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Dienstag, 15. März 2016

AfD - Eine Replik aus dem Kommentarbereich vom Kreuzknappen

Der Kreuzknappe stimmte mir zu, was meine Beurteilung des Wahlerfolges der AfD angeht. Im Kommentarbereich tummelten sich, wie nicht anders zu erwarten und umso besser, diverse Meinungen zu dem Thema.
Eine(r) meinte, die AfD sei die für Christen einzig wählbare Partei. So weit, so unbegründet formuliert und jedermanns Sache, ob er diese Ansicht teilt.
Die Leserin "Jill" war nicht dieser Ansicht und äußerte:
Glaubenstreuer, vergleichen Sie doch mal Punkt für Punkt das Programm der afd mit der Lehre der Kirche und den Predigten von Papst Franziskus. Sie werden feststellen, dass die Thesen der afd inhaltlich deutlich mehr Überschneidungspunkte mit der nsdap als mit der katholischen Kirche haben.
Von wegen christlich - einfach mal durchzählen!

Ich widersprach dem erneuten Versuch, Geschichte zu missbrauchen, indem man ein Hochkomplexes Thema auf die Vergleiche von Wortlauten und die Übereinstimmung in fundamentalen Bereichen anlegt.
Historische Vergleiche in Deutschland sind mittlerweile eine Qual. Ja, vergleichen Sie einfach mal die Parteiprogramme, die Wahlwerbung, die Taten und Versprechen mit denen der Nazis. Da werden Sie überraschende Überschneidungen finden.
Und welchen Aussagewert hat das? Wenn die SPD den Ausbau der Autobahnen ankündigt und diese dabei über dne grünen Klee lobt (70er Jahre), dann macht sie das nicht zur NSDAP - auch wenn sie sich da völlig einig sind.
Wenn die CDU der 50er bis frühen 90er den Wert der Familie betont und hochhält, so macht sie das nicht zur NSDAP - auch wenn diese ebenso auf große Familien und Kindersegen setzte.

Bei all der Deutlichkeit der NS Schriften, so kündigten sie nirgendwo an, einen solchen industriellen Völkermord, eine so menschenverachtende Verfolgung Andersdenkender und Anderslebender einzuführen. 
Aus der persönlichen Erfahrung eines Berufsleben: Nichthistoriker (und mancher Historiker) die von sich behaupten, das Wahlprogramm der NSDAP gelesen zu haben, sind nicht mal dazu gekommen, die Tischgespräche Hitlers oder die "Erinnerungen" Speers zu lesen - ein Stoff der viel Information  hinter der Werbung enthält und gleichzeitig leicht zu erhalten und nicht sehr schwierig zu lesen ist.

Darum gehe ich an dieser Stelle auf ihre Erwiderung hier ausführlich, Punkt für Punkt ein und spreche sie dabei direkt an, falls sich jemand über den Personenwechsel im Folgenden wundert.
Jill:
Ja, Wahlprogramme muss man zu lesen wissen. Nicht jeder, der Autobahnen baut, ist ein Nazi, genau. Aber auch nicht jeder, der Familien gut findet, ist deswegen Christ. Besonders nicht, wenn er die Produktion DEUTSCHER Kinder -keiner ausländischen! - für wirtschaftliche und nationalistische Zwecke fördern will. Das hat ideologisch nun mal deutlich mehr Nähe zu „Kindern für den Führer“ als zu „christliche Ehe, offen für Kinder“.

Viele können keine Wahlprogramme lesen, sie lesen Familie und Abtreibung und Gender, und rufen: Genau das will ich auch, so im Großen und Ganzen. Und ein paar Kröten muss man dafür halt schlucken.


Lesen muss man aber können, nicht nur Wahlprogramme. Und Sie sollten vielleicht auch Ihre eigenen Texte einmal lesen.
Sie schrieben:
"Besonders nicht, wenn er die Produktion DEUTSCHER Kinder -keiner ausländischen! - für wirtschaftliche und nationalistische Zwecke fördern will."

Kontrollieren wir das mal.
Die kurze Zusammenfassung auf Seite der Bundes-AfD:

Für die Alternative für Deutschland sind eine kinder- und elternfreundliche Familienpolitik, die Förderung der Vereinbarkeit von Kindererziehung, sozialem Leben und Beruf, und die stärkere Förderung von Familien mit Kindern von entscheidender Bedeutung. Die Alternative für Deutschland möchte junge Menschen ermutigen, eine Familie zu gründen und sie setzt sich für eine familien- und kinderfreundliche Gesetzgebung ein.
Da wir dem Prinzip der Solidarität verpflichtet sind, werden wir Menschen in Not nicht allein lassen. Die größer werdende Zahl von sozial Bedürftigen muss sich der gesellschaftlichen Hilfe sicher sein können, zumal viele von ihnen selbst durch ihre Beiträge Hilfe ermöglicht haben. Ebenso müssen sich Transferempfänger solidarisch zeigen, um die Belastung der Gemeinschaft so niedrig wie möglich zu halten, und sich – wenn es ihnen möglich ist – durch Eigenengagement und Mitwirkung aus ihrer Notlage versuchen zu befreien.
Die Bereiche Familien- und Sozialpolitik sind weniger vom Europawahlprogramm abgedeckt, hier sind die Positionen der AfD für Deutschland gerade in der Erarbeitung.

In aller Ausführlichkeit das Wahlprogram der AfD aus BW (ab Seite 28 Thema Familie).
Da findet sich nichts von einer Ausgrenzung "nicht deutscher Familien" bei der Familienplanung - aber natürlich geht es bei deutscher Familienplanung nicht darum, den Franzosen oder hier nur temporär Anwesenden vorzulegen, was hierzulande Sache in Familienplanung ist. Es geht um "die Deutschen" - etwas, das bei einer deutschen Partei eigentlich das normalste auf der Welt sein sollte, und kein Anlaß für einen NSDAP Vergleich. Dies haben die beiden Parteien zwar gemein - bis vor wenigen Jahren aber auch alle anderen Parteien und offiziell die CDU, CSU, FDP und diverse Kleinparteien noch immer.

Allerdings finde sich auch kein Hinweis im Programm auf "wer dunkle Hautfarbe hat, polnische Wurzeln o.ä. wird von all unseren Familienpunkten ausgeschlossen". Es handelt sich also um eine Übertreibung.

Themen sind im Programm: der Status der Familie bzw. Ehe, Mut zur mehr Kindern, finanzielle Entlastung von Familien (wieder - keine Unterscheidung nach Herkunft), Stabilisierung von Ehen durch gesellschaftliche Flexibilität, ideologiefreie Bildung, Jungenförderung, Jugendschutz, gegen Genderisierung, Lebensrecht, Hebammenberuf fördern (welcher aufgrund der Leistung unserer Regierungen gerade die Luft abgedreht bekommt, da Hebammen neuerdings einen in Deutschland unbezahlbaren Versicherungsschutz anschaffen sollen und darum diverse Hebammen aufhörten - nur mal Rande, von wegen Christlichkeit)und freie Wahlmöglichkeiten der Lebensgestaltung.

