Sonntag, 27. Oktober 2013

Ist das noch "Gottesdienst"?

Heute war in unserer Gemeinde wieder Familiengottesdienst. Normalerweise weichen wir dann in eine andere Gemeinde aus, nehmen den langen Weg zu einer tridentinischen Messe auf uns oder bleiben Daheim und kommen unserer Sonntagspflicht nicht nach. Scheinbar mögen viele Kinder diese Art Gottesdienst, es zieht die Familien auch wirklich an, also wollen wir dem nicht durch Gemecker im Wege stehen.
Wir hatten diesmal aber übersehen, dass es wieder so weit war. Heute war zudem ein besonderer Tag, bei dem die Messdiener und ein paar Jugendliche unserer Gemeinde im Mittelpunkt standen.
Nach dieser Messe geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf: ist das noch Gottesdienst?
Eine der leitenden Frauen der Gemeinde, wir nennen sie an dieser Stelle mal das "Singbärchen" steht dann bereits mit der Gitarre um den Hals an einem Mikrofon vor dem Altarraum, stimmt sich ein. Dann weiß man spätestens, das gesonderte Gesangsbuch ist heute dran. Diesmal war es ein spezieller Zettel mit einer Reihe von Liedern. Wir nahmen ihn mit, durchaus Willens die Zähne zusammen zu beißen und so demütig wir können unseren Beitrag zu leisten. Aber noch bevor auch nur die Hälfte der Bänke gefüllt war forderte das Singbärchen uns auf, die Lieder zu proben. Dazu muss man sagen, dass sie gerne ein paar Oktaven höher singt, als ich es vertrage und wenigstens eine oder zwei als ich kann wenn ich mir die Stimmbänder zerreiße.
Vor der Messe nehmen einige Gläubige die Ruhe als Gelegenheit zu innerer Meditation wahr - das Singbärchen stimmt und probt ungerührt weiter. Man kann sich leicht vorstellen, dass dies nicht förderlich wirkt.

Kurz vor Beginn nahm eine Dame die Bank hinter uns ein, bereits aus vollem Hals, und ich meine in opernhafter Lautstärke, die Texte schmetternd. Obwohl ich es nicht für möglich hielt, sie sang sogar noch etwas schriller und höher als das Singbärchen, was mir, und ich übertreibe nicht, körperliches Unbehagen verursachte. Leider war sie zudem nicht textfest, was sie aber nicht hinderte.
Ihre Banknachbarn berichteten in den Atempausen hörbar von den tollen Erfahrungen die sie unterwegs mit den Messdienern gesammelt hatten. Meine Frau und ich ahnten nun, was uns bevorstünde. Da wir direkt neben den Lautsprechern sitzen bekamen wir die volle Dröhnung.

Ein "credo" oder ein "Schuldbekenntnis" haben wir in der Gemeinde ohnehin bislang (fast) nie erlebt, aber diesmal fiel recht viel unter den Tisch was meiner Laienmeinung nach zum Ablauf gehörte.
Das an die Stelle diesmal aber ein gesungenes credo mit kreativem Textbau (nur der erste Satz war erkennbar) eingerückt wurde war irritierend. Vielleicht habe ich ja irgendwas verpasst.
Das aber auch während der Kommunion das Singbärchen auf der Gitarre klimpierte und unsere rückwärtige Banknachbarin (immerhin nicht mehr ganz so laut) sang war so ärgerlich, dass ich verzichtete. Ich empfand es als unangemessen und hätte nicht die Stille und Konzentration zur anschließenden Meditation, zu einem andächtigen Dank gefunden.
Kurzum, unser Eindruck war, dass es heute nicht um einen Dienst an Gott ging, einen Liebesbeweis, eine dankbare Teilnahme an der Eucharistie ging sondern um Selbstdarstellung und -beweihräucherung.
Suum cuique. Wenn es der Gemeinde gefällt, die Menschen zum Glauben führt und dort hält soll es so sein. Uns stellt das aber vor eine Gewissensfrage. Für mich besteht katholische Demut nicht darin, möglichst wenig Geld in Bauten zu stecken und an Ausstattung zu sparen, sondern sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, seine eigene Fehlbarkeit zu erkennen, zu bereuen und zu versuchen, es besser zu machen. Dankbar zu sein und sich des Opfers zu erinnern, welches Christus und so viele Märtyrer nach auf sich nahmen. Und eine Messe sollte (wenigstens auch) ein "Dienst an und für Gott" sein.
Vielleicht sehe ich das falsch. Vielleicht liege ich hier völlig daneben. Es liegt mir fern, den Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie die Messe zu feiern haben.
Aber für mich war das ein anstrengendes, schmerzhaftes Erlebnis das ich nicht noch einmal erleben möchte. Und ich finde keine Antwort auf meine Frage.
Ist das noch Gottesdienst?

