Donnerstag, 31. März 2016

Der zweite Unsinn der FAZ

Vor zwei Tagen hatte ich geschrieben, zwei Artikel jenseits der Schmerzgrenze von der Startseite der FAZ müsste ich einmal behandeln. Der erste war jener ideologisch geleitete "Märchen werden missbraucht" Artikel, der Zweite ist mal wieder eine mit Bezug zur Geschichte.
Aber vorher zur Ehrenrettung der FAZ: es erscheinen im Gegensatz zu anderen "Nachrichtenblättern" dort auch immer mal wieder gute Artikel - wenn auch selten. Der "Blog", oder die "Meinung" der Kunstfigur "Don Alonso" zur Verharmlosung und Schönrederei, zur völligen Realitätsverweigerung in Sachen Terror ist so ein Beispiel.
Heute aber geht es um einen Artikel der Serie "Wie erkläre ich es meinem Kinde" in der es um Gewalt in Religionen geht. Der Artikel strotzt vor Halbwissen und Fehlern - und das ist für jemanden, der damit etwas "erklären" will ziemlich peinlich - und für jemand der es liest entweder schmerzhaft oder irreführend.
Der Titel es Artikels ist bereits Appeasement pur. Er diskutiert nicht, er legt nicht dar - er macht es klar.
Erst in der Erläuterung unter der Überschrift findet sich dann das, was die Überschrift negiert.
Die Attentäter von Brüssel berufen sich auf ihren Gott, um ihre Grausamkeiten zu begründen. Heilige Kriege gibt es seit Jahrhunderten. Aber gibt es Religionen, die in ihrem ureigenen Wesen Gewalt fördern und hervorbringen? 
Mal abgesehen davon, dass der landläufig mittlerweile bekannte Ausdruck des Jihad in all seinen Schreibformen in der Folge der Nennung islamistischer Gewalt richtiger wäre, statt dem für das Christentum wie wohl passendere "Heiliger Krieg", ist durch die Wortwahl "missbraucht" in der Überschrift die Antwort auf den letzten Satz ja bereits gegeben worden... jedenfalls aus der Sicht der Publizierenden.


Darunter zeigt ein Bild eine zeitgenössische Buchillustration - der Kampf von gepanzerten Kriegern zu Pferd. Der Leser erfährt durch die Bildunterschrift, dass es sich um Kreuzfahrer im Kampf gegen Saladin handelt.
Wieder sind es also nicht die Muslime, sondern wird Christliches ins Spiel gebracht.  Warum wohl...

Diese unsachliche, ja, fehlweisende Verstrickung kommt im zweiten Absatz dann in volle Fahrt. Zuvor wird noch das Gestammel der Mörder von Brüssel vorgebracht, aber dann geht es los.

Allein die Sprache dieses Briefs weist tief in die Geschichte: Ein Kalifat ist ein Herrschaftsgebiet Allahs auf Erden. Kreuzzüge waren mittelalterliche Kriegszüge europäischer Heere ins Heilige Land, mit der Begründung, die damals muslimisch beherrschten Wirkungsstätten Jesu wieder in die Gewalt der Christen zu bringen. Und Märtyrer sind Menschen, die für ihren Glauben zu sterben bereit sind. Viele christliche Heilige sind als Märtyrer gestorben.
Es beginnt mit einer falschen Definition. Nein, ein Kalifat ist nicht das "Herrschaftsgebiet Allahs auf Erden", schon gar nicht "ein". Denn entweder gibt es die eine Ummah und das eine dar al-Islam, das Haus des Islam wie alle muslimischen Glaubensgebiete nach islamischer Rechtslehre genannt werden, oder eben nicht. Kalifate hingegen sind differenzierte Staats- und Machtgebilde, die sich auf eine Nachfolge Mohammeds beziehen. Ein Herrscher vereint nicht nur den weltlichen Anspruch auf Herrschaft sondern auch den geistigen als rechtmäßig Nachfolgender. Hier liegt, nebenbei, auch bereits die Grundlage für den ersten "heiligen Krieg" innerhalb der islamlischen Welt - nicht aber innerhalb der Religion selbst, der liegt noch früher. Da es keine männlichen Kinder Mohammeds gab, kam es zur Spaltung über die Frage der Nachfolge. Die Sunniten kennen daher die "rechtgeleiteten Kalifen" - eine Reihe von Herrschern aus dem Umfeld die sich durch bestimmte Wesenszüge und Verdienste empfahlen und die Schiiten die weitere Verwandtschaft als blutsbestimmte Dynastie.