Ich habe mich redlich bemüht den von Ihnen geäußerten Vorwurf der Differenzierung oder besser der Diskriminierung auf Basis der Herkunft zu finden, wie auch die Instrumentalisierung der Kinder als Wirtschaftsfaktoren.
Da sich nichts dergleichen findet, auch nicht andeutungsweise, scheinen Sie hier einen Ihrer "man muss es lesen können" Texte vorzufinden. Ein Beweis ist dies aber nicht - wer behauptet mehr aus etwas herauslesen zu können, als dort steht, sollte dies anhand von Statistiken über vergleichbare Texte oder Handlungen der Autoren auch nachweisen können.




Nein, in einer hochkomplexen, pluralistischen, globalisierten Welt kommt es auf die Details an. In welche Richtung geht man bei einem Punkt, mehr oder weniger, 5% Verschiebung können extreme Effekte haben. Die afd geht aber mit dem Holzhammer auf zwischenstaatliche und innersoziale Gefüge los. An vielen Punkten merkt man, die haben keine Ahnung vom Thema, wünschen sich aber einfach mal irgendwas.
Vor allem wünschen sie sich alles zurück, was aus gutem Grund abgeschafft wurde: DM, Wehrpflicht, Zwangsarbeit, Staffelbauordnung, schuldige Scheidung, Ächtung Alleinerziehender, Separierung Behinderter, Volksliedgut, Kohlekraftwerke, Bankgeheimnis, ungedämmte Fassaden ... Bewahren von Bewährtem heißt Konservativ, seit Jahrzehnten Abgeschafftes wiedereinführen, dafür gibt es gar ein Wort!
Das ist etwas viel in den Raum geworfen, sehen Sie es mir nach, wenn ich nur Rosinen picke, sozusagen ein "best of".
Auf den Holzhammer komme ich am Ende zurück, aber die "guten Gründe" bei "innersozialen und zwischenstaatlichen Gefügen" sind mitunter stark simplifiziert, was nicht für das "herauslesen können" spricht.
Wehrpflicht. Die Wehrpflicht wurde ausgesetzt (!), weil man sich Einsparnisse versprach, die Wehrgerechtigkeit nicht mehr gegeben war und man glaubte, eine moderne Armee sei nur durch eine Berufsarmee herzustellen. Nur Friedensträumer glauben, dass unsere freundlichen Nachbarn eine Wehrpflichtigenarmee obsolet gemacht hätten - diese Einschätzung teilt kein Fachmann und erst recht kein Historiker.
Folge: die Bundeswehr ist dramatisch unterfinanziert bis zu einem Punkt, an dem sogar die Nato anmahnt dringend den Mindeststandart an Finanzierung, welcher vertraglich festgelegt ist, einzuhalten. Große Teile der Bundeswehr sind deswegen aus materiellen Gründen nicht einsatz- und damit wehrfähig. Oben drauf kommt, entgegen aller Beteuerungen von der Leyens, dass wir in Sachen Personal gerade bei besonderen Qualifikationen am äußersten Limit fahren. Die Heeresflieger wie die Marinewartung krauchen auf dem Zahnfleisch, die Personaler schieben Mitarbeiter hin und her um das Nötigste zu decken. Finden Sie in den Berichten der Bundeswehr, des Bundeswehrverbandes und der Wehrbeauftragten. Nur eben nicht beim Ministerium und der Presse.
Verloren gegangen ist auch etwas, worauf die Bundeswehr in Zeiten der Wehrpflicht stets stolz war. Sie war sozialer Klebstoff. Dadurch, dass ursprünglich alle jungen Männer aller sozialen Stände und aller Regionen über die Armee nach Qualifikation verteilt wurden, war sie eine Art großes "Pow Wow", bei der sich Menschen begegneten und schätzen (oder eben nicht) lernten, die sonst nie etwas miteinander zu tun bekamen. Wer mit alten Bundis redet, wird endlose Geschichten von tollen Kameraden und von Kameradenschweinen hören. Und wer genau hinhört erfährt von Bayern, die plötzlich bestens mit Franken und Berlinern auskamen und von Sachsen, die mit Hessen die besten Freunde wurden. Klingt seltsam, weil es so normal erscheint - aber es geht dabei auch um Menschen mit Vorurteilen oder "regionalen Feindschaften".
All das haben wir nicht mehr, aber Quotenregelungen, welche die Einstellung und Förderung auch völlig unfähiger Frauen erfordern. Kindergartenplätze in Kindergartenkasernen - die aber weder neu noch exklusiv für Soldatenfamilien sind und und und.
Aber ich schweife ab. Die Wehrpflicht abzuschaffen um die Probleme zu beseitigen hat sich als falsch herausgestellt. Statt dessen hätten wir uns am Vorbild Israels orientieren sollen und die Wehrpflicht dann auch für Frauen einführen sollen und die Jahrgänge wieder vollständig mustern lassen müssen.
Sie wiedereinzuführen wird schwierig und erscheint mir angesichts unseres gesellschaftlichen Zustandes sinnlos - was allerdings eine völlig andere Bewertung ist, als die Ihre, die darin einen subversiven Akt der Kriegstreiberei und gesellschaftlichen Spaltung zu sehen scheinen.

Die DM. Sie wurde nicht "abgeschafft" sondern ausgetauscht - und das in der Tat aus einem sehr hohen Grund. Seitdem hat sich einiges getan. Der Euro wurde unter Vorraussetzungen eingeführt, u.a. dass neue Mitglieder wirtschaftliche Mindesstandarts zu erfüllen haben. Denn wenn unsere gemeinsame Währung bereits durch einen einzigen in die bodenlose Inflation führen kann (würde sie die Geschichte des Kaiserreiches und der Weimarer Republik interessieren, wüßten Sie vielleicht, worüber wir sprechen), dann sollte man sich sicher sein, wer mit im Boot sitzt. Nun hat sich herausgestellt, dass mindestens einer davon, Griechenland, massiv gelogen und betrogen hat um hereinzukommen.
Die Engländer, die gerade über den Ausstieg aus Europa diskutieren, haben mit dieser Möglichkeit im Blick nie auf ihre starke Währung verzichtet - sind diese darum böse Menschen?
Es mag Ihnen und mir nicht gefallen, aber ein Ausstieg aus dem Euro und die Rückkehr zur DM (oder der Start von etwas anderem) kann durchaus sinnvoll sein. Sind die Probleme in mittelfristiger oder langer Sicht gelöst, dann kann man das Ziel erneut in Angriff nehmen. Macht man das nicht, und das Boot beginnt wegen dem einen Zappeler abzusaufen, dann ist es zu spät.
Auch hieraus ist der Vorwurf der Spaltung nur dann abzulesen, wenn man glaubt, es ginge immer um Alles oder gar Nichts. Wir können aber das Projekt sehr wohl erneut angehen. Nicht jeder Kritiker ist ein Feind und nicht jede zur Vorsicht mahnende Stimme ein Irrlicht.

