Posts mit dem Label Amoklauf werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Amoklauf werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 10. August 2016

Deutsch-Iraner war an der Waffe trainiert , Ansbach und Würzburger Terroristen hatten IS Kontakt - Überraschung...

Wenn es noch einen Anstoß bedurfte unserer regionalen wie bundesweiten Presse kein Geld mehr für ihren Informationsservice zu geben, dann haben wir ihn nun vorliegen. Tagelang bzw. wochenlang wurde uns nach den Anschlägen und Massenmorden vorgebetet, was wir zu denken bzw. nicht zu denken haben.
Jeder Gedanke, die Anschläge oder Meldungen von Gewalttaten und Explosionen könnten durch Islamisten begangen sein wurde als "Vorurteil" und als "vorschnell" abgeurteilt.
Als die Identitäten der Täter bekannt wurden, durfte ihre Abstammung bzw. Herkunft auf keinen Fall zu irgendeiner gedanklichen Verbindung mit Terror, dem Islam oder unserer aktuellen Politik dienen.
Jeder, der anderes verlautete "spielte Rechtspopulisten in die Hände" oder war selbst ein Rassist, Populist oder Nazi. Mindestens aber Fremdenfeind.
Die Bekenntnisse des IS zu dreien der Anschlägen wurde lächerlich gemacht und während man betonte, dass man nicht glauben könne, dass dies Terroristen waren wurde auf ihre angebliche oder reale psychische und religiöse Schwäche hingewiesen. Diese Stimmen wurden zwar leiser, verschwanden aber nicht, als man Flaggen des IS, Bekennerschreiben und schließlich sogar Bekennervideos auf einer Plattform des IS fand.
Einen Tag nach der Tat aber war der Täter von München bereits ein Rechtsradikaler mit der Betonung auf "deutsch" in "deutsch-Iraner".
Am 25.7. benutzte Roman Grafe den Münchner Amoklauf um Legalwaffenbesitzer unter dem Titel "Des Massenmörders bester Freund" für einen Amoklauf mit einer illegalen Schusswaffe verantwortlich zu machen und allerhand Halb- und Unwahrheiten in die FAZ zu bringen.

Ich verlinke diese Dinge nicht. Sie können unter den betreffenden Schlagwörtern als Artikel leicht gegoogelt werden. Blätter wie Zeit, TaZ und Süddeutsche sind regelrecht voll von Berichten darüber, wieso es sich nicht um Anschläge und Terroristen gehandelt habe, sondern um bedauernswerte Geisteskranke und Benachteiligte die keinen Ausweg mehr gesehen hätten.

Am Ende steht es nun fest. Die Täter von Würzburg und Ansbach ebenso wie der Massenmörder von Nizza und die Priestermörder aus der Normandie wurden vom IS als "ihre Schahid", also Märtyrer, bezeichnet und mittlerweile konnten Kontakte bzw. Mitgliedschaft in Terrorzellen nachgewiesen werden. Im Fall des Ansbachers ist herausgekommen, dass er die Bombe nicht als Selbstmörder zünden sollte, sondern weitere Attacken begehen sollte. Er hätte die Explosion filmen sollen, das Material wäre dann ausgeschlachtet worden. Der Plan ging hinten und vorne nicht auf, weil eine gute Security und die verfrühte Detonation es verhinderten.
Scheinbar sind die Ermittler aber nur kurze Zeit nach den Anschlägen auf einige Beweise und Informationen gestoßen, welche für die Einordnung bedeutend sind und längst die Titelseiten dominieren sollten. Nicht nur, dass sowohl der Würzburger als auch der Täter von Nizza Helfer im jeweiligen Land hatten, sie wurden mittels einer offenbar bestens funktionierenden und ziemlich offen arbeitenden Logistik aus Saudi-Arabien unterstützt und angeleitet.
Wie oft in den letzten Monaten sogenannte Experten erklärten, die Anschläge von Paris und Brüssel seien Verzweiflungstaten des im sterben liegenden IS gewesen, weiß ich nicht zu schätzen. Die Radikalen würden mittlerweile aufgrund der guten Abwehrarbeit unserer Polizei nun auf "einsame Wölfe" setzen, die keinen Kontakt und keine Planung bräuchten. Fakt ist offensichtlich das Gegenteil. Ziemlich offen, in Videochats, in Chaträumen von Videospielen, auf Twitter und Co. kommunizieren die Terroristen miteinander. Problemlos sind in den letzten Jahren offensichtlich mehr als drei dutzend Terroristen ins zentrale Europa gekommen - und das sind jene, die aktiv wurden und nach denen, so sie noch leben, gefahndet wird.
Und das vor den Augen der gleichen Regierungen und Behörden, die eine Denunziationsagentur erschaffen, geleitet von einer ehemaligen IM der Stasi, um "Hassrede" aus dem Netz zur Anzeige bringen - natürlich nur einseitig. Bislang ist kein einziger der teilweise heftigen Ausfälle bspw. gegen die katholische Kirche, das Christentum oder den deutschen Staat zur Anzeige gebracht worden, und wenn Einwanderer über Juden oder Hindus oder Kurden schreiben, scheint dies auch niemanden zu stören. Eine ganze Witzeseite auf die ich kürzlich stieß besteht nur aus beleidigenden, herabwürdigenden und entmenschlichenden Kurdenwitzen. Die Namen und Pseudonyme der Einsteller deuten dabei auf einen Ausdruck der aktuellen Lage in der Türkei.

Ehrlichkeit und Vollständigkeit in der Berichterstattung
Bislang hat es nicht eine einzige Nachrichtenagentur geschafft, eine komplette Auflistung aller Anschläge, Attentate und Morde  von Islamisten in Europa seit 2001 zu veröffentlichen. Immer fehlen die meisten gescheiterten Versuche und fast immer fehlen alle, wirklich immer die meisten Anschläge, bei denen es wenige Tote zu beklagen gab - so etwa die Ermordung einer jungen Tänzerin bei der Vorbereitung eines Anschlages auf eine katholische Kirche in Frankreich kurz nach Charlie Hebdo. Die gesamte Reihe von Anschlägen mit Fahrzeugen, die in Menschenmengen raste wurde bislang geschlossen als "nicht terrorbezogen" ausgelassen. Trotz der plausiblen Einordnung in die Kategorie, die wir nun in Nizza erlebten.