Kreuzzüge waren (leider) auch nicht nur "mittelalterliche Kriegszüge" und auch waren sie nicht lediglich ins Heilige Land unterwegs - wie diverse slawische Völker beklagen müssen.
Die Begründung des ersten Kreuzzuges auf "das Heilige Land in die Hand bringen" zu reduzieren ist eigentlich unmöglich. Zugrunde lag der Hilferuf der immer stärker an Boden verlierenden Byzantiner, dazu kam das aufkommen und immer stärker werdende Pilgerwesen - welches sehr unter teils bekämpften, teils geduldeten Banditen und Räubern in der muslimisch regierten Levante zu leiden hatte.
Und während es in Konstantinopel seit dem Ende der zweiten muslimischen Belagerung Anfang des 8. Jh. eine Moschee gab (und später weitere hinzukommen sollten), waren die Verträge mit den Christen und Juden in der Levante oben drein keineswegs so rosig, wie es heute allgemein gerne behauptet aber nicht bewiesen wird.
Man muss  schon ziemlich dreist mitten rein in die Geschichte springen, um alle Bestandteile zu verdrehen, auf das man ein gewünschtes Ergebnis erhält.

 Schließlich das Thema Märtyrer. Es wird hier so getan, als seien die Motive, Hintergründe, Ambitionen identisch. Das sind sie nicht. Christliche Märtyrer gingen für ihren Glauben, für ihren Gott, für ihre Gemeinden und Kirche durch Qualen und in den Tod. Die absolute Mehrheit von ihnen ging durch ein "Martyrium", wurden als Gefangene gefoltert und gequält und nicht selten besonders grausam hingerichtet. Dabei erhoben sie nicht die Hand, wehrten sich nicht.
Und, das sollte eigentlich den "Genderisten" besonders gefallen, weibliche  Märtyrer stehen in nichts den männlichen Kollegen nach.
Völlig anders verhält es sich mit den islamischen Shaheed / Shahid bzw. der weiblichen Form, den Shaheeda. Zwar gibt es, je nach Konfession und Rechtsschule ein paar Konditionen, die zur Aufnahme in diese Reihen führen. Die am ausführlichsten und dichtesten berichtete Weise zum Märtyrer zu werden ist im Kampf, also während man danach trachtet, einen Gegner, vorzugsweise einen Feind des Islam, Allahs oder Mohammeds zu töten. Dafür erwarten die Herren dann die bekannten "Freuden" des Paradises, den diese augenblicklich genießen dürfen. Es gibt sogar einen ausführlichen hadith darüber, wie die Wunden, die der Shahid vor seinem Tod erhielt bzw. die dazu führten im Paradies erhalten blieben, quasi als Ausweis der Taten. Verständlich, dass mancher Selbstmordattentäter daher wert darauf legen soll, seine edelsten Teile mit Betonklötzen, eisernen Tiefschützern etc. zu bewahren...
Und während die Zahl der christlichen Märtyrer durch die Morde anderer an ihnen wachsen, so wächst die Zahl der islamischen Märtyrer derzeit vor allem durch deren Morde und Mordversuche an anderen. Unterschiedlicher könnten die beiden also nicht sein. Jüngst hatte auch der Cicero dieses Thema.
Bodenlos unverschämt ist daher der Abschlußsatz dieses Absatzes. Ja, viele christliche Heilige sind als Märtyrer gestorben - nahezu keiner von ihnen wurde zum Märtyrer, weil er versuchte andere zu töten. Und bis auf einige wenige Ausnahmen der dunkleren Seiten der Kirchengeschichte gilt auch bei den Heiligen keine Gewaltverherrlichung. (Wer nun nach den Ausnahmen fragt: bspw. wurde Jakobus kurzerhand zum Matamaros, zum Maurentöter ernannt)