Die Ächtung Alleinerziehender sehe ich im Programm wirklich nicht. Diese gnadenlose Übertreibung ist eigentlich bereits im Bereich der bösartigen Unterstellung. Aus der Förderung der Familie als im Grundgesetz verankerter und auch in kirchlicher Lehre vorzuziehender Gemeinschaft so etwas abzuleiten und dann noch über die "Differenzen zur Kirche" zu sprechen erscheint mir sehr verbissen suchend.

Auch nach mehrmaliger Textsuche fand ich den Begriff "Zwangsarbeit" nicht. Das Strafgefangene aber zu Arbeiten herangezogen werden gilt nur nach den meisten internationalen Definitionen nicht als "Zwangsarbeit" als solche sondern ist sogar im Grundgesetz verankert (Art. 12, Abs.3).
Vielleicht sollten Sie dieses schmale Buch einmal zur Hand nehmen , denn anders als Parteipgramme ist wirklich alles darin so gemeint, wie es dort steht.

Volksliedgut. Ich kann nur mutmaßen, worum es Ihnen hier geht. Vermutlich der Begriff. Modern gesagt würde dann wohl der Begriff "ethnic music" oder "public song content" genutzt werden - vielleicht tröstet Sie das.




Ich persönlich beneide Iren, Italiener und Spanier sehr um ihr Volksliedgut, mag aber auch den ein oder anderen deutschen Klassiker sehr gerne und singe den ein oder anderen bei Gelegenheit seit meiner Kindheit. Bei Wanderungen die Mühle klappern zu lassen oder dem Kind einen guten Abend und eine gute Nacht zu besingen ist für mich weder etwas verwerfliches noch stehe ich einer Bewahrung dieser Traditionen ablehnend gegenüber. Allerdings singe ich auch Shantis in englischer und deutscher Sprache und Radebrechte mich mitunter durch die passenden Lieder anderer Völker.

Wenn diese ihre Lieder bewahren wollen, stehe ich diesem ebenso wohlwollend gegenüber. Auch hier sei auf die Engländer mit ihrer Heritage As. verwiesen...





Die Sache mit den Kohlekraftwerken lief ja dank der anderen Parteien und ihrem Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg der Atomenergie. Wenn Ihnen lieber ist, dass statt 400 000 Deutschen bald eine Million die Strompreise nicht zahlen kann und die Uraltmeiler an der frz.-dt. Grenze noch weitere 40 Jahre vor sich hin lecken ist das Ihre Sache...

Das Wort jedenfalls, das es Ihrer Ansicht nach wohl nicht gibt (ich "vermute" jedenfalls, Sie wollten "kein" und nicht "ein" schreiben) heisst Restauration oder Wiederherstellung. Auch hier: würden Sie einmal über die Jahre 1939 bis 45 hinaus lernen, was in der deutschen Geschichte so zu finden ist, dann hätten Sie dies im Anschluß an die Niederlage Napoleons finden können... um nur eines von hunderten Beispielen zu nennen.
Mich stört allerdings ebenso, dass sie a) behaupten "jahrzehntelang" abgeschaffte Themen behandelt zu haben (Wehrpflicht ist erst 2011 AUSGESETZT worden, abgeschafft kann sie nicht werden, wann ist das Volksliedgut abgeschafft worden?, die Zwangsarbeit steht nach wie vor im GG, die DM ist auf dem Weg zum zweiten Jahrzehnt (2021), allein 4 Gas-/ Kohlewerke wurden in den letzten vier Jahren fertiggstellt oder erneuert - vor AfD Zeiten also, usw. usf.) und b) dass Sie meinen, Ihre Definition was "gute Gründe" oder "zu Recht abgeschafftem" sei das Maß der Dinge. Sie definieren schwarz und weiß und klagen dann jene an, die dies anders sehen. Demokratie geht anders, ob mit oder ohne Programm.

Den auf diesem Absatz folgenden schenke ich mir. Die Antwort darauf besteht sowieso nur in gründlichem Lesen...
Dann aber weiter:

Sie sprechen von den jüdisch-christlichen Wurzeln – und wollen den Juden die Beschneidung verbieten! Damit ist die Judenfrage gleich an der Wurzel gelöst, denn: ohne Beschneidung keine Juden. Und die Juden würden diesmal nicht so lange in Deutschland warten, ob es denn noch schlimmer wird, der Exodus aus Europa hat sowieso schon begonnen, und zwar nicht nur wegen des Islam:
10-20% der Deutschen unterstützen eine Partei, in deren Programm sich kein Wort über historische Verantwortung und Schutz von Juden und jüdischen Einrichtungen, stattdessen aber die Verunmöglichung der jüdischen Religionsausübung steht. Welche Auswirkungen das auf den deutsch-israelischen und auf den christlich-jüdischen Dialog haben wird, mag man sich nicht ausdenken, auch jetzt schon! Allein wegen dieses kleinen Satzes über die Beschneidung in 20 Seiten pseudochristlichem Geschwurbel ist die Wahl der afd für jeden Christen und jeden vernünftigen Menschen UNMÖGLICH!
Mir ist JEDER Mensch, der von "historischer Verantwortung gegenüber den Juden" schreibt und spricht ebenso ein Dorn im Zahnfleisch, wie jene die auf die Pauke der "jüdisch-christlichen Tradition trommeln. Juden als die am meisten angefindete und verfolgte Minderheit WELTWEIT zu schützen und ihnen menschlich zu begegnen ist generell oberste Pflicht.
Sie hängen sich an der Differenz mit der genitalen Beschneidung auf - was ich zwar einerseits verstehen kann, dann aber Ihre mangelnde Kritik in andere Richtung nicht nachvollziehen kann. Aus Europa (nicht aus Deutschland) fliehen die Juden. Frankreich und Holland haben wie Schweden eine massive Abwanderung. Lediglich in Deutschland wächst bspw. in Berlin die jüdische Gemeinde - allerdings nur temporär, denn junge Israelis kommen gerne in unsere Hauptstadt um eine Weile hier zu leben.
Es gibt mehr als einen Juden in der AfD, und erst jüngst wurde einer davon von linken Gegnern massiv angegriffen und sein Haus verunstaltet auf eine Art, die man auch als antisemitisch bezeichnen könnte. Wäre Ihre Sorge also echt - wo ist dann die Auseinandersetzung damit?
Wo ist Ihr Widerstand gegen die Linke, deren Mitglieder und BdMs sich bereits so oft antisemitisch, antijüdisch und antiisraelisch gezeigt haben, dass die Diskussion vor 5 Jahren wohl lediglich eine für die Außenwelt gehaltene Beruhigungsstrategie war. Wo ist ihr Aufschrei, wenn sich Menschen, bspw. Muslime oder Schwule, einen Davidstern an die Brust kleben, ihre eigene Interessensgruppe darauf schreiben und behaupten, sie würden behandelt, wie die Juden im Nazireich? Wenn Sie diese "Verantwortung der Geschichte" ernst nähmen, würden Sie mit Bildern aus dem Warschauer Ghetto und aus Ausschwitz dort hin gehen, im Gefolge eine Schwadron Polizisten und alle wegen Geschichtsklitterung und Verharmlosung der Verbrechen des 3. Reiches festnehmen lassen.
Scheint Sie aber nicht zu stören.