Das der Terror als solcher in den jüngsten Ereignissen so lange abgestritten wurde nach einer mittlerweile selbst nach politisch korrekter Reinigung unglaublich langen Liste geglückter Anschläge in den vergangenen Jahren, dass man die Bekenntnisse des IS sogar versuchte lächerlich zu machen, obwohl sie bislang keine bekannte Geschichte von "fremden Federn" vorweisen kann ich nur in einer  Richtung verstehen. Es gibt keine neutrale Berichterstattung im Sinne der Information über Ereignisse mehr.  Eine solche Form von lenkender, manipulierender Presse muss es sich gefallen lassen, mit den Medien der DDR und des Nazi-Reiches verglichen zu werden. Denn das ist sie. Ereignisse, die in das gewünschte Bild passen werden unkritisch und ungeprüft aufgegriffen und aufgeblasen (bspw. die zahllosen Geldfunde durch Flüchtlinge, die vermeintlichen Fluthelfer, für die bereits in Sicherheit gebrachtes Hab und Gut wieder in überschwemmte Häuser geschleppt wurde, damit die Bilder inszeniert werden konnten, der NPD Politiker, welcher von Busfahrern gerettet wurde, während diese Flüchtlinge transportierten und sich dann mit hämischer Schadenfreude konfrontiert sah, über die Schlagzeile "NPDler durch Flüchtlinge gerettet").

Diejenigen, die noch immer von "vorschnellen Urteilen" oder "Vorurteilen" sprechen, wenn es zu Anschlägen kommt, haben offensichtlich ihren Verstand verloren. Ein Vorurteil ist eine Meinung, die man sich im Vorfeld durch Stereotypen und eigene, meist negative Haltung bildet. Wer aber nach den Anschlägen der letzten Wochen, Monate und Jahre nun bei weiteren Anschlägen, Explosionen und brutalen Morden zuerst auf einen islamischen Terrorangriff schließt, der tut dies aus der Erfahrung, aus der Routine der jüngeren Vergangenheit. Schlimmstenfalls könnte man von einem pawlowschen Reflex sprechen. Der Hund wurde beim läuten der Glocke gefüttert. Am Ende erwartet er sein Futter, wenn die Glocke läutet. Wenn uns eine Explosion in einem Flughafen gemeldet wird, besteht die Möglichkeit eines Gaslecks oder einer Kerosinexplosion. Wie oft kam dies in Relation zu islamischen Anschlägen in den letzten Jahren vor?
IRA, ETA, RAF und Co. haben sich in den letzten Jahren sehr ruhig gezeigt. Rechtsradikale haben, vom NSU einmal abgesehen, keine spektakulären Anschläge in den letzten Jahren verübt. Wegen dem NSU ist er aber eine Möglichkeit - auf dem zweiten Platz, dicht zusammengequetscht mit Linksradikalen, die ebenfalls manche Bombe gelegt und manchen Mordversuch verübt haben. Der einzige "aktive Konkurrent" auf dem Feld der offen zur Schau gestellten Gewalt ist die organisierte Kriminalität. Autobomben, drive by shootings, Hetzjagden mit Schusswaffen, spektakuläre Morde und Bomben in Restaurant und Pubs hatten wir einige - aber nicht eine in der Größenordnung des Anschlages in Brüssel oder dem Massaker von Paris. Und auch der Amokfahrer in Nizza passt nicht in das Profil der Mafia, wenn er wahllos und ohne Möglichkeit der Selektion durch eine Menge rast, umkehrt und noch mehr Opfer verfolgt.
Die ersten Berichte aus München gaben Augenzeugenaussagen weiter, nach denen mehrere Männer mit Langwaffen morden würden - auch dies passt eher zum modus operandi der Terroristen und wäre die Wiederholung von Paris gewesen. Darum waren so viele Menschen, auch ich, zuerst überzeugt, einen weiteren Anschlag in unmittelbarer Folge auf jenen von Würzburg zu erleben. Am Ende ist es ein Amoklauf eines gemobbten Schülers in psychiatrischer Behandlung und mit Migrationshintergrund. Und hier spricht es gerade FÜR die Deutschen, dass wir nicht sofort eine Verbindung zu dem Mord vor wenigen Monaten herstellen, als ein junger Iraner eine zufällig ausgewählte junge Frau in Berlin vor eine einfahrende U-Bahn stößt. Denn so typisch scheint dieses Verhalten dieser Gruppe von Menschen nicht zu sein. Wiederholen sich solche Taten von Iranern in einem überschaubaren Zeitrahmen, so wird sich dies ändern. Nicht als "Vorurteil" und nicht aus Fremdenhass. Das ist die Logik, die dem "nicht vorschnell urteilen" eines großen Teils unserer Bevölkerung gegenübersteht.
Und natürlich gibt es Fremdenhasser, Rassisten und eine ganze Reihe völlig überreizter und verängstigter Menschen, die sich nicht beschützt fühlen, die nach München und ohne Blick auf den Berliner Mord gegen Einwanderer aus dem Iran im speziellen, aus dem Orient im weiteren oder gegen alle im weitesten Sinne Stellung beziehen und diese in Verbindung bringen.
Diese sind aber das andere Extrem, während die "hat nichts mit XY zu tun", "nicht verallgemeinern" und "Vorurteile und Fremdenhass stehen hinter jeder Mutmaßung in diese Richtung" auf der anderen Seite des Spektrums liegen. Die Mitte muss auf beide Seiten achten, um irgendwann Probleme zu lösen und nicht ständig neue zu schaffen.


Aber zu den Details aus München:
Der Attentäter von München, dem die Presse zuspricht ein Rassist und Rechtsradikaler gewesen zu sein, weil er sich als stolzen Arier bezeichnet und mit 300 Schuss im Rucksack nach der Erzählung unserer Presse noch viel mehr hätte töten können (soll sagen, ALLE seine getöteten Opfer wären gezielt ausgewählt), hat seine Tat über ein Jahr lang vorbereitet. So setzte er eine falsche Facebookseite auf, mit der er vermeintliche Opfer an den Ort des Verbrechens lockte. Er besorgte sich über das Darknet eine Waffe und ausreichend Munition.

Die Waffe - ein Wunschmärchen
Besondere mediale Aufmerksamkeit bekommt die Bewaffnung des Müncher Amokläufers, darum muss ich hier etwas genauer darauf eingehen. Dies erscheint vielleicht unnütz oder langweilig, ist aber nötig zum besseren Verständnis.