Kommentare:

  1. Ob das nun aus dogmatisch-katholischer Sicht noch Gottesdienst ist, kann ich nicht sagen. Kenn ich mich nicht aus. Und ich hab mitgelitten, als ich das gelesen hab.

    Trotzdem kamen mir auch ein paar Gedanken, die ich nicht zurückhalten will:

    Was Du als Selbstdarstellung ansiehst, sehen andere vielleicht als ihre Art des Gotteslobes an, vielleicht umso schriller, um so lobiger, ich weiß es nicht. Wär vielleicht auch mal interessant, die Liedtexte zu kennen. Ich hab auch so meine Abneigungen gegen das neue geistliche Lied etc, aber einige sind sooo schlecht dann auch nicht - dogmatisch gesehen, ästhetisch ist dann wieder so ne Sache. Aber das ist halt subjektiv.

    Idealerweise denke ich, sollten sich alle in den Gottesdiensten wiederfinden, Singbärchen und Fans der trinitarischen Messe. Jeder hat seine Gaben, jeder hat seine Bedürfnisse. Offenkundig ist es so, daß die Familiengottesdienste nicht jeden ansprechen (meine Oma, die sonst regelmäßig in die Kirche geht, besucht diese auch nicht mehr, weil sie die Unruhe in ihrem Alter nicht mehr aushält, früher konnte sie das noch). Die alten Meßformen sprechen aber auch nicht jeden an, was sicherlich daran liegen mag, daß man es nicht mehr versteht, aber das ändert die Sache erst einmal nicht.

    Um nochmal zu Deiner Frage zurückzukommen: Ist das jetzt Gottesdienst?
    Was ist denn Gottesdienst überhaupt? Spontan fällt mir ein " Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind", aber das ist vielleicht schon wieder zu protestantisch gedacht.

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    1. Um Dogmatismus geht es mir auch gar nicht, und wie ich schrieb ist es für mich völlig ok, wenn andere das gut und toll und ihren Ansprüchen entsprechend finden. Wie Du schriebst, für meine Frau und mich ist das aber ist es keine Messe, wo wir uns wiederfinden. Für meine Frau ist das nochmal eine eigene Ebene, ist sie doch erst konvertiert (früher protestantisch).
      Ich finde auch deinen Ansatz nicht zu protestantisch, aber es trifft den Kern: "in meinem Namen". Wenn das Gotteslob hinter dem "wir sind da" oder "zusammen" fast verschwindet...
      Möglicherweise ist es wirklich subjektiv. Ich werde es auf jeden Fall mal ansprechen und hoffen, dass unsere Sorgen Gehör finden.

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    2. Viel Glück. Ich halte die ganze Sache ja für ein Problem (zumindest meiner) Kirche allgemein: Inwieweit oder ob Menschen verschiedener Frömmigkeitsausprägungen noch Gemeinschaft haben können. Und dann sprechen im schlimmsten Fall Hochkirchler, Singbärchen und Gemeinschaften einander den Glauben ab, da ist der Kritiker dann der Ewiggestrige oder der Selbstdarsteller... (was nicht heißt daß es all das nicht auch noch gibt)...

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    3. Vielen Dank für den Wunsch. Ich bin gespannt wie es laufen wird.
      Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, nicht auch den Gedanken zu haben "das sind keine richtigen Katholiken". Allerdings bin ich mir verschiedener Dinge bewusst:
      - es ist mir nicht erlaubt andere zu richten. Als Christ wie als Katholik. Das eine ist Gottes Aufgabe, das andere die der Kirche.
      - es gibt jede Menge Verfehlungen, Halb- und Unwissen an mir zu finden. Wie könnte ich da auftreten und derart tönen?
      - ich sehe und höre nur einen Teil. Wie es in diesen Menschen aussieht, was sie sonst machen, das weiß ich nicht. Vielleicht ist ihre Selbstdarstellung gar nicht solche sondern wirkt nur so. Vielleicht kennen Sie es nicht anders.

      Da bin ich gerne zum Dialog bereit. Allerdings rechne ich nach viel Erfahrung in derlei Dinge nicht mit einem Kompromiß sondern eher Ablehnung. Das wäre schade, aber dann müssen wir eine Gemeinde suchen, die da anders tickt. Das dies allerdings in der katholischen Kirche so sein kann stimmt mich traurig.
      Das Rütteln an den Lehren und Prinzipien der Kirche empfinde ich als unangemessen und gefährlich für die Gemeinschaft.

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