Mittwoch, 2. März 2016

Warum sind Mitleid und Barmherzigkeit so wichtig?

Das Christentum basiert auf dem "Neuen Bund", der aus Jesu Geburt, Leben, Taten, Tod und Wiederauferstehung entstand. Zu den zentralen Lehren gehören neben Gottesfürchtigkeit, Demut, Bescheidenheit und Opferbereitschaft vor allem die Nächstenliebe, das Mitleid und die Barmherzigkeit.
Die Worte gehen heute leicht bis leicht schmalzig über die Lippen, sind aber aktuell in aller Munde, denn es gilt "Menschen zu retten". Seien es Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak oder zentralafrikanische illegale Einwanderer, die sich von profesionellen Schleusern in klapprigen Booten über das Mittelmeer bringen lassen.
Dieses Thema wurde und wird heiß diskutiert, wobei die "Christlichkeit" und seine Lehren oft als Argument genutzt werden, um jede Hilfe zu sanktionieren. Es ist ja auch plausibel. Sei es der barmherzige Samariter oder jene Menschen, die Jesus und seine Begleiter bei sich aufnahmen oder gar die Ägypter, welche die Israeliten aufnahmen - und als Sklaven missbrauchten.
Und hier sind wir am entscheidenden Unterschied zwischen den historisch-religiösen Texten und unserer heutigen Zeit. Es sind nicht selten eben auch jene Stimmen, die den Zeitgeist beschwören um Reformen zu erzwingen, die nunmehr auf Beispielen der Antike bestehen und ihre Auslegung gleich mitliefern.
Es ist aber die Antike in der Levante und den umliegenden Ländern, welche diese Beispiele und eben auch die Lehre massiv beeinflußen. Gnade, clementia, war in der Antike wie im Mittelalter ein adliger Charakterzug, der jedem Caesaren und jedem Kaiser gut zu gesicht stand - und trotzdem nicht immer eingesetzt wurde und mancher auch ohne regierte.
Schlachten und Kämpfe konnten "sine missio", also ohne Gnade erfolgen und sehr oft war dies der Fall. Die Überlebenden der Varusschlacht dürften jedenfalls mehr Glück als Gnade erfahren haben, denn nach allem was wir wissen, war der Umgang mit Gefangenen bei den Germanen nicht viel anders als während der Schlacht selbst.
Gefangene verschiedener Stämme der Ureinwohner Amerikas mussten hoffen, um den Marterpfahl herum zu kommen und einfach erschlagen zu werden. Was bei den Azteken und Mayas passierte war derart grausam, dass man es lange in das Reich der durch weiße Europäer gestreuten Mythen rechnete, die dazu dienen sollten, einen schlechten Ruf zu erstellen.
Die Antike in Europa aber hatte ebenfalls ihre Schattenseiten. Sklavenhaltung, Gladiatorenkämpfe, Tierhatzen (ein Unterhaltungsprogramm bei dem entweder speziell ausgebildete Gladiatoren mehr oder minder wehrhafte Tiere im Nahkampf abschlachteten oder die Tiere aufeinander gehetzt wurden), mittägliche Hinrichtungen in immer grausameren, kreativeren Formen um das Volk zu unterhalten.
Brachte in Rom ein Sklave seinen Besitzer um, so war die festgeschriebene Strafe der grausame Tod - aller Sklaven im Besitz des Ermordeten. Zwar wurde diese Strafe unseres Wissens eher selten vollstreckt, aber allein die Möglichkeit, dass wegen eines (vermeintlichen) Mörders unter hunderten oder gar tausenden Sklaven im Besitz eines Großgrundbesitzers dazu führt, dass all diese Menschen unter Qualen ihres Lebens beraubt werden...
Sollte ein Sklave eine Aussage für eine richterliche Untersuchung machen wollen oder müssen, so geschah dies unter Folter. Ob er einen Bezug zum Angeklagten hatte oder dieser selbst war, spielte dafür keine Rolle. 
Jeder Christ weiß grob um die Kreuzzigung als Hinrichtung. Weder haben die Römer sie erfunden (Alexander der Große bspw. ließ eine ganze Stadt kreuzigen) noch war sie selten. Bürger konnten ggf. auf ein schnelleres Ende, die Hinrichtung mit dem Schwert, hoffen.
Wer reiste, lief Gefahr Banditen zu begegnen, die neben Raub und Vergewaltigung durchaus auch
 Freude an Quälereien und langwierigen Morden hatten.
Aber auch der Alltag war schwer genug. Kleine Verletzungen konnten schlimme Folgen haben. Wundbrand und Erkrankungen konnten die Folge sein. Wer hungerte, musste auf die Gnade der Mitmenschen hoffen, die in Notzeiten dementsprechend ausfiel. Ansteckend Kranke wurden ausgeschlossen. Die Leprakolonien waren nicht nur "Quarantäne"-Zonen, es waren auch Orte der Armut, des Elends und der Einsamkeit.

Warum ich diese schauerlichen Dinge berichte ist ganz einfach. Wer solche Dinge neben Erzählungen wie die des Samariters, der Wunderheilungen Aussätziger durch Handauflegen, der verhinderten Hinrichtung durch Steinigung für "Amoralität" stellt, der kann erst ermessen, was für große Taten dies waren. Wie außergewöhnlich. Und in welchem Rahmen dies geschah.
Die Aufnahme Fremder, Hilfesuchender galt als edle Tat. Seine Nachbarn zu bedrängen und zu beschimpfen, ja nur zu erwarten gleiches zu tun allerdings nicht. Von der Stadt, dem Staat oder der Gesellschaft ganz zu schweigen.
Nun leben wir 2000 Jahre danach, und eine ehemals christliche Gesellschaft die sich ihrer Zivilisation rühmt ist nicht mit einer antiken Sklavenhaltergesellschaft vergleichbar - und doch. Christlichkeit, meinetwegen auch Menschlichkeit beginnt bei jedem selbst. Wer nach Willkommenskultur ruft, nach Differenzierung, Pauschalisierung ablehnt, der sollte dies auch selbst leben.
Ich selbst habe zwar großen Respekt vor Menschen, die ihr bescheidenes