Die Waffe war eine Glock, welche auch zahllose Behörden und Sicherheitsdienste als preiswerte und zuverlässige Dienstwaffe nutzen. Unter Sportschützen in Deutschland wird sie bspw. etwas stiefmütterlich behandelt, während sie "costumized", also mit viel Zubehör und durch Handwerker gefertigter Individualisierung in den USA viele Fans hat. Anders als Roman Grafe in seinem Beitrag in der FAZ schreibt, ist sie für die betreffenden Sportschützen in Deutschland nicht die erste Wahl, obwohl sie im Preis und erwerbbaren Zubehör unschlagbar ist. Auch in Sachen Bedienung und Präzision gibt es durchaus bessere Modelle - die aber teurer sind. Marken wie SIG Sauer, CZ und Tanfoglio liegen hier vorne. Diese aus Deutschland auf dem Schwarzmarkt zu bekommen dürfte schwer bis nahezu unmöglich sein, denn der bald durch die EU Gesetzesänderung beendete, überwachte und regulierte Privathandel unter Sportschützen ist hier rege. Man bekommt selbst abgenutzte und schadhafte Modelle oft nur wenig unter dem Neupreis, welcher bei allen genannten Marken relativ hoch ist und beim doppelten der Kosten für eine Glock beginnt. Sportschützen sind beim privaten Handel dabei sehr penibel, denn wenn die Waffe nicht ordnungsgemäß an einen Berechtigten (i.d.R. einen anderen Sportschützen) abgegeben wird, so bemerkt dies die Polizei i.d.R. zeitnah. Der Handel läuft nämlich auch über deren Tisch. Eintragung und Austragung in die Besitzkarte kann nur die Behörde vornehmen. Die Suggestion, ein deutscher Sportschütze wäre hier der Täter und sowas wäre ein typisches und öfter auftretendes Problem lenkt die Aufmerksamkeit dorthin, wo die Journalisten ohnehin eine Agenda verfolgen. Es gibt nur eine winzige handvoll Journalisten, die dem Schießsport und den Schützenvereinen Verständnis entgegen bringen. Die Mehrheit möchte ein völliges Verbot umgesetzt sehen und sieht weder die Freiheit der Schützen noch den Sport als Gegenargument ein.
Und so wird natürlich auch der Verweis auf die letzten größeren Amokläufe mit Schusswaffen gelegt. Erfurt (2002) und Winnende (2009). Es wundert nicht, wie schnell die Medien von einer "Besessenheit" des Mörders für seine Vorgänger berichtete und über Literatur dazu. Genauer ging es um "Amok im Kopf", ein 2009 erschienenes Buch, welches sich vor allem mit "school shootings" auseinander setzt und eine relativ spekulative, weil ohne Zugriff auf die Täter und deren medizinische Unterlagen selbst erfolgende post-mortem Analyse, die zum Schluss kommt, dass die Morde hätten verhindert werden können, wenn man die Geisteskranken der Schuldigen anhand ihrer Signale früher erkannt hätte.
Die These zu diskutieren reizt mich, aber im moment ist wichtig daran, dass der Schütze von München hier keine Anleitung fand. Die darin aufgezeigten Morde sind völlig anders abgelaufen, als seine Tat. Seine Planung ist im zeitlichen Aufwand zwar durchaus vergleichbar, nicht aber in der Interaktion mit seinen Opfern in Form einer gestellten Falle.
Der Wunsch, eine Querverbindung zu den deutschen Massenmördern ziehen zu können, weg von islamischen Terroristen, ist scheinbar größer, als die Fakten (u.a. die Tatsache, dass Winnende keinen bedeutenden Einzug in das besagte Buch mehr hatte, weil es im gleichen Jahr erschien, und der Autor sich seinem Berufsethos verpflichtet fühlte zu recherchieren - es ist also keine "Anleitung", wie mitunter behauptet).

Die Fähigkeiten im Umgang mit der Waffe
So ist auch wenig überraschend, was die Presse gemeinsam mit der Politik zu keinem Zeitpunkt thematisierte. Vielleicht auch aus jenem besagten eindeutig mangelndem Sachverstand, wie ich hinzufügen muss. Der Umstand, dass der junge Mann extrem gut mit der Waffe umgehen konnte.
Als ich seinerzeit mit 19 Jahren das erste Mal an scharfe Waffen gelassen wurde, die nicht auf dem Jahrmarkt auf 1 m Entfernung Keramiksternchen platzen lassen konnten  (wenn man genau traf), war ich nervös und aufgeregt. Zahllose Male hatten wir die Waffe zerlegt und zusammengesetzt. Theorie gebüffelt. Trockenübungen vollzogen. Und dann lag ich da und hatte ein Gewehr in den Händen. Wie bei fast allen Rekruten war das Ergebnis eher mäßig. Die ersten Schüsse sogar sehr schlecht. Mehrfach verfehlte ich. Mit der Pistole wurde es noch schlimmer. Zwar war dieDistanz mit 20 bzw. 25 m relativ groß, aber das Ziel bewegte sich nicht und abgesehen von wartenden Kameraden hatte ich keinen Druck. Und trotzdem ging der größte Teil meiner Schüsse zuerst vorbei.
Dies wurde erst durch Training besser.
Viele Jahre später wurde ich zum Sportschützen, und nach dieser langen Pause wiederholte sich das Erlebte. Wenn ich traf, war es meist nicht exakt dort, wohin ich gezielt hatte, und zwei Schüsse oder gar mehr dicht nebeneinander auf die Scheibe zu bekommen (ein sogenanntes Trefferbild) war eine Herausforderung. Von fünf oder zehn in schneller Folge konnte ich nicht mal träumen. Das hat gedauert und noch heute ist es an manchen Tagen schlechter als an anderen. Dann bekam ich eine andere Waffe - und brauchte erstmal wieder einige Zeit, bis ich mit ihr so umgehen konnte, wie mit ihrer Vorgängerin.
Diese Einsicht gebe ich, um die Herausforderung des Schießens zu vermitteln. Ich gehe davon aus, dass nur ein kleiner Teil meiner Leser eigene Erfahrung an der Waffe hat.
Umso erstaunlicher war es, als die Daten über den Täter bekannt wurden. Ein 19jähriger, mit einer illegal besorgten Pistole aus leichtem Verbundstoff (die Glock ist, wie viele Dienstwaffen eine "Plastikwaffe", die hauptsächlich aus Polymeren bestehen und damit sehr leicht ist, was die Kontrolle der Waffe bei mehreren Schüssen schwieriger macht) und trotz schneller Schussfolge und vermutlich hohem Adrenalinspiegel sehr viele Treffer auf sich schnell bewegende und z.T. relativ kleine Ziele, die Opfer, verzeichnete. Zu einem großen Teil auch noch tödlich oder lebensgefährlich.
Nun kam heraus, dass sein Vater mit seinem Sohn während einem Urlaub im Iran im letzten Jahr Schießübungen unternahm. Ob dies die einzige Gelegenheit des Trainings war, wage ich zu bezweifeln, aber es bleibt abzuwarten, was die Ermittlungen noch ans Licht bringen.
Damit ist auch klar, dass weiterhin Beziehungen zum Iran bestehen. Denn Verfolgte dürfen bei einer Rückkehr in den Iran eher die Inhaftierung fürchten (wie bspw. derzeit eine Iranerin mit britischer Staatsbürgerschaft) als sich gemütlich zu einem Waffentraining zu begeben und meiden darum i.d.R. einen Familienurlaub in der alten Heimat.