Man könnte dies als Redakteur wissen, finden denn auch heute noch Anerkennungen und Heiligsprechungen statt - etwa der 800 Märtyrer von Otranto, die während einer islamischen Invasion in Italien hinein sich weigerten angesichts der Henkersaxt zu konvertieren und hingerichtet wurden.
Dies sind unsere Märtyrer, auf die wir als Christen mit Achtung, Respekt und mitunter auch mit Stolz blicken.


Sie, lieber Leser, können sich vielleicht vorstellen, wie wenig Lust man nach solch einem von Grund auf falsch und fehlleitenden Absatz noch hat, weiter zu lesen. Aber der Folgeabsatz schlägt dann endgültig zu.
In Brüssel sind mehr als dreißig Menschen getötet und über zweihundert verletzt worden. Sie haben sich bestimmt nicht als Kreuzfahrer betrachtet. Nach den Attacken wird die Diskussion über das Gewaltpotenzial des Islams nicht abreißen – mit all den Folgen, die das für die Stimmung gegenüber den in westlichen Ländern lebenden Muslimen haben könnte. In Amerika versuchen die Präsidentschaftsbewerber Donald Trump und Ted Cruz, sich mit Forderungen nach Folter, Einreiseverboten für Muslime und deren polizeilicher Überwachung gegenseitig zu übertreffen. Leute wie sie wollen ausnutzen, dass Menschen in den westlichen Ländern nach den Anschlägen verunsichert sind und solche Forderungen vielleicht richtig finden, weil sie sich angesichts der grausamen Bluttaten fragen, ob der Islam nicht doch in seinem ureigensten Wesen Gewalt fördert und hervorbringt.

Da wird nun alles in einen Topf geworfen, was geht - und obwohl die Anschläge noch frisch vor den Augen standen, die Opfer noch zusammengesucht werden mussten und dementsprechend immerhin der erste Satz ihnen gilt - die wahre Bedeutung hat doch die "missbräuchliche Überreaktion" in den westlichen Ländern. Das ist es was doch wirklich schlimm ist - so denkt offensichtlich der Schreiber.
Auch weiß er sofort warum und was die republikanischen Präsidentschaftskandidten in den USA vorhaben. "Ausnutzen" - jawoll.
Immerhin hofft man, dass die Schlussfrage nun aufgegriffen wird. Ich gebe die geahnte Antwort: nein. Es wird nur wieder eine Nebelgranate geworfen - die bekannten Untaten des Christentum. Der Autor ist sich nur nicht sicher ob er sie nun anrechnen soll oder eben nicht.

Viele, vor allem Muslime selbst, aber auch Wissenschaftler, antworten darauf, dass dies nicht „der Islam“ insgesamt sei, sondern lediglich eine extreme Auslegung dieser 1400 Jahre alten Religion mit mehr als zwei Milliarden friedfertigen Anhängern auf der Welt. Dieser Islam – der schöne, kulturbeflissene, philosophische Islam – habe mit der grausamen Fratze des „Islamischen Staats“ oder von Al Qaida genauso viel oder wenig zu tun wie das Christentum mit den Untaten, die vor Jahrhunderten in seinem Namen begangen wurden: Die Kreuzzüge gehören dazu, aber auch die Verfolgung, Zwangsbekehrung oder Ermordung Andersgläubiger in Europa, Asien, Afrika und Südamerika. Und üben nicht auch radikale Juden immer wieder Gewalt aus, um vermeintliche göttliche Gebote zu befolgen? Wenn man es sich genau anschaut, muss man anerkennen, dass Gewalt historisch in diesen drei Religionen zu finden war oder ist.