Ich persönlich finde die circumcisio unnötig und ebenfalls als eine Verstümmelung. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würden sich erwachsene Juden entscheiden dürfen. Entgegen der Behauptung kommt es dabei immer wieder zu Unfällen. In den USA ist sie auch bei Nicht-Juden sehr verbreitet - und die Zahlen der männlichen Kinder die dabei Verletzungen oder Folgen erleiden wäre mir ein zu großes Risiko. Damit verletze ich religiöse Gefühle, was ich nicht will. Dieses Thema ist in meinen Augen also viel komplexer als die erneute schwarz-weiß Malerei.
Was die "jüdisch-christlich Geschichte" angeht - was genau stellen Sie sich darunter vor? Was jüdisches prägte denn da das Abendland, abgesehen von den durch Christentum mitgenommenen Dingen?
Nun, vielleicht wären Sie überrascht, denn in der Tat gibt es da das ein oder andere, und wir sollten dafür dankbar sein. Ob Europa aber so drastisch anders wäre, das wage ich zu bezweifeln und empfinde diesen Satz daher als eine Überbetonung, wenn man sich am jüdischen darin moralisch selbst befriedigt. Sei es die AfD oder ihre Gegner.

Das Sie über die Diskussion es "UNMÖGLICH" finden sei Ihnen belassen und mir durchaus verständlich - faktisch ist es das nicht. Die circumcisio ist in den Jahrhundeten christlicher Debatte immer wieder besprochen und teils extrem polemisch verarbeitet worden. Schon die Debatte ist damit urchristlich.

Das waren jetzt nur zwei von sehr vielen Punkten, die mehr als fragwürdig bis gefährlich sind, noch dazu kommt, was die afd alles NICHT in ihrem Programm hat. Man kann gar nicht mehr aufhören.
Sowas ähnliches hat einmal die deutsche Geschichte erlebt - achja, als die Gestapo die katholischen Priester im großen Stil verhaftete, weil diese so vieles nicht gesagt haben, während sie einen kritischen Hirtenbrief vor ihren Gemeinden verarbeiteten, den der angeblich "stumme" Papst in Auftrag gab. Da wußte die Gestapo dann auch während der Verhöre, was die Priester noch so alles auf Lager hatten, auch ohne dass es irgendwo verarbeitet worden wären - immerhin waren es ja Pfaffen.
Sehen Sie? Ich kann auch NaziZeitVergleiche...

Wahlprogramme muss man interpretieren können, dazu gehört auch wenigstens etwas Geschichtsverständnis. Die afd fordert, dass im Geschichtsunterricht statt des wirklich Wenigen, das man heute über den 2.Weltkrieg lernt, lieber die positiven Phasen deutscher Geschichte zu betonen. Ich vermute mal Kaiserreich und Weimarer Republik, also Erstes und Zweites Reich. Warum wohl?
Wie ich Ihnen hoffentlich an diesem Text klarmachen konnte: weil deutsche Geschichte nicht nur aus zwölf Jahren besteht.
Das Sie am Ende mit der Geschichte und dies mit diesen Worten anfangen, zeigt mir, dass Sie sich weder mit mir noch dem Thema noch dem betreffenden Subjekt auseinander gesetzt haben.
Die AfD fordert, so wie ich es mitbekommen habe, dass der Fokus deutscher Geschichtsbildung nicht mehr allein und völlig auf der Machtergreifung, dem dritten Reich UND dem 2. Wk liegen soll. Diese 12 Jahre deutscher Geschichte machen im Geschichtsunterricht der BRD derzeit zwischen 60 und 80% der Klassen 7 bis 12 aus (bei mir waren es in den 90er Jahren eher mehr als weniger). Die Orientierungsstufen, die eigentlich noch nicht mit diesem komplexen Thema umgehen können und daher ursprünglich bei einer rudimentären Einführung antiker Geschichte (Griechen, Römer und vorher evtl. etwas Ägypter und Babylonier) einsteigen sollten, haben seit den 90ern bundesweit steigende Beschäftigungszahlen zu vermelden.
Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem Thema in einer Vielzahl anderer Fächer.
Die allgemeine Geschichtskultur betreibt es in ähnlichem Umfang. Guido Knopps (Journalist mit Geschichte als Nebenfach....) Serien für das ZDF sind ja schon legendär. "Hitlers Helfer, Hitlers Frauen, Hitlers" Fußpilz gefolgt von "Wehrmacht, eine Bilanz" und und und. Dagegen schaffte es die Serie "Die Deutschen" gerade einmal 1200 Jahre in 20 Folgen a 43 Minuten abzuhandeln. Für den größten deutschen und französischen Kaiser gab es gerademal eine Folge - mehr nicht. Gleiches gilt für Wallenstein und den 30jährigen Krieg - wenn man auch zur ZDF Verteidigung sagen muss, dass es vor etlichen Jahren einen Dreiteiler "Mit Gottes Segen in die Hölle" gab, der dem Thema etwas mehr Zeit widmete.
Machen Sie doch mal den Versuch. Nehmen Sie bspw. Karl den Großen als Referenz. Für Deutschland, Europa, das Christentum und viele andere Themengebiete einer der wichtigsten Momente. Vergleichen Sie, wie viel über ihn in den Schulen gelehrt, in der Kultur verbreitet und im Fernsehn gesendet wird mit dem, was es über das dritte Reich oder meinethalben Hitler gibt.

Ihre Behauptung, es solle Rosinenpickerei betrieben werden (oder, schlimmer noch: Ihr Glaube, alle Zeiten vorher seien einfach "positive Phasen" gewesen) ist schlicht falsch. Aber niemand kann eine "Phase" der Geschichte verstehen, wenn er nicht weiß, was vorher geschah. Warum die zwei vor dem Weltkrieg steht ist vielleicht noch erschließlich, aber wann der erste war, warum, wie er verlief und was ihm folgte, wie er in den Jahren darauf und nach den Nazis gesehen wurde - das ist nicht minder wichtig zu wissen.
Wissen Sie bspw. was in der Vendee während der frz. Revolution passierte? Vermutlich nicht - aber hätte man es sie gelehrt, hätten Sie vermutlich Revolution anders wahrgenommen.
Die AfD ist da nicht neu. Historiker fordern schon seit vielen Jahren, dass die Deutschen endlich einen ausführlicheren Geschichtsunterricht erhalten - statt dem Abbau, der mittlerweile bspw. in NRW zu Plänen der Zusammenlegung mit anderen Fächern führt.
In der Bevölkerung halten sich hartnäckig falsche Annahmen. Das "dunkle Mittelalter" nur als ein sehr großes Beispiel. Die "kirchliche Hexenverfolgung" als ein anderes.

Ihr letzter Satz endet mit einer Vermutung - und das zieht sich eigentlich durch Ihre gesamte Einstellung.
Viele Vermutung, wenig Fakten.