Ist das nicht einer Beachtung in der Diskussion über Hintergründe wert - zumindest einer Zurückhaltung in Sachen "deutscher Rechtsradikaler"? Scheinbar ebensowenig, wie die Tatsache, dass sein Mitwisser ein Afghane war...

Auch in Ansbach, Nizza, Würzburg und London
Wie oben bereits angesprochen: auch bei den Tätern der besagten Anschläge kommt nach anfänglicher Leugnung oder erstaunlichen weil sonst selten gehörten Forderungen nach Geduld für die Ermittlungen heraus, dass es islamische Terroristen waren, die Taten nicht mit Geisteskrankheit in Zusammenhang stehen und durchaus gelenkt und koordiniert waren.
Also genau das, was die gescholtenen Kritker vermuteten. Lediglich München und der Mord eines Syrers an einer jungen Polin ragen mit anderen Motiven heraus - was die eigentliche Diskussion und Beweiskette aber nicht beendet.
Die Terroristen haben sich erfinderisch gezeigt und alles mögliche für ihre Mordtaten benutzt. Neben Sprengstoffen und Schusswaffen wie in Paris, Brüssel, Kopenhagen, Orlando und Ansbach (Kriegswaffen, inklusive RPGs), Messern und Macheten wie in der Normandie, Paris, London, auch Fahrzeuge in Nizza, geplant in Deutschland und meiner Meinung nach und Gastanks Saint Quentin Fallavier (und Sydney Police Station im letzten Monat).
Gehen wir weiter zurück, finden wir ähnliches Vorgehen auch bei einem Anschlag auf Glasgow Airport, Graz usw. Auch Flugzeuge (9/11) und Gift (Anschlag in Spanien) kamen schon zum Einsatz.

Wie sich unsere Politiker da auf europäische Sportschützen stürzen können und dies nicht allgemein als billiger Aktionismus auf Kosten gesetzestreuer Bürger verstanden wird, ist peinlich für alle Beteiligten.
Fast ebenso peinlich wie die Entschuldigungsversuche. Mancher Experte erklärte uns bspw. dass der Täter von Nizza kein gläubiger Muslim gewesen sei und darum als Fanatiker ausscheide. Neben der Tatsache, dass im Laufe der Zeit ein Doppelleben aufgedeckt wurde, welches einen doch recht gläubigen Menschen hinter der Fasade des Kleinganoven offenbarte haben diese Experten eines nicht verstanden. Der Islam ist mitunter recht rigoros in den Dingen, die Menschen nach dem Tode in die Hölle verbannen. Es gibt keine Beichte und Sühne wie im Katholizismus und keine Garantie durch Gott wie im Christentum allgemein. So ist es nicht verwunderlich, wenn gerade Menschen mit krimineller Vergangenheit oder  "den westlichen Verlockungen Erlegene" sich als besonders fanatisch erweisen und schnell radikalisieren. Denn den Schahid, den islamischen Märtyern wird der Einzug ins Paradies garantiert. Ob dies exakt so in der islamischen Theologie zu begründen ist, sei dahingestellt, aber es wird den Terroristen von ihren geistigen Führern vermittelt. Nicht erst seit dem IS. Auch PLO und ihre Nachfolger, Hamas und Fatah haben so argumentiert. Ebenso die Muslimbruderschaft und Al Quaida. Ob Boko Haram und Dschandschawid, al Schabaab und Abu Saayaf so ihre Anhänger motivieren ist mir nicht bekannt, aber es spricht vieles dafür.
Sich also hinzustellen und zu behaupten: dieser Mann hat früher Handtaschen geklaut und Drogen konsumiert und kann darum kein islamischer Terrorist sein, weil er nicht gläubig war, erscheint weltfremd. Denn gerade diese können sich dadurch in ihren Augen die vielleicht einzige Chance erbomben.
Immer wieder wird auch argumentiert, dass die Radikalen meist keine Ahnung vom Islam haben. Kommt diese Behauptung von Nichtmuslimen finde ich sie arrogant und überheblich. Ich behaupte, die Meisten, die solche Dinge sagen, haben weder das sahih muslim noch das sahih bucchari gelesen und nur ein kleiner Teil den Koran. Ihre Auseinandersetzung mit dem Islam beläuft sich in er Regel auf die Lektüre von Interview, Stellungsnahmen und Gesprächen.
Davon aber an anderer Stelle mehr.

Was wir nun brauchen ist eine Rückkehr der neutralen Berichterstattung. Nur so kann sich die Bevölkerung ein eigenes Bild erstellen. Wer darauf beharrt, dass die Wahrheit in einem neuen 1938 endet, der hat entweder ein sehr deutliches und unterdrücktes Bild der Wirklichkeit oder absolut kein Vertrauen in die Deutschen - und nur nicht in diese, somit ein rassistisches Motiv.
Ich vertraue darauf, dass neutrale Berichterstattung die Meinung negativ beeinflußen würde - daraus aber Politiker und Organisationen gezwungen würden endlich einen wirklich ehrlichen und offenen Diskurs anzugehen, der am Ende produktiv sein würde. Weder würden alle Probleme verschwinden oder der Terrorismus ganz beendet, aber man würde beides reduzieren, statt es zu verstärken, wie es momentan der Fall ist.


Vielen Dank an die Leser, die bis hierhin durchgehalten haben.

