ist wie ein Obstsalat, in den Religionen gibt es die Gewalttätigen. Etwas ist wahr: in fast allen Religionen ist da immer ein kleines fundamentalistisches Grüppchen. Auch wir haben das. Und wenn der Fundamentalismus dazu kommt, zu töten – man kann mit der Zunge töten, das sagt der Apostel Jakobus, nicht ich, und man kann mit dem Messer töten – es ist nicht richtig, den Islam mit Gewalt zu identifizieren. ...Ja wir können sagen, das der sogenannte ISIS ein islamischer Staat ist, der sich gewalttätig präsentiert, weil er uns als seinen Personalausweis zeigt, wie sie die Ägypter abschlachteten. Aber das ist ein kleines Grüppchen, man kann nicht sagen, es ist nicht richtig zu sagen, dass der Islam terroristisch ist.
Es ist also anzunehmen, dass diese Worte wirklich so gesprochen wurden.
Es schmerzt mich in der Seele, das Oberhaupt unserer Kirche solche Worte verlieren zu hören. Das ihm Versöhnung und Miteinander zentrale Anliegen sind und er lieber zu Frieden und Liebe aufruft, als zu Gewalt und Rache ist selbstverständlich und tief in unserer Religion und Konfession begründet.
Aber diese Relativierung um eine andere Religion ist mit nichts zu beschönigen. Es ist eine Relativierung. Der Begriff "islamische Gewalt" ist zwar recht weit gefasst, beinhaltet aber neben Eroberungszügen und Massenmorden auch den aktuellen Terror.

Würde ich von islamischer Gewalt sprechen, müsste ich dann auch von katholischer Gewalt sprechen?
Die Strategie auf eine Kritik an einem Zustand mit dem Verweis auf mögliche Kritik am Kritiker oder ihm nahestehenden Personen bzw. Umständen zu reagieren, ist altbekannt, kam aber für mich von unserem Papst völlig unerwartet.
Im Zusammenhang mit dem Islam bzw. allem Nichtchristlichem oder -katholischem ist es allerdings eine bekannte Ablenkung. "Was ist mit den Kreuzzügen? Gibt es nicht auch christliche Terroristen? Schon den Irlandkonflikt vergessen? Das waren alles Christen."
Oder, wenn es weiter greifen soll:
"In Myanmar werden Muslime verfolgt. Es sterben viel mehr Menschen an allergischen Reaktionen. Auch Deutsche verüben Verbrechen / morden / töten ihre Familien" usw. usf.