Ob oder ob nicht wählbar für Christen, das sollten SIE genauso wie Glaubenstreuer jedem Christen und seinem Gewissen überlassen. Die einzige "christliche" Partei hat mittlerweile pausenlos bewiesen, dass ihnen das Christliche völlig egal ist.
Ob das bei der AfD anders ist, das sagen m.E. die Worte sehr wohl wenn auch nicht vollkommen - denn die Partei soll, wenn ich das Programm richtig verstanden habe, keine fundamentale Christenpartei auf Basis von Bibel und Lehre sein, sondern eine Partei in der auch Atheisten, Buddhisten, Muslime, Hindus, Esoteriker usw. einen Platz finden können.
Also laßt Taten sprechen - und danach können wir das für UNS gültige Urteil ändern oder bestätigt finden.
Hauen Sie doch mal weniger mit Ihrem Holzhammer auf den Tisch. Nehmen Sie weniger an, unterstellen Sie weniger und sehen Sie weniger aus einem vorher festen Urteil. Sie sind weder Wahrsagerin, Gedankenleserin noch Allwissend.
Wenn Sie das nicht können, und wer kann schon aus seiner Haut, dann warten Sie ab, was die AfD aus ihrer Chance macht. Vielleicht haben Sie dann das Vergnügen zu sagen "seht Ihr?" - vielleicht wäre dann aber auch eine große Geste angebracht die sehr schwer fällt. Die der Entschuldigung.

Mir macht das Gerede von Notstandsgesetzen und Veränderung des Grundgesetzes wie es derzeit WEGEN der AfD rumgeht viel mehr Sorgen, als eine Partei, die erstmal in die Opposition zieht. Und zwar deshalb, weil so der Mist der 30er und 40er erst möglich wurde.

Mittwoch, 11. November 2015

Heute: Vorurteile

Ein Wort, welches derzeit wieder inflationär benutzt wird lautet "Vorurteile". Auch mir wurde jüngst genau das wiedervorgeworfen, doch dazu später mehr.
Was aber bedeutet das Wort eigentlich. Zuerst natürlich genau das, was es sagt: sich ein Urteil im vorraus zu bilden. Man kennt einen anderen Menschen noch nicht, hat noch keine oder kaum Informationen über den Betreffenden, meint aber genau zu wissen, "was für einer" derjenige ist. Oder man steckt denjenigen aufgrund bestimmter bekannter Umstände, wie Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht oder Behaarungsgrad in eine bestimmte Schublade. Man nimmt an, dass dieses Individuum mit den gleichen Gedankengängen, Ansichten, Vorsätzen, Werten und Hemmungen ausgestattet ist, wie eine (vermeintliche oder reale) Gruppe anderer Menschen.
Natürlich geht das auch mit Gruppen, Gegenständen, Ideen, Konzepten usw. Letztere natürlich ohne Behaarungsgrade.

Zum anderen kann es heute aber auch bedeuten, obwohl man Informationen zur Verfügung hat, die dem eigenen, bereits gebildeten Urteil widersprechen oder es in Frage stellen, bleibt man dabei. Eigentlich unter den Begriff Belehrungs- oder Faktenresistent fallend ist auch dies heute oftmals teil des sogenannten Vorurteils.

Mir sind Vorurteile von einem anderen Blogger vorgeworfen worden, dessen Namen ich hier nicht nenne, um nicht den Eindruck eines flamewars, eines kindischen Wortkrieges zu erwecken. Mir geht es um die Debatte, ihren Verlauf und die Inhalte, nicht um die Personen.
Zum Verständnis: jener Blogger schrieb einen kurzen Beitrag über ein Gespräch, welches er mit einem jungen Mann orientalischer Herkunft und muslimischen Glaubens hatte, welcher ihm versicherte, lediglich eine winzige, einstellige Prozentzahl der Muslime würden den IS gut finden oder unterstützen und alles, was an theologischen Behauptungen für ihre Sache aufgestellt würde, könnte er mit Koranstellen widerlegen.

Leichte Zweifel an diesen Aussagen kamen dem Bloggerkollegen, aber die freundliche Persönlichkeit und der gerade, ehrliche Blick in seine Augen brachten ihn auf seine Seite. So der Blogger selbst und soweit der Text.
Ich ließ mich hinreißen einen Kommentar zu verfassen, in welchem ich zum Ausdruck brachte, dass es in meinen Augen zwei Möglichkeiten gäbe. Die erste: der junge Mann glaubte, was er sagte. Dies würde ihn als einen guten Menschen definieren, der nach meinem Dafürhalten leider ein wenig naiv durch die Welt ginge. Oder zweitens - er hätte gelogen, was ich möglicherweise mit einem bestimmten Prinzip im Islam, der Taqiyya, in Verbindung sah.
Zu ersterer Vermutung, bzw. warum ich ihn für naiv hielte: in seinem Heimatland gibt es eine uralte christliche Gemeinde, welche in den letzten 10 bis 15 Jahren eine dramatische Verschärfung von Diskriminierung und Verfolgunge erleben musste - unerwähnt ließ ich dabei, dass sich dieses Beispiel auf fast alle islamischen Länder spiegeln lässt. In seinem Heimatland gibt es außerdem fast keine Juden mehr - diese wurden nach der Staatsgründung Israels vertrieben, ihr Besitz in Beschlag genommen, die Synagogen zerstört oder, in wenigen Fällen, enteignet. In den folgenden Jahren kam es wiederholt zu Konflikten und Kriegen mit Israel - und als der herrschende Diktator dann eines Tages einen Waffenstillstand vereinbarte, geriet er ins Visier der Kritik und schließlich von Extremisten, die ihn töteten. Diese Extremisten wurden mit einer überwältigenden Mehrheit vor einigen Jahren in der ersten wirklich freien Wahl des Landes gewählt und koalierten mit den Salafisten und anderen Islamisten. Als es zu erneuten Unruhen kam wurde die israelische Botschaft von einem wütenden Mob gestürmt. Auch dem Bloggerkollegen ist bekannt, dass jene gewählte Gruppe mehrheitlich als terroristische Gruppierung betrachtet wird und eine extrem gewälttätige Geschichte hat.
Ich denke, jeder, der sich ein wenig mit Geschichte oder dem Orient auskennt weiß nun, von welchem Land die Rede ist. Ägypten.
Um diese Vorgänge, inklusive dutzender Bombenattentate und Kirchenerstürmungen durch wütende Menschenmengen nicht mitzubekommen, muss ein von dort Kommender schon jeglichen Kontakt abgebrochen haben und auch bei uns die Nachrichten aus dem Land völlig meiden.