Freitag, 24. Juni 2016

Suizid durch Polizei

Ein Begriff, den anglophile bereits kennen lautet "suzicide by cop", Selbstmord durch einen Polizisten. Gemeint ist damit ein Verhalten einer Person, welche einen Polizisten zwingt, auf ihn zu schießen. Meist geht es dabei um Waffen, Sprengstoff oder die Gefährdung anderer - oft lediglich nach Anschein und ohne die Chance die genaue Lage zu klären. Den Polizisten ist in diesen Fällen i.d.R. kein Vorwurf zu machen.
Genau dies passierte nun in Viernheim. Ein junger Mann verschafft sich für das Auge bewaffnet zutritt in einen Kinosaal und gibt mehrere Schüsse in die Luft ab. Die Menschen geraten in Panik, die durch den Alarm herbeigerufene Polizei erschiesst den Mann. Es stellt sich später heraus, dass seine Waffen lediglich Schreckschusswaffen waren, also täuschend echt aussehende Geräte, die aber lediglich Schussgeräusche, ggf. noch Lichtblitze sowie Pfeffergase abgeben. Lediglich ab dem Kaliber 9 mm P.A.K. kann eine solche Waffe, wenn sie aufgesetzt wird oder sehr, sehr nah gehalten wird ernste Verletzungen verursachen - Schock oder Schädelfrakturen können dabei auch tödlich sein.
Zudem trug der junge Mann eine funktionsunfähige und ungefährliche Nachbildung einer Stabhandgranate bei sich.
Rein sachlich waren die Besucher also in keiner größeren Gefahr, als bei einem ähnlichem Übergriff mit einem Messer. Aber es sah erstmal danach aus.
Die Absicht des jungen Mannes scheint es gewesen zu sein, erschossen zu werden. Die stürmende Polizei konnte nicht wissen und auch nicht in der Situation klären, ob der Mann wirklich bewaffnet war oder eben nur Anscheinswaffen führte. Sie musste von einer Gefahr für die Geiseln und für sich selbst ausgehen.
Die Katastrophe wäre lediglich vermeidbar gewesen, wenn man dem Mann vor Beginn seines Verbrechens, der Freiheitsberaubung mit Waffengewalt, geholfen hätte bei dem, was auch immer ihn plagte. Einweisung in eine Klinik, klärende Gespräche, medizinische Behandlung oder schlicht ein paar Unterweisungen wie man mit den Rückschlägen des Lebens zurecht kommt.
Anders als von der FAZ im zweiten Artikel behauptet, ist die Geiselnahme ohne Schädigung und Erpressung nicht tyisch für "ähnliche Amokläufe in Schulen in den USA". Im Gegenteil. Die "shootings" oder Amokläufe, wie wir sie auch in Erfurt und Winnende erleben mussten, geschehen eben ohne Forderung. Die Ermordung bestimmter Menschen oder Mitgliedern von Gruppen ist dann das Ziel. Die eigene Tötung durch Polizeikräfte wird dabei i.d.R. nicht in Kauf genommen. Die Täter töten sich meist selbst (Columbine High School, Umpqua College, Virginia Tech usw. usf.
Die Täter richten sich dabei meist selbst nach der "Vollendung" ihrer Ziele oder nachdem sie keine Chance auf ein entkommen mehr haben, sei es durch die Einkesselung oder eine Verwundung.
Die Einkesselung führt aber i.d.R. nicht zum "in Kauf nehmen, von Polizisten erschossen zu werden" sondern entweder zur Aufgabe oder zum Kampf mit dem Versuch, am Leben zu bleiben. Anders als bspw. im Film "Falling Down" mit Michael Douglas oder eben jetzt in Viernheim richten die Täter von Amokläufen keine ungefährlichen Nachbildungen auf Polizisten und zwingen sie so zu schießen.
Entweder versuchen sie, die Polizisten selbst zu erschießen oder ihr Leben durch den Kampf so lange als möglich zu verlängern.
Für manchen Leser mag das kleinlich wirken. Tatsache aber ist, dass unsachliche Verknüpfungen und Falschbehauptungen Zusammenhänge vorgetäuscht werden, die es nicht gibt. Die Meinungen der Menschen lassen sich so durchaus in gewünschte Bahnen bewegen.
Der Täter von Viernheim ist kein Amokläufer. Er schädigte keine Geisel bewusst - auch wenn die Menschen (Geiseln wie Beamte) ein Trauma und einen Schock davon tragen werden, was dem Täter wohl egal war. Ebenso wie das Risiko für die Unschuldigen beim Zugriff verletzt zu werden.
Mit seinen Waffen aber verletzte er niemand. Konnte es auch nicht ohne weiteres. Trotzdem wollte er schwer bewaffnet wirken. Mit der Handgranate vielleicht sogar als Terrorist.
Welches andere Ziel kann also vorgelegen haben, als sich töten zu lassen. Dies zu vergleichen mit den Amokläufern der jüngsten Vergangenheit, deren Tätern es um den Tod anderer ging, ist mehr als fragwürdig.
Es springen noch immer viele Leute vor Autos, von Brücken oder vor Züge, um ihr Leben zu beenden, und riskieren dabei mindestens ebenso Leben und Gesundheit unbeteiligter. Nur, weil der junge Mann die Polizei zu seinem Mittel machte und dabei Nachbildungen von Schusswaffen trug wird eine Verbindun gezogen, die es nicht gibt.

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Keine Angst vor dem Terror - Sicherheitsvideo aus England

Einen Tag vor dem heiligen Abend ist es kein schönes Thema. Aber machen wir uns nichts vor, es ist ein Dringendes.

Ein offizielles Video aus England soll Bürger trainieren, wie sie im Falle eines "Feuerwaffenüberfalles oder -angriffes" reagieren sollen.
Wie immer: wer mit der Sprache Probleme hat, bitte kurz melden, ich übersetze dann.

Dieses Video rangiert bei mir auf der gleichen Ebene wie die "Dont talk with stranger / Sprich nicht mit Fremden" oder "Just say No" / "Sag einfach Nein" Kampagnen der letzten Jahrzehnte. Den Menschen wird erzählt, sie hätten nichts zu befürchten. Zumindest nicht, wenn sie bestimmte Verhaltensregeln einhalten. Im Falle der genannten Kampagnen zum Schutz vor Missbrauch und Vergewaltigung war der Effekt umgekehrt. Der Fokus der Eltern richtete sich auf "Fremde", die ihre Kinder ansprechen und verführen oder entführen wollten - dadurch geriet aber die Tatsache, dass die absolute Mehrheit des Kindesmißbrauches im bekannten Umfeld stattfindet in Vergessenheit. Nachbarn, Onkel, Mütter, Lehrer, Trainer und ja, auch Priester waren ja "Bekannte" und mehr - und konnten ihre Opfer daher leichter überzeugen, dass ihnen niemand glauben würde. Jahrelang lief die Verbrechensbekämpfung und -prävention damit in die falsche Richtung.

Das Video nennt nun keine gewaltbereiten Tätergruppe beim Namen. Ihr geht es um Verhalten bei akutem, nicht näher definierten Ereignis. Immerhin, nach etwa einer Minute Selbstlob, erwähnt der interviewte Polizist, dass man niemand dafür verurteilen werde, dass er sich verteidigt habe, als er dachte er habe keine andere Option mehr.
Nett. Die Frage: wie und womit wird leider nicht beantwortet.