All dem ist gemein, dass man Äpfel mit Handgranaten vergleicht. Und auch unser Papst geht hier so weit. Verbrechen, welche von Christen bzw. Katholiken verübt werden gibt es in der Tat. Und niemand kommt auf den Gedanken, die Taten der Mafia, der mexikanischen Drogenkartelle oder irgendeines Familienvaters, der einen sog. erweiterten Suizid begeht, klein zu reden. Aber anders als die Terroristen gibt es von solchen Menschen keine Berufung auf unsere Religion. Eine katholische Mutter, die ihre Kinder tötet kann sich in NICHTS auf das Christentum berufen. In unseren dunkelsten Stunden gab es keine Rechtfertigung. Im Gegenteil, in der Diskussion um Abtreibung ist vielen Gegnern nicht bewusst, dass auch die katholische Kirche das Wohl der Mutter im Notfall vorzieht und eine Abtreibung erlaubt, wenn ihr Leben in Gefahr ist und durch die Abtreibung gerettet werden kann. Das dies nicht bekannt ist, liegt an der Tatsache, dass wir Leben wertschätzen.
Unsere Märtyrer sterben für den Glauben - aber ohne jemandem zu schaden. Sie opfern sich. Sie gehen in den Tod und akzeptieren ihr Schicksal. Im Islam sind die Schahid auch jene, die im Kampf oder dem Bemühen die "erklärten Feinde" zu töten. Daher die Selbstmordattentäter. Daher das verbreitete Wissen um den sofortigen Einzug ins Paradies und die dortigen Belohnungen. Darum die Angst einiger Märtyrer vor Verstümmelung ihrer Genitalien - denn die Zeichen der Selbstopferung gelten als Eintrittskarte und bleiben dort erhalten.... so zumindest einige Texte der sunna, der islamischen Religionslehre.
Wie der Papst darauf kommt, dies zu vergleichen ist nicht nachzuvollziehen.
Vielleicht meinte er aber eher die alltägliche islamische Gewalt. Also die Unterdrückung der Frau in Form von Entmündigung, Zwangsheirat und ehelicher Gewalt. Wie weit unser Heiliger Vater im Islam gebildet ist, weiß ich nicht zu beurteilen. Ich habe es nicht studiert, sondern lediglich Koran, ahadit und die ein oder andere Abhandlung gelesen sowie einen historischen Vergleich. Ich kann spielend Diskussionen innerhalb der Umma, der islamischen Gemeinschaft, im Internet nachlesen (sie werden an verschiedenen Orten in verschiedenen Sprachen geführt, also ist arabisch zum Glück nicht unbedingt nötig) und ich kann verschiedene Stellungsnahmen und Publikationen von Imamen und Gemeinschaften durchlesen.
In der Tat finden sich da eben auch jene, auf die wir Rücksicht nehmen wollen und müssen - die Moderaten. Diese haben selbstredend eine völlig andere Meinung als die Radikalen. Aber selbst unter diesen gibt es eine erstaunliche Bandbreite. So einig sich die meisten bspw. sind, dass man seine Frau schlagen darf, wann und wie dies zu geschehen hat ist teilweise heiß diskutiert.
Wie also das Oberhaupt der katholischen Kirche eine theologische Debatte des Islam entscheiden will, ist mir wiederum ein Rätsel. Und dies tut er, wenn er uns diese klare Botschaft vermittelt.
"Was ihr seht, hört und lest ist nicht richtig. Wenn solcherlei passiert, dann hat es nichts damit zu tun."

Was mich zum weiteren Kreis führt. Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverfolgung. Diese drei Vorwürfe bekommt man als Christ, vor allem als Katholik ständig zu hören, sobald es um Gewalt und / oder Geschichte geht. Hat dies alles dann auch nichts mit dem Christentum zu tun? Während ich bei der Hexenverfolgung in der Tat konsequent auf die Haltung der Kirche durch die Jahrhunderte verweise, so kann ich doch die Taten der Puritaner genausowenig leugnen, wie den Aufruf des Papstes in Clermont. Wie man diese Dinge bewertet ist eine andere Sache, aber eine generelle Verbindung kann man erstmal nicht leugnen. Und sollte man auch nicht - denn sonst kann man nicht lernen und nichts ändern.

Natürlich sind bereits viele Interpreten auf den Plan getreten, welche die Äußerung des Papstes auf diese oder jene Ebene schieben und umständlich interpretieren. Was mich sehr fasziniert, denn sonst ist man sich einig, dass der Papst das unternimmt und spricht, was ihm am Herzen liegt. Wieso dann nicht in diesem Fall?
Eine völlig unpassende Relativierung und Schutzbehauptung, theologisches Wissen welches so den Erfahrungen völlig widerspricht.
Ob Lepanto, Wien, Otranto, Konstantinopel, Tour, Poitiers, Alexandria, Jerusalem oder immer wieder die Küsten Europas - friedlich war die Expansion des unter einer Fahne mit Krummschwert heranpreschenden Islam nicht. Sein Prophet befahl zahllose Hinrichtungen und kommandierte selbst über 40 Feldzüge, wie Islamwissenschaftler wie Tilman Nagel in ausführlichen Biographien und Fachwerken ausbreiten und erst seit wenigen Jahren auch von sog. Populisten aufgegriffen wird.
Stellt man diesen "Propheten" neben Christus, so könnte der Widerspruch zueinander und zur Aussage unseres Papstes nicht größer sein. Wie soll dann die Frucht daraus dem nicht entsprechen?

