Mittwoch, 16. Oktober 2013

Wenn es für einen Vergleich nicht reicht.

Man ist es als Historiker gewohnt in Zeitungen Artikel zur Geschichte zu finden, die von Oberflächlichkeit, Einseitigkeit und mangelnder Recherche nur so strotzen. Gestern hat die Zeitung "Welt" in ihrer online-Ausgabe aber einen weiteren Tiefpunkt erreicht, den ich so nicht mal von Sendungen wie "Galileo" erwarten würde.
Unter der Überschrift: "Bomben-Bernd" – ein Vorbild für Tebartz-van Elst berichtet uns Berthold Seewald davon, wie sehr der Limburger Bischof doch von Christoph Bernhard von Galen beeinflußt wurde. Vielleicht. Und das er ja aufgrund der Gemeinsamkeit des Aufenthaltsortes Coesfeld jenen Münsteraner Bischof als sein Vorbild sieht. Wahrscheinlich.
Konkret liest sich das so:
Die Verbindungen zwischen beiden Kirchenfürsten reichen weit über die kritische Berichterstattung ihres Tuns hinaus.
Schon als Schüler am katholischen St.-Pius-Gymnasium in Coesfeld wird sich Tebartz-van Elst dem eindrucksvollen Exempel von Galens kaum entzogen haben können. Schließlich residierte dieser Barockfürst während seiner 28-jährigen Herrschaft überwiegend in der Stadt. Später studierte Tebartz-van Elst unter anderem in Münster, empfing dort die Priesterweihe und wurde 1990 zum Domvikar am St.-Paulus-Dom ernannt.
Auch Promotion und Habilitation wurden an der Westfälischen Wilhelms-Universität abgelegt, deren älteste Wurzeln auf von Galen zurückgehen. Noch heute ist Tebartz-van Elst dem Bistum Münster als Ehrendomkapitular verbunden, nachdem er ihm von 2003 bis zu seiner Wahl in Limburg 2007 als Weihbischof gedient hatte.
 Halten wir fest: der heute lebende Bischof ging in der Stadt zur Schule, in der von Galen einst "residierte" und studierte u.a. in dessen Bischofsstadt, beendete sein Studium an einer Uni deren "älteste Wurzeln" angeblich "auf von Galen zurückgehen". Minmalrecherche belegt: Letzteres ist entweder bemerkenswert schlechte Arbeit oder bewusste Lüge. Selbst wikipedia berichtet von Bemühungen des bereits 1616 verstorbenen Jesuiten Matthäus Tympius eine Universität aus dem bereits existierenden und erfolgreichen Jesuitenkolleg zu gründen. Und wie die Universität selbst auf ihren Seiten mitteilt war der erste Versuch der Gründung im 17. Jh. nicht von Erfolg gekrönt. Also ist die heute existierende Uni, an welcher Bischof TvE studierte weder von jenem von Galen angestoßen worden noch geht sie in irgendeiner Form auf ihn zurück.
Soviel zu den historischen Hintergründen der "Verbindung". Diese selbst aber ist ausschließlich auf Vermutungen begründet die sich lediglich auf örtliche Übereinstimmung beziehen. Nicht ein Beleg, ein Zitat für jene Identifizierung, welche Überschrift, Einleitung und Kern dieses Artikels ausmacht. 
Was bleibt wäre ein biographischer Bericht über eine der schillernden Gestalten des 17. Jahrhunderts. Aber auch hier ist der Text eine Zumutung.
Die besagte Übereinstimmung des Ortes ist nach einem kurzen Blick auf die Wohnorte des Fürstbischofs und Feldherren keine Überraschung, residierte er doch in mindestens fünf Städten abwechselnd und befand sich über lange Jahre permanent "auf Achse". Einen größeren Ort zu finden, in welchem er nicht weilte dürfte da schwer fallen.