Aber zurück zur Diskussion: mir wurde durchaus sachkundig entgegnet, dass die Taqiyya sich lediglich auf lebensbedrohliche Momente beziehe, in denen die Verleugnung des Glaubens das eigene Dasein rettete. Wie dies interpretiert werden kann, darauf verwies ich mit Blick auf den im 12. Jh.n.Chr. verstorbenen islamischen Gelehrten al Ghazali, der die "Bedrohung" sehr weit fächerte. Auch die Tatsache, dass der Koran selbst Listen und Ränke mehrfach als lobenswerte Attribute benennt deutet auf eine andere Auslegungsmöglichkeit hin.
Da ich aber keine grundtheologische Debatte unter Nichttheologen beginnen wollte, beließ ich es bei den Hinweisen und konzentrierte mich darauf zu begründen, warum ich es für möglich hielte, dass die Aussagen des Betreffenden angesichts dessen was in seinem Heimatland passiert naiv oder gelogen erscheinen. Ich brachte Beispiele wie das Maspero Massaker, bei welchem sich die staatlichen Medien dazu hinreißen ließen, "aufrechte ägyptische Muslime" zur Niederschlagung des christlichen Aufruhrs aufzurufen. Ein Aufruf dem, auf den Videos dieser Nacht sichtbar, nicht Wenige folgten.
Ein, leider nicht von meinem Gesprächspartner genutztes, Gegenargument wäre der Hinweis auf jene Muslime gewesen, die am Protestmarsch der Kopten teilnahmen und so ebenfalls zu Opfern wurden, und auf jene Muslime, die den fliehenden Kopten halfen - um genau zu sein einige Mitarbeiter eines anderen, kleinen TV Senders, die viele der vor ihrem Gebäude verletzten Kopten in das Gebäude ließen und versorgten.
An der Stelle hätte sich faktenbasiert über Menschlichkeit und ihre Pauschalisierung diskutieren lassen.
Ein zweites von mir genanntes Beispiel war der Lynchmord an Maryam Sameh George, einer jungen Frau die 2014 von einem sich spontan versammelnden Mob aus ihrem Auto gezerrt, zusammengeschlagen und mit einem Messer mehrfach schwer verletzt wurde. Als Rettungskräfte eintrafen, hatte man die junge Frau in eine Moschee gezerrt und versperrte den Rettern den Weg - was diese offensichtlich nicht übermäßig motivierten Männer daran hinderte, ein Leben zu retten. Auslöser war ein Kreuz gewesen, welches vom Rückspiegel der Frau hing.
Es war nur ein Beispiel von dutzenden der letzten Jahre, und wer sich fünf Minuten mit Kopten unterhält, die genau darum hier Asyl beantragten und oftmals auch erhalten, der erfährt über eine Vielzahl weiterer. Weit mehr, als die doch sehr unvollständige Liste bei wikipedia verrät.

Aber das alles ist nicht neu und, so dachte ich zumindest, weithin bekannt. Die Bilder aus dem Jahr 2005 als tausende von Muslimen zusammen mit Polizisten die St. Georgskirche in Alexandria belagerten (und ja, der Begriff trifft es exakt) gingen vielleicht nicht in jedem Sender um die Welt, aber abgedruckt wurden sie doch.
Die Bombenanschläge, Entführungen und tödlichen Attacken sind seit ebenso vielen Jahren Routine. Nur besonders "erfolgreiche" Anschläge schaffen es allerdings zu Schlagzeilen in der westlichen Welt - davon gab es aber genug. Ich ging auch davon aus, dass die Tatsache, dass sich empörende Kopten sofort vom Staat attackiert werden, verbreitet oder schnell erfahrbar sei.
Spätestens aber mit der Wahl der oben bereits erwähnten Muslimbrüder und ihres Präsidenten Mursi hätte man es bemerken können. Allein im Jahr 2013 gab es über 110 dokumentierte Angriffe auf Kirchen, christliche Schulen und bekannte (nicht zwangsläufig berühmte) wie unbekannte Kopten - viele davon wurden durch hunderte oder gar tausende Anhänger der Muslimbrüder vorgetragen, in einigen haben die Soldaten und Polizisten, die zur Sicherheit postiert waren Fersengeld gegeben, sich dem Mob angeschlossen oder wurden ebenfalls attackiert. Etwa 50 Kirchen wurden in der Folge des 14.08. 2013 angegriffen, viele davon niedergebrannt. Auf die St. Markus-Kathedrale wurden über Tage und Wochen Angriffe verübt. Inklusive Schusswaffengebrauch. Sie ist die wohl bedeutendste koptische Kathedrale in Ägypten (und wohl auch weltweit).
Selbst die Nachrichtenagentur AP berichtete über den Angriff eines Mobs auf eine Franziskanerschule. Bei diesem Anschlag wurden die anwesenden Nonnen als Gefangene vorgeführt und von der wütenden Menge bedroht und gedemütigt. Gerettet wurden sie von einer einzelnen Muslima, die allein für sie aufstand und auf ihren bei der Polizei arbeitenden Sohn verwies. Zwei christliche Frauen die an der Schule arbeiteten hatten nicht so viel Glück.

Als Mursi und seine von einer deutlichen Mehrheit gewählten Muslimbrüder wie salafistischen Verbündeten vom Militär gestürzt wurden, gab es den eigentlich vorher fälligen Aufschrei der Empörung - der stärker wurde, als es die ersten Prozesse gab - die sich just um solche Angriffe drehten. Spätestens hier hätte jeder interessierte Mensch wenigstens Ansätze von dem erfahren können, was in dort passierte.
Und heute? Es hat sich kaum verbessert - lediglich die Legitimierung durch die Regierung fehlt nun.
So wurde eine Messe und Ehrung der Märtyrer, die von IS Anhängern in Libyen an einem Strand mit kleinen Messern enthauptet wurden durch einen wütenden Mob ansässiger Muslime massiv gestört - und am Ende sogar mit Molotov-Cocktails und Steinen beworfen.
Auch individuellere Formen der Verfolgung, wie etwa (versuchte und erfolgte) Enteignung hat sich nicht erledigt. 2014 ein dramatischer und öffentlicher Mord.

So war ich ehrlich erstaunt, als ich als Antwort auf meine beiden genannten Beispiele den Vorwurf erhielt, ich würde so aufgrund meiner Vorurteile gegenüber dem Islam schreiben, einen Menschen verurteilen den ich nicht kenne, und da ein deutscher Freund des Bloggers für eine Stiftung in Ägypten tätig war und nichts dergleichen berichteten konnte, glaube er nicht, dass es dort wirklich so schlimm zuginge, wie ich behauptete.