Statt dessen beginnt bei Minute 1:14 nun der eigentliche Rat.
"If you hear gunshot" - wenn sie Schüsse hören... Ja, wenn. Bald ist Sylvester. 2013 kam es in Schweden, in Södertälje zu einem Feuergefecht zwischen Polizei und Juwelendieben, letztere mit automatischen Waffen. Die Videoaufnahmen der Einkaufsstrasse, in der dies passierte zeigen, wie Passanten selbst nach vielen Minuten des Schusswechsels noch immer scheinbar verwirrt umherstehen oder bei der Flucht der Banditen ihren Bummel abbrechen müssen, weil diese sie fast über den Haufen fahren. Es war kurz nach Sylvester und viele Leute haben noch nie einen Schuss gehört. Selbst wenn, entwickeln die Menschen dadurch keine Superohren, die sofort erkennen, was ein lauter Knall zu bedeuten hat und was für eine Waffe benutzt wird.
Realistisch wäre also anzunehmen, dass die Menschen den Knall in einer vermeintlich sicheren Umgebung erstmal nicht als Schuss sondern als Unfall, Bauarbeiten, Feuerwerk oder Streich auffassen. Erst wenn die Situation eindeutig wird - etwa indem man die Angreifer zu Gesicht bekommt, Opfer sieht, die Polizei eintrifft und Durchsagen zu hören sind oder, wenn auch weit weniger eindeutig, wenn Menschen um einen herum beginnen zu fliehen. Mindestens in einer dieser Situationen ist es dann aber bereits zu spät.
Wenn aber erkannt wird, was da passiert oder sogar direkt vor den eigenen Augen passiert, dann setzt bei vielen Menschen eine Schockstarre ein. Man kann nicht fassen was passiert, will es nicht glauben, steht vor Entsetzen still. Und bietet damit ein Ziel.

Diese Probleme ausgeblendet erzählt das Video dem Zuschauer, man habe zwei Optionen: fliehen oder verstecken.
Flucht scheint ja in der Tat die beste Wahl, die natürlichste Wahl zu sein. Aber auch das Video erwähnt ein Problem. Kann man überhaupt fliehen? Das Video sagt: flieht, wenn es sicher ist zu fliehen. Woran merkt man, dass es sicher ist zu fliehen? Gar nicht. Man merkt das Gegenteil, wenn man es versucht. Ist ein Angreifer in Sichtweite und man versucht zu fliehen, so wird man zum Ziel und kann nur hoffen, nicht ausgewählt zu werden. Ist die Fluchtroute, die man wählt den Angreifern bekannt oder sogar von diesen gesichert worden, so rennt man in deren Schusslinie oder in eine Sackgasse, eine Falle.
Die Attacken von Paris vom Januar und November sind zwei Beispiele, die man heranziehen sollte. Viele Menschen entkamen dem jüdischen Supermarkt im Januar, als sie angesichts der gezogenen Waffen losrannten. Sie hatten Glück. Der Attentäter war allein und wollte kein Massaker anrichten, sondern durch eine Geiselnahme die Freilassung anderer Terroristen erreichen - darum erschoss er erstmal "nur" vier der Anwesenden - und diese wurden aufgrund ihrer Religion gezielt zu Opfern.
Es stellte sich heraus, dass der Täter mit einer vollautomatischen AK47/74 und einer ebenso vollautomatischen Maschinenpistole vom Typ Scorpion bewaffnet war. Hätte er es also darauf angelegt, wäre ihm niemand durch den einzigen Ausgang entkommen.

Beim Angriff im November flohen die Menschen in den Strassen und im Konzerthaus ebenfalls. Die Terroristen hatten sich in kleine Gruppen aufgeteilt. Zum Glück für viele Fliehenden, haben sie sich dabei nicht im Angriff selbst koordiniert. So konnten die Unverletzten vor den heranrückenden Männern in die entgegengesetzte Richtung davonlaufen. Außer im Konzertsaal, wo viele der Flüchtenden auf dem Weg zum Ausgang den Mördern überhaupt erst begegneten oder in deren Schusslinien liefen.
Es sind wenige Einzelheiten bekannt, aber scheinbar schossen die Täter in den Strassen nur selten den Laufenden hinterher und zielten statt dessen vor allem auf die Gaststätten und die darin Schutzsuchenden und sich Versteckenden.
Das Überwachungsvideo zeigt, wie ein Angreifer mit seinem Gewehr an das Fenster des Restaurant tritt und die sich am Boden Versteckende anvisiert. Er zielt, scheint abzudrücken aber es löst sich kein Schuss. Unbekannt ist, ob aufgrund einer Fehlfunktion der Waffe oder weil er keine Munition mehr hatte. In jedem Fall rettete die Frau Glück oder ihr Schutzengel. Der Angreifer bleibt nicht, um das Problem an der Waffe zu beheben und seinen Mord zu vollenden, sondern schließt wieder zu seinen Mittätern auf. Auch hier wissen wir nicht, warum. Aus Augenzeugenberichten anderer Massaker kennen wir Täter, die in Seelenruhe nachluden. So etwa Breivik bei seinem Massaker in Norwegen. Er wählte nicht nur einen Ort, von dem die Flucht sehr schwer war, sondern auch durch offenes Gelände führte. Dazu versammelte er seine Opfer durch einen Trick. Egal ob Flucht oder Versteck, Breivik ermordete Fliehende wie Versteckte - er konnte über 40 Minuten wüten, ohne dass ihn jemand aufhalten konnte.
Danach stoppte ihn nicht die Polize, die Überlebenden verdanken keinem Eingreiftrupp ihr Leben. Breivik hörte einfach auf und ergab sich, nachdem er eigenen Angaben zufolge 69 Menschen ermordet hatte und seine Mission erfüllt sah. Telefonisch. Erst dann rückte ein Kommando auf die Insel, welches ihn ohne Widerstand festnahm.