Die im Text erwähnte Weigerung der Münsteraner in seine Richtung war nicht Folge des "pompösen Lebensstils" des Bischofs sondern seiner Quartierung von Soldaten in einer Hansestadt und somit der Versuch die Gewalt in der Stadt an sich zu reißen, deren Selbstständigkeit weiter einzuschränken. Das der "Fürst", welcher von Galen nunmal auch war, in jener Zeit in Konflikt mit seinem Volk kam ist weder selten noch überraschend. Hier aber aus einem offenen Konflikt um Selbstverteidigung und Selbstverwaltung eine ausschließliche Frage der Dekadenz zu machen ist ein wahrlich plumper Versuch eine Paralelle zu ziehen.
Und so stellt der Redakteur die folgenden Konflikte nicht dar sondern zieht aus den hunderten Details gerade mal eine handvoll, die zu seinem Bild passen: von Galen führte Krieg gegen die eigenen Städte, gegen die Niederlande (an der Seite Frankreichs) und gegen Schweden. Das dieses Bild viel komplizierter ist - ich vermute der Schreiber blickt da selbst nicht mehr durch. Denn es ist zwar korrekt, dass von Galen aufrüstete und die Niederlande bekämpfte. Sein Amt trat er jedoch an, als niederländische Truppen noch immer Teile des Münsteraner Territoriums besetzt hielten und auch nicht vorhatten abzuziehen - eher im Gegenteil. Aus dieser Situation heraus setzte sich von Galen durch. Mitunter ohne den Einsatz von Gewalt, wie die "sieben Landsknechte" noch heute in Erzählungen andeuten. Seine durchaus erfolgreichen Züge gen Holland wurden, glatt im Artikel unterschlagen, von Frankreich gestoppt. Jenem Frankreich, mit dem England, Schweden, Münster und Lüttich im Holländischen Krieg gemeinsam gegen die Niederlande vorgingen. Dieses wiederum hatte sich mit Brandenburg und dem Kaiserreich verbündet - und so stand von Galen an der Seite Frankreichs gegen Holland aber auch treu dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gegen Schweden zur Seite. Dieser Komplexität der damaligen Verhältnisse wird Seewald nicht gerecht. Er wertet lieber, wenn er von Galen als erfolglos im Nordischen Krieg bezeichnet. Denn einzig diesen Teilaspekt greift er auf - Münster stritt auch gegen Schweden. Warum wird nicht erwähnt. Es würde nur stören beim Versuch ein Bild im eindeutigen Schwarz und Weiß zu malen. 
Empörend aber ist die Unterstellung, der heutige Bischof würde seinem Vorbild auch in Sachen Gewalt nacheifern, wenn er nur die Mittel hätte.
Auch in Sachen Sturheit und Beratungsresistenz erweist sich Tebartz-van Elst seinem Münsteraner Vorbild als durchaus ebenbürtig. Nur in einer Hinsicht bleibt er zweiter Sieger: Zur Durchsetzung seiner Vorstellungen fehlen ihm einfach die Mittel. Bei von Galen waren das nackte Zahlen. Soldaten und Kanonen.
Mitten in Argumente auf tönernen Füßen findet sich diese Anschuldigung. Ist der Rest des Artikels unerträglich schlechte Polemik, so ist dies einen gewaltigen Schritt weiter.
So etwas in der Rubrik "Geschichte" einzuordnen schädigt den Ruf aller fundiert arbeitenden Historiker und sollte von unserer Zunft nicht so ohne weiteres stehen gelassen werden. Andererseits - im Histotainment findet sich heute so viel solcher Müll...

Kommentare:

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Der Kommentar wurde gelöscht. Nicht nur, dass außer einer in Lyrik verkleideten Verhöhnung nichts inhaltliches Geboten war, der darin enthaltene Link führte zu einem Text voller Beleidigungen, Spott und Hohn.
      Sie dürfen gerne darlegen, warum Sie nicht Glauben - Beleidigungen dulde ich nicht.

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