Umfragen und Studien quer durch Europa ergeben immer wieder ein ziemlich ähnliches Bild. Die Mär von der kleinen Minderheit von Gefährlichen passt nicht so richtig. Sprechen Medien und Politiker gerne von einigen Wenigen oder Hunderten, so präsentieren die Studien eine Zustimmung zur Scharia, dem Kalifat, der auch gewaltsamen Ausbreitung des Islam in Prozenten von 15 bis 30% unter der Bevölkerung. Die Frage nach der Sympathie mit Muslimen, die nach Syrien in den Krieg ziehen lag bei 20% - und nach dieser Veröffentlichung wurde sofort relativiert. So versuchte es die BBC mit Kritik an der Umfrage. Sie merkte an, dass in den vier Antwortmöglichkeiten (große Sympathie, Sympathie, Keine Sympathie, Keine Ahnung) das Wort "Jihadi" nicht vorkam und somit missverständlich sei. Eine fadenscheinige Argumentation um die Glaubwürdigkeit zu untergraben. Die Zahl der Muslime, die nach Syrien zieht, um auf der Seite der "Freien" oder "Rebellen" zu kämpfen ist zum einen verschwindend klein und praktisch in niemandes Gedanken verankert und zum anderen sind auch Al Nusra und manche andere "Rebellengruppe" nichts anderes als Islamisten. Nur eben auch verfeindet mit dem IS.
In diese Reihe der Apologeten (und ich bin mir des ursprünglichen Titels bewusst) reiht sich unser Oberhaupt ein. Vergessen die Opfer, vergessen die Eroberung, vergessen die Fatwas, ignoriert die ewiglangen theologischen Begründungen welche die Muslimbruderschaft, Hamas, Al Quaida und auch der IS herausgeben.
Es hat nichts damit zu tun, und jeder der etwas anderes behauptet muss damit leben mit einem Vergewaltiger verknüpft zu werden, der katholisch Getauft ist...

Dies wäre mal eine Rede gewesen, für die ich wirklich gerne eine ausführlichere Stellungsnahme gelesen hätte....


Nachtrag: nach den wenigen Minuten, die der Beitrag steht bekam ich bereits die erste Anschuldigung alle Muslime in einen Topf zu werfen. Also mal wieder:
Weder sezte ich alle Muslime mit ihrer Religion gleich, noch schreibe ich über irgendwelche Maßnahmen, die ohne Ansehen des Individuums vorgehen. Im Text verwende ich Zahlen, Daten und verweise auf moderate Muslime. In anderen meiner Texte verweise ich auf Muslime, denen wir dringend zuhören sollten und dazu beitragen müssen, diese als Vorbilder der islamischen Gemeinde zu installieren.
In keiner Weise werfe ich alle Muslime in einen Topf. Allerdings bin ich gegen Relativierung, Verharmlosung und Kleinrederei - und liefere dazu Fakten. Den Kommentar veröffentliche ich genau darum nicht (abgesehen von den Vorwürfen bestand er nur als Beleidigungen).

Kommentare:

  1. Zum Verweis auf "moderate" Muslime:
    Ein Christ, welcher Couleur auch immer, der Gewalttaten im Namen seiner Religion verübte oder selbige zu verüben beabsichtigt, konnte und kann sich dabei nie und nimmer auf das Grundlagenbuch seiner Religion, also das Neue Testament, berufen.
    Ein Moslem, welcher Gewalttaten verübt bzw. verübte, konnte bzw.kann sich von Anfang an auf das unverrückbare, unveränderbare und wörtlich zu befolgende Wort Allahs (Koran mit dutzenden Tötungsbefehlen)und auf das Vorbild seines Propheten (Sunna und Hathiden) berufen.
    Dh. ein "moderater" Moslem ist für mich vergleichbar einem
    "Taufscheinchristen" - er nimmt seine Religion einfach nicht
    ernst. Solange es keinen Koran ohne Gewalt- und Tötungssuren, uzw verbindlich, für die Moslems gibt, ist die Rede von "moderaten" Moslems Humbug