Mehrere weitere Ratschläge zum Thema Flucht erscheinen im Video. Besonders der Hinweis, sich nicht von Anderen behinderen zu lassen ist in meinen Augen geradezu lächerlich.
Jesse Hughes, der Sänger der Band Eagles of Death Metal, welche in Paris spielte, als die Terroristen den Saal stürmten, sagte in einem Video, dass viele getötet wurden, als sie ihren Freunden und gelieben Menschen beistanden. Sie konnten sie nicht verlassen, wollten ihnen helfen oder sie beschützen oder überhaupt wiederfinden. Das Video rät aber, genau das zu tun. Getreu dem Motto, "du musst nicht schneller als die Wölfe laufen, nur schneller als ein anderer Fliehender"  ist hier offen die Opferungsmentalität gefordert. Um mich klar auszudrücken - zu verlangen, dass sich jemand einer Gefahr aussetzt ist völlig inakzeptabel. Das gilt aber auch für die Aufforderung, andere im Stich zu lassen. Ohne jemals in einer solchen Lage gewesen zu sein vermute ich, dass meine Familie und Freunde mir den Versuch und das Risiko wert wären. Ich hoffe es sogar, so sehr wie ich hoffe, niemals in so eine Lage zu kommen.
Aber selbst wenn es um Fremde geht - wer ist so hartherzig? Selbstsucht mag unter uns heute wieder sehr verbreitet sein, aber Kaltblütigkeit wohl eher nicht. Ein verletzter Mensch am Boden ruft um Hilfe, wenn nicht mit der Stimme, so doch mit Körpersprache und Blicken. Wegzusehen - das dürfte schwer sein.
Umso mehr, als das es nicht unwahrscheinlich ist, um Hilfe gebeten oder angeschrien zu werden. Verzweiflung, Schmerz und Angst. Szenarien wie diese kann sich jeder wenigstens grob ausmalen. Unentdeckt, also ohne die Aufmerksamkeit der Täter auf sich lenken zu lassen während man die Verletzten ihrem Schicksal überlässt... schwer vorstellbar.
Eine Gefechtsauswertung des israelischen Militärs vor vielen Jahren hat bspw. ein Problem benannt: den Beschützerinstinkt der Männer. Sie versuchten weiblichen Kameraden auch dann noch zu helfen, wenn offensichtlich jede Hilfe zu spät kam. Und zwar nicht ausnahmsweise oder bei besonderer Verbundenheit, sondern ausgesprochen häufig. Hilferufe der weiblichen Soldaten führten schneller zur Demoralisierung der Männer, als bei ihren Geschlechtsgenossen - und auch hier waren Soldaten gleich welcher Nation noch nie dagegen gestählt.
Dies dann von Zivilisten zu verlangen... realitätsfern. Umso mehr in England, wo Lee Rigby auf offener Strasse erst angefahren und dann mit Messern angegriffen und enthauptet wurde. Passanten eilten herbei und versuchten zu helfen - verstanden zuerst gar nicht, dass es sich um einen Angriff handelte.

Ein weiteres Problem wird nicht erwähnt: ist man überhaupt in der Lage zu fliehen? Stöckelschuhe sind noch immer weit verbreitete, weibliche Bekleidungselemente. Nur wenige Frauen können darauf aber wirklich laufen, sprinten, schleichen und springen. Mancher wird dazu sagen: zieh sie aus und renn. Wenn aber in Bürogebäuden und Wohngebieten geschossen wird, dann füllt sich der Boden mit Dingen, auf die man nicht mit bloßen Füßen treten sollte. Glas-, Metall und Holzsplitter, Steinchen etc. Ich selbst habe Arthrose in den Knien. Sprinten, anhaltendes Rennen, auf den Knien bewegen oder Springen sind für mich unmöglich. Ältere Leute, kleine Kinder, Schwangere, Behinderte, Mütter mit ihren Kleinsten... all diese Gruppen fallen unter die oben erwähnte Gruppe der "Verlangsamer". Ihre Flucht hat deutlich weniger Chancen erfolgreich zu sein, als die gesunder, junger Menschen. .

Die Flucht im Video endet stattdessen, indem die Geflüchteten in Sichtweite ihres Gebäudes erst ein Versteck aufsuchen (!), dabei dann aber noch andere Menschen vom Betreten des Gebäudes abhalten. Während also andere Menschen in der akuten Gefahrensituation zurückgelassen wurden, soll man sich nun wieder exponieren - im Video geschieht dies, indem zwei Damen, eine in einer weissen Bluse und vermutlich auch noch in Stöckelschuhen, ihr Versteck verlassen und den jungen Mann, welcher mit Kopfhörern ihre Warnrufe wohl nicht hörte, zu ihrem Versteck geleiten.
Wer den Zuständigen mitteilte, dass die Schützen im Haus nie nach außen sehen und auf Distanzen über 30 Meter nicht mehr treffen oder unwillens sind, ein Gruppe außerhalb des Gebäudes anzugreifen, wäre interessant zu erfahren... aber es ist ja lediglich Fiktion. Oder nicht?



Ist also die zweite Option, sich zu verstecken, von Anfang an die bessere Wahl?
Vielleicht. Jesse Hughes berichtete auch, wie die Attentäter nach Opfern suchten. Mehrere Menschen hatten sich in die Garderobe der Band geflüchtet und dort versteckt. Bis auf einen sehr jungen und kleinen Menschen wurden alle gefunden und getötet.
Diejenigen, die sich im Januar im koscheren Supermarkt in den Keller geflüchtet und dort in der Kühlkammer versteckt hatten, wurden von Fernsehsendern verraten, als diese von ihrer dem Täter bis dahin unbekannten Präsenz erfuhren - und dabei ging es hier um eine Geiselnahme.
In Columbine wie in Erfurt, Sandy Hooks, gingen die Täter von "Tür zu Tür" um ihre Opfer zu finden. Wer Glück hatte, war gut versteckt und wurde nicht entdeckt. Eine verschlossene Tür rettete mitunter Leben - manchmal wurde sie aufgebrochen oder durch sie hindurch geschossen. Daher einer der wenigen nützlichen, für den Laien aber nicht umsetzbaren Ratschläge - nach festem, undurchdringlichen Mauern und Türen suchen - nur mit Glück wird man für diese aber einen Schlüssel haben, und sie sicher zu verbarrikadieren ist nicht so leicht, schnell und leise umsetzbar, wie mancher glaubt.

Beide Ratschläge hängen also von der Absicht, dem Ziel, der Ausrüstung, den Fähigkeiten der Mörder, den örtlichen Gegebenheiten und dem Fortgang der Ereignisse, bspw. der Geschwindigkeit der Rettungskräfte ab. Kurz zusammen gefasst: man kann Glück haben, oder eben nicht.