Und hier schließt sich der Kreis. Die Menschen glauben heute, Vorurteile seien stets nur negativ. Sie können aber auch positiv sein. Nicht positiv im Sinne, dass sie Gutes bewirken, sondern positiv im Sinne, dass man nichts glauben möchte, was das positive oder mindestens neutrale Bild welches man hat zerstört.
Die Zustände sind dokumentiert, die Attacken gefilmt, potographiert, bezeugt und teilweise verhandelt. Die Menschen fliehen und ihr Fluchtgrund ist geprüft und anerkannt. Die Toten wurden aufgebahrt und bestattet. Die Radikalen von Hunderttausenden und Millionen gewählt.
Bitte was gibt es da nicht zu glauben?
Es ist mir unbegreiflich, wie man "Vorurteile" vorwerfen kann, wenn man einen Absatz vorher die Rolle der Muslimbrüder als Terroristen anerkannte und wissen muss, dass diese fast 40% der Stimmen in der 2011/12er Wahl erhielten und die islamischen bzw. islamistischen Parteien insgesamt auf rund 70% der Stimmen der ägyptischen Bevölkerung kamen. Rechnet man die Kopten raus - die wohl sehr unwahrscheinlich für solche Parteien stimmten - wird die Zahl noch dramatischer.
Auch wurden bei verschiedenen Angriffen auf Kirchen Al Quaida oder Al Quaida-ähnliche Fahnen gezeigt und platziert.
Wie dies mit Behauptungen über eine winzige, einprozentige Unterstützerschaft für den IS zusammengehen will, das hätte ich gerne diskutiert.
Auf der einen Seite Extreme zu unterstellen (also mir Blindheit und Böswilligkeit aufgrund von Ablehnung und Unwissenheit) und auf der anderen Seite die Augen zu verschließen - das will mir nicht in den Kopf.
Die Gegenbeispiele für die Behauptungen sind endlos. Der Telegraph titelte vor nicht allzulanger Zeit mit dem Ergebnis einer BBC Umfrage, dass ca. 1/4 der englischen Muslime mit den Mördern von Paris, dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt und die Redaktion von Charlie Hebdo sowie eine Polizistin, sympathisierten und 40% die Sharia möchten. Nun mag das nicht der IS sein, sondern ihm "nur" verwandte Gruppen - aber ändert das wirklich etwas?
An vielen französischen Schulen wurden die Gedenkminuten für die Opfer der Terrortat gestört, die betreffenden muslimischen Schüler weigerten sich nicht nur die Tat als Verbrechen zu sehen, sondern auch den Ermordeten zu gedenken. Und sie waren damit nicht allein.
Eine Umfrage der ICM fand 16% offener Unterstützer für den IS in Frankreich. Wie hoch die Dunkelzahl ist, kann man nur mutmaßen - und damit vermutlich direkt wieder verdächtigt werden.
Wer sich mal die ein oder andere Stunde Zeit nimmt, um Umfragen und Debatten durchzugehen, der kommt auf ein Bild, dass in jedem Fall weit, sehr weit entfernt ist von einer einstelligen, niedrigen Prozentzahl an Unterstützern und Sympathisanten des Islamischen Staates und seiner Ansichten wie Methoden.

Ja, es gibt sie, die Gegenstimmen. Die Muslime und Muslima, die aufbegehren und ein Recht auf Kritik und Interpretation fordern. Menschen wie Kelek und Tibi. Diese Menschen gilt es zu unterstützen, zu bejubeln und als "welche von uns" anzusehen. Sie werden aber nicht nur von uns kaum unterstützt. Kelek war wohl die umstrittenste Person der "Islamkonferenz". Professor Kalisch, ein Konvertit, verlor aufgrund der Proteste über seine zu wenig konservative Art erst seinen Posten und über die permanenten Angriffe und Drohungen zu guter letzt noch seinen Glauben.
Und es gibt sie, Muslime die zu unserer Botschaft finden, zu Christen werden. Leider müssen sie das selbst in Europa oft heimlich tun. Und eine Heimkehr bedeutet ein sicheres Schicksal, wenn es doch bekannt wird.

 Ich schweife ab.

Das Thema der theologischen Untermauerung der Taten des IS oder dessen Widerlegung anhand des Koran - das sehe ich zwar ebenfalls anders, aber würde als Laie mit einem anderen Laien darüber kaum diskutieren, geschweige denn streiten. Lediglich die Breite in welcher der IS seine Ansichten durch die Hand zahlreicher Islamgelehrter in seinen Reihen untermauert gegenüber den etwas dünnen Protestpapieren europäischer Imame darlegt wäre mir einmal eine Diskussion wert - aber nicht auf der Basis mir unterstellter Vorurteile.

Am Ende bleibe ich bei meiner Ansicht. Da ich den betreffenden Mann nicht kenne, kann ich nicht einfach behaupten: er lügt - aber ich behaupte weiterhin, dass dies der Fall sein kann. Denn die Alternative ist: er glaubt, was er sagt und hat all die vielen Fakten und Vorfälle, die Nachrichten und Diskussionen nicht mitbekommen. Wie wahrscheinlich dies ist - das mag nun jeder selbst bewerten und darauf hoffen, es vielleicht eines Tages aufklären zu können.

Was mir selbst bleibt ist der fade Geschmack dieser Diskussion und des Vorwurfes des Vorurteiles, nach der Nennung von Fakten. Ist ein Urteil auf der Basis von Fakten und Ereignissen wirklich durch ein "der war da und hat sowas nicht gesehen" als Vorurteil abzuurteilen? Ich glaube nicht und bedauere den Verlauf der kurzen Diskussion zutiefst. Ich glaube, von dem Wenigen was ich gelesen habe, dass der Blogger ein guter Mensch ist und schlicht versucht auf Gedeih und Verderb das Gute in einer Gruppe von Menschen zu sehen. Aber vielleicht ist das ein Vorurteil. Ich weiß ja fast nichts über ihn.




Dienstag, 5. März 2013

Antwort auf einen Kommentar I

Im Kommentarbereich zum ersten Teil meiner Deschnerkritik wurde folgendes Geschrieben:
Schon auf den ersten Seiten des ersten Bandes hatte er erklärt: ich mache die Spielregeln!

Das dürfte das schlimmste für die Kirche sein, dass sie nicht mehr die Spielregeln bestimmen konnte. Dass da einer gewagt hat über die Kirche und ihre Geschichte zu schreiben, ohne sich an die Spielregeln der Kirche zu halten. Ein Tabubruch allererster Klasse, den Deschner da gewagt hat.

Die einen sagen, er hat verloren, die anderen sagen er hat gewonnen; seine Historikerkollegen sind ja hin und her gerissen von seinem opus magnum. Eins ist klar, um sich das ganze Werk anzutun muss man schon eine gehörige Portion Masochismus mitbringen, sogar wenn man nicht ganz katholisch ist, alleine wegen dem Umfang; und wenn man versucht alle Belege zu prüfen, bräuchte man eine Armee von Historikern.
Bin gespannt auf die weitere Diskussion und was die Geschichte sagt.

Leider ist eine angemessen Antwort darauf viel zu lang für den Kommentarbereich geworden, weshalb ich hier einen eigenen Eintrag anlege.


Die Spielregeln, welche Deschner ignoriert, sind die Spielregeln der historischen Wissenschaft, die bereits seit wenigstens ca. 150 Jahren entwickelt werden (man suche nach Droysen), deren Grundlangen aber bereits in der Antike gelegt werden.