Mal abgesehen davon, dass die Wissenschaftler, die "den schönen Koran" durchaus als andere Seite der gleichen Medaillie betrachten nicht nur reichlich vorhanden sondern erstaunlich oft massiv angefeindet und bedroht werden, nicht nur von Muslimen, ist die Schönrederei im Gewand des Pseudo-Zitates ein Mittel der Propaganda und in meinen Augen sehr unredlich. "der schöne, kulturbeflissene (...)" usw. ahja.
Ich lasse auch mal die Gleichstellung der "radiklen Juden" und ihrer Gewalt mit dem Terror des Islam einfach so stehen - der Vergleich ist so bescheuert, dass er für sich selbst spricht, wenn man ihn aus dem Absatz löst.
Am Ende aber wird die Gewalt auf die abrahamitischen Religionen zugespitzt. Als hätte es nie Kriegermönche im Buddhismus gegeben, keine Welle der Gewalt in Myanmar. Als wären Hexenverfolgung und Religionskriege in aniministschen Kulturen Afrikas und Südamerikas unbekannt.

Die Seite zwei des Artikels erspare ich mir zu rezensieren. Wer mag, kann es ja lesen. Neben dem einzigen Literaturbezug - ein sehr strittiges Werk mit 20 Jahren auf dem Buckel und bereits nach erscheinen ob diverser fachlicher Fehler schwer kritisiert und vom Autoren Assmann auf "Perlentaucher" selbst richtig gestellt wird (mit 15 Jahren Verspätung) weiter in einem Ton und Inhalt schwadroniert, den man nur erneut unter dem Label "Propaganda" ansiedeln kann.

Warum die Geschichte herhalten muss, wenn Ideologien zu überzeugen versuchen, liegt wohl in der Natur der Schwäche. Wer keine Argumente hat, beugt sich welche zurecht. Und die Geschichte wehrt sich nicht.


Kommentare:

  1. Bester Theodred, danke für diesen Artikel – hättest du ihn nicht verfasst, so hätte ich es nämlich in den nächsten Tagen getan. Er ist mir immens aufgestoßen, und die Gründe hierfür hast du in aller Deutlichkeit unterlegt. In vielem ähnelte er dem am Wochenende auf intellektueller Tieffahrt befindlichen Spiegel, der sich ebenfalls anschickte, alles Mögliche zu vermengen, was den Schönen und Guten nicht gefiel – vom Kreuz bis Donald Trump. Eine bodenlose Frechheit war zudem die Gleichsetzung christlicher Märtyrer, die nach Verfolgung und Tod oftmals nicht mit, sondern durch Gewalt zu dem wurden, was sie waren – was sie von ihren muslimischen Gegenbildern unterscheidet. Mir sind aktuell auch nicht irgendwelche Terroropfer „radikaler Juden“ bekannt. Es passte einfach so schön in die zu rechtfertigende Theorie, erst die abrahamitischen Religionen hätten die Gewalt gebracht. Und das alles in einem „pädagogischen“ Lehrartikel. Da klingt einem der Gegentitel „Wie erkläre ich es meinem Relativierer?“ im Kopf.

    Aber gut, ich kann ja auch nicht in jedem gefühlten zweiten Medienartikel immer wieder die FAZ schelten… ;)

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    1. Solange jeder zweite Artikel solch einen Müll bedeutet sehr wohl. Und fühle Dich bitte nicht daran gehindert oder weniger genötigt, auf diesen Artikel zu reagieren.
      Den Spiegel tue ich mir einfch nicht mehr an. Das Niveau ist schon seit vielen Jahren jenseits von allem was erträglich sein könnte und der Nachrichtencharakter ist bestenfalls selektiv zu nennen.
      Aber ich bin auf die Rezension gespannt :)

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