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    1. Ich stimme dem nicht zu. Es gibt auch andere Möglichkeiten. z.B die Abregation im Islam für Ungültig zu erklären oder umzukehren. Dies würde bedeuten, dass, ähnlich wie in der Bibel, die blutigen und mordlüsternen Stellen von den "besseren" Stellen überlagert würden. Das würde den Terror und die Radikalen nicht befriedigen oder befrieden, aber es würde den moderaten Muslimen eine theologisch glaubwürdige Basis geben, um die sie derzeit erfolglos kämpfen - das ist der Punkt in dem wir übereinstimmen.

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  2. Aus meiner Sicht wird hier der "evangelische Weg" beschritten, möglichst viele Annäherungen an die Mainstreammedien und die Meinungsfūhrer zu gehen( siehe auch Umweltschutz), um die Kirchen dort anheischig zu machen.
    Und ist die Kirche nicht schon immer auf Seiten der Mächtigen gewesen?

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    1. Das Erstere glaube ich nicht. Dieser Heilige Vater geht seinen eigenen Weg. Unter Begeisterung und Entsetzen der Medien. Wie es wirklich steht werden wir wohl nicht erfahren.

      Was die Kirche und die Mächtigen angeht: nein. Nicht lokal und nicht überregional. Das heisst nicht, dass die Kirche und seine Führer nicht auch opportunistisch sein konnten oder zeitlich begrenzt waren. Aber die Kirche hat sich auch zahllose Male mit den Mächtigen angelegt. Die spanische Krone eroberte Teile Italiens, um seinen Willen mit Waffengewalt durchzusetzen. Der französische König brauchte Jahre, um den Widerstand in Rom zu brechen - oder es eben nicht zu können (bspw. Gegenpäpste, Auflösung des Templerordens usw.). Es hängt natürlich auch viel davon ab, wen man als "die Mächtigen" bezeichnet, aber im Großen und Ganzen suchte die Kirche, Rom bzw. der Vatikan seinen Platz in der Welt und machte dabei Fehler in jede mögliche Richtung und vieles richtig. Wie alle anderen Organisationen, Bewegungen, Staaten und Regierungen ebenso. Religionen will ich nicht sagen, denn die meisten naturalistischen Religionen hatten ein völlig anderes Umfeld.

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    2. Nun was die Strategie angeht, iat meine Position natürlich absolut angreifbar, da empirisch nicht belegbar.
      Ich sehe nur WWF-like Tierbilder auf dem Petersdom und die Rhetorik der NGOs, ich sehe diesen Papst in Lampedusa, wo er demonstrativ Muslime "auswählt" um sie nach Italien zu bringen. Ich sehe ihn nicht in Lahore oder bei den Christen des nahen Osten und ich sehe geistliche Würdenträger aus dem nahen Osten, deen flehentliche Bitte um Unterstützung fernab der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird.
      Die Worte dieses Papstes zum Islam stehen in der Linie deutscher Würdenträger, die ja sogar der Meinung sind zum selben Gott zu beten.
      Ja, manchmal bringt diser Papst mit seinen Äußerungen auch hiesige Medien gegen sich auf, aber das scheint mir einfach manchmal einfach Ungeschick.

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    3. Ich bitte die verspätete Freischaltung zu entschuldigen. Derzeit ist meine Zeit wieder knapper.
      Ganz ohne Engagement für die unterdrückten und verfolten Christen ist der Heilige Vater nicht, aber in der Tat wünsche ich mir ebenfalls eine andere Relation. Das Oberhaupt der größten christlichen Kirche sollte sich auch m.E. erstmal mehr Sorgen um abgeschlachtete Christen machen, als mögliche Ressentiments gegen Muslime infolge von Enthauptungen und Terroranschlägen...

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