Die dritte Option wird uns in Europa, insbesondere in England nicht gewährt. Gegenwehr. Auch wenn man selbst damit nicht erfolgreich sein sollte, was angesichts besser ausgerüsteter Übermacht eine gewisse Wahrscheinlichkeit besitzt, so kann man die Täter doch aufhalten, ihre Pläne verkomplizieren, ihren Fortschritt verlangsamen und anderen somit Zeit zur Flucht oder dem heranführen von Einsatzkräften verschaffen - und je nachdem, welche Art von Täter man vor sich hat, kann man doch überraschenden Erfolg haben. Als im kleinen Örtchen Pearl in den USA ein junger Mann mit einem Massenmord begann, trat ihm der Vizedirektor mit seiner privaten Schusswaffe entgegen und der Täter ergab sich sofort, ohne dass der Direktor auf ihn schießen musste. Es gibt eine ganze Reihe von bekannt gewordenen Beispielen. In wie vielen Fällen Gegenwehr schon den Beginn verhinderte, wie viele es sich anders überlegten usw. werden wir wohl nie erfahren.
Ist es der eigene Arbeitsplatz oder Lebensraum, so hat man den Tätern vielleicht auch die Ortskenntnis voraus, und kann ihn überraschen, was selbst bei einem besser ausgerüsteten Täter die Chancen drastisch erhöht.

Das Video selbst ist zudem kein Einzelfall. Schon vor über drei Jahren hat die Stadt Houston, Texas (ja, richtig, das Bundesland der "Cowboys" im Kopf vieler Deutschen) ein graphischeres Video mit dem Titel "Run. Hide. Fight." veröffentlicht (in welchem übrigens mit falschen Zahlen zu Beginn eine merkwürdige Hoffnungslosigkeit kreiert wird). Der Titel und das Video wurden mit Steuergeldern und weiteren Steuergeldern der Homeland Security, der Heimatschutzbehörde erdacht, erstellt und als Copyright gesichert. Mit Erfolg. Mehrere andere Einrichtungen, wie die Ohio State University haben wiederum Geld bereitgestellt vor Ort nachzustellen und vor drei Monaten hochzuladen. Auch das Doctors Community Hospital
Beide Videos geben immerhin als letzte Möglichkeit die Gegenwehr an. Da beide Videos aber in sogenannten "gun free zones" spielen, die Angesprochenen also nicht bewaffnet sind, ist die Gegenwehr nicht auf Augenhöhe. Unbewaffnete Menschen, die sich mit Feuerlöschern und Schnürsenkeln gegen einen Menschen mit einer Schusswaffe wehren sollen, können nur hoffen ihn mit zu überraschen. Als 2009 in Fort Hood ein muslimischer Psychologe der US Army ein Massaker anrichtete, tat er dies innerhalb des Kasernernbereiches. Dies ist, zur Überraschung vieler Europäer, ebenfalls eine "gun free zone". Er konnte sich also sicher sein, dass niemand zurück schiesst. Mehrere Soldaten versuchten ihn anzugreifen und zu überwältigen, da eine Flucht unmöglich war. Sie alle wurden getötet oder schwer verletzt. Und diese Soldaten waren trainiert auch im unbewaffneten Kampf, mindestens einer von ihnen war ein Special Forces Angehöriger, also ein "Elitesoldat".

Natürlich ist es besser sich zu wehren, als einfach ermorden zu lassen, aber genau das wird vorgeschlagen, wenn Gegenwehr, zumal unbewaffnete, nur als letztes Mittel genannt, die Flucht vor einer unbekannten Zahl Angreifer durch eine unbekannte Situation und über zum Teil offenes Gelände als bevorzugtes Mittel genannt wird.
Aus den USA gibt es, neben dem oben zitierten Run.Hide.Fight Videos viele weitere, seit Jahren verbreitete Ratschläge und Umsetzungen. Fast allen solchen Videos ist gemein, dass sie vor allem die Wehrlosigkeit der Opfer voraussetzen. Lediglich in einem Video wurde erwähnt, dass 48% aller "active shooter events", also aller Vorfälle mit einem um sich schießenden Menschen gewaltsam beendet wurden, sowohl durch Polizei als auch Zivilisten oder außer Dienst befindlichen Polizisten mit Privatwaffen.
Auch die durchschnittliche Reaktionszeit auf solche Fälle, die mit 14 Minuten für die Betroffenen quälen lang sein dürfte, wird in diesem Video genannt, wie auch die Länge der Vorfälle in 50%: weniger als 12 Minuten.

Der Kern meiner Kritik ist: es Bedarf dieser Videos nicht. Sie ändern nichts, außer dem Betrachter den Eindruck zu vermitteln, man bereite sich auf etwas vor und es würde etwas zu unserer Sicherheit unternommen. Sich zu verstecken oder zu fliehen sind völlig natürliche Reaktionen auf eine Gefahr und werden jenen, die nicht vor Angst erstaren oder in Panik ausbrechen in den Sinn kommen, während die anderen auch mit dem Video an ihrer Reaktion wohl kaum etwas ändern.
Im Gegenteil, das RunHide Video des LA Counties macht die Sache, so die Menschen es sehen und sich erinnern, schlimmer. In ihm wird eine unmittelbare Reaktion auf den Ruf "Police" an der verriegelten Tür gezeigt (min. 6:40) statt wie im  Fall der Luftwaffenpolizei der USA davon auszugehen, dass ein Täter mit Tricks und Gewalt versucht, die Türen zu öffnen oder festzustellen, ob Opfer darin sind.

Was die Videos ebenfalls vermitteln ist eine Lebenssituation. Völlig normal erscheint es uns in Europa, dass die Täter zwar bewaffnet sind, aber niemand sonst. In den USA kritisieren Verbände wie die NRA (bei uns auch als die Waffennarren bekannt) aber auch diverse Sheriffs diese Videos darum heftig. Das Recht auf Selbstverteidigung und die Möglichkeit sich zu verteidigen sind dort tief verwurzelt und ändern den Verlauf sowie die angebrachten Ratschläge.

Bei uns könnte das Video auf einen Satz reduziert werden.
Wenn etwas wie in Paris, Erfurt, Winnende, Toulouse, Kopenhagen, London, Brüssel, Madrid oder im Thalys oder an vielen, vielen anderen Orten passiert - dann habt ihr entweder Glück oder eben nicht. 


Vielleicht trifft man die richtige Wahl zwischen Fliehen und Verstecken, vielleicht nicht. Vielleicht ist der Täter hinter euch her, hinter allem was ihm begegnet oder "nur" hinter bestimmten. Vielleicht ist die Polizei schnell vor Ort, vielleicht verwechselt sie einen selbst mit dem Täter. Vielleicht ist es ein Täter ohne Plan oder mehrere mit systematischem Vorgehen. Vielleicht ist nach dem letzten Schuss Schluss, vielleicht wurden aber Sprengsätze verteilt.
Vielleicht, vielleicht.
Menschen sind keine Erdbeben, keine Feuer und keine Herzstillstände.