Die Behauptung, die Kirche würde die Spielregeln der Geschichtsschreibung bestimmen geht an den Fakten vorbei. Nur ein paar Beispiele:
1. Ein großer Teil der Quellen, die Deschner zitiert sind  "Männer der Kirche" oder Christen. Deren Arbeiten bejubeln und verherrlichen zwar sehr oft das Geschehen, ebenso oft berichten sie aber detailliert über Grausamkeiten und Massaker in kritischem bis ablehnenden Ton. Das Massaker in Jerusalem wird so u.a. vom Mönch Robert, dem Diakon Fulcher von Chartres und dem Priester Raimund von Aguilers berichtet, deren Schilderungen zwischen Begeisterung und Entsetzen schwanken.
Die Behandlung bis zu den Massakern an den Ureinwohnern Amerikas wird vor allem durch benediktinische, franziskanische und jesuitische Geistliche berichtet und z.T. scharf kritisiert. Dis geht bis hin zu päpstlichen Protesten und christlichen Gegenentwürfen wie dem Jesuitenstaat in Paraguay.

2. Kritische Berichterstattung und Literatur gibt es immer, und obwohl mancher dafür verfolgt, verhaftet oder sogar hingerichtet wird, ist die meiste Kritik eher folgenlos für die Kritiker. Man denke bspw. an die Darstellung der Vagantenlieder, die offen z.T. scharfe Kritik an Geistlichkeit, Institution und Vorgängen der Kirche äußerte.
Die Mär von den 9 Millionen Opfern kirchlicher Hexenverfolgung als zweites Beispiel entsteht in der zweiten Hälfte des 18. Jh. in Quedlinburg, geschrieben durch den Stadtsyndikus Gottfried Christian Voigt. Zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits eine fast 100jährige Geschichtsschreibung zu dem Thema, die - mal kirchenkritisch mal nach den "Spielregeln" der Geschichtswissenschaften - versucht, diesem dunklen Element europäischer Geschichte nachzugehen. Bis heute aber halten sich im Volk völlig absurde Zahlen und Vorstellungen, die sich bspw. eben auch bei Deschner wiederfinden. Währenddessen spürt die Fachwelt, mit Ausnahmen der Instrumentalisierung unter Diktaturen wie den Nazis oder den Sowjets, nunmehr 300 Jahre der Realität nach. In dieser Zeit werden die Opferzahlen laufend nach unten korrigiert, und die Verantwortlichkeit beständig ausgeweitet. Anhand gründlicher Recherche und Quellenarbeit.

Umgekehrt hingegen herrscht in der Medienlandschaft unserer Zeit ein sehr einseitiges Bild. Die Kritik am Vatikan ob der Nazi-Zeit findet kein Ende, und dies bereits seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Beginnend mit dem Vorwurf des Schweigens über das oft singulär hingestellte Reichskonkordat bis zur Rattenlinie. Fast gar nicht wird erwähnt, wie die Kirche 1932 ihren Anhängern eine Mitgliedschaft bei der NSDAP untersagte, wie viele katholische Geistliche in den KZs festgesetzt oder hingerichtet wurden. Die Sittlichkeitsprozesse, obwohl in mehreren tausend einzusehen, spielen in der Berichterstattung nahezu keine Rolle. Dieser Tage förderten Historiker die Korrespondenz des Vatikans anläßlich des österreichischen Anschlusses und der Haltung der dortigen Geistlichkeit zu Tage, berichtet wird dies fast nur in katholischen Medien, die langsame Korrektur der historischen Person Papst Pius XII. kommt zwar nach und nach in Vad Yashem, nicht aber der europäischen öffentlichen Darstellung an.

3. Gleichzeitig stellt sich natürlich auch die Frage nach der Überlieferung. Ein Instrument, Geschichtsschreibung der ungewollten Art zu unterbinden ist etwa die Verhinderung der Überlieferung. Wo aber finden sich Werke wie die Vakantenlieder, die Hinweise auf christliche Übergriffe auf sog. Ketzer, die Akten von Quälerei und Hinrichtung? In den Archiven der Klöster und des Vatikans bspw. Das Material der Carmina Burana fand Carl Orff in Klöstern.
Gerne wird darüber behauptet, es gäbe keinen Zugang zu den "Geheimarchiven" des Vatikans. Das ist nicht nur eine unfaire Behauptung, kein staatliches Archiv etwa existiert heute ohne Sperrfristen für bestimmte Vorgänge, während der Zugang zu den Archiven des Vatikans für Historiker kein Problem darstellt. Lediglich, wie in den meisten größeren und bekannteren Archiven, eine Anmeldung ist erforderlich, um ein vernünftiges Arbeiten überhaupt zu ermöglichen und den Bestand vor Vandalismus und Diebstahl zu schützen.

Der Tabubruch des Herrn Deschner ist also gar keiner. Lediglich umfang, vehemenz und die dabei offen geäußerte Grundhaltung / Ausgangsposition sind bemerkenswert. Die Dimension der offenen Feindschaft und des Hasses sind es, gepaart mit der Frechheit mit der die Prinzipien der Geschichtswissenschaft getreten werden, die neu sind.

Gelobt wird von Historikern i.d.R. ausschließlich der Grad an Gründlichkeit mit der Deschner durch die Jahrhunderte zieht und keine dunkle Ecke, vermeintlich oder real, auslässt. Die fachliche Kritik bleibt dabei meistens unangetastet. Dazu komme ich aber vermutlich erst in Teil 3 meiner Deschnerkritik ausführlicher.

Man bräuchte auch keine "Armee von Historikern" um alle Belege zu prüfen, auch wenn er aufgrund der Vielzahl und der Menge an bezuglosen oder irreführenden Quellenangaben und der dargestellen konvolutform Steine im Weg auftürmt, die nicht sein müssten. Allerdings bräuchte man durchaus Fachleute aus allen Bereichen, zumal wenn es zügig gehen sollte. In meiner Privatbibliothek finden sich vornehmlich antike Quellen und Literatur aus eben diesem Bereich. Meine Ausbildung erlaubt es mir vor allem im Bereich der Antike schnell nachzuvollziehen was Deschner angibt. Würde ich meinen Lebensunterhalt in der Zeit gesichert bekommen könnte ich die Bände der Antike vermutlich (es handelt sich um eine Schätzung) in einigen Monaten täglicher Arbeit durcharbeiten. Beim Mittelalter bräuchte ich bereits deutlich länger und müsste deutlich mehr Kosten decken, allein schon der Strecken zu Bibliotheken und Archiven wegen.
In der Neuzeit schließlich wäre ich wohl im Bereich von wenigstens einem Jahr wenn nicht mehr.
Dies dann in schriftliche Form zu bringen... und dann noch für ein breites Publikum verständlich... Der Erfolg wäre, so zeigen die Reaktionen auf fachliche Kritik in der Vergangenheit, schon im Vorfeld fraglich. Es interessiert jene, die überzeugt von Deschner nicht, ob er Quellen stellenweise in falscher Übersetzung wiedergibt oder aus dem Kontext reisst. Die Menge an Verweisen, die überhaupt keinen Bezug zu den dargestellten Verhalten haben finden sie irrelevant. Und wenn etwas nicht als reine Erfindung entlarvt wird ist bei ihnen, gemäß Deschners Vorgabe, mit dem Wort "falsch" sowieso nichts anzufangen. Ein klassisches schwarz-weiß denken, ganz oder gar nicht. Und somit Kern des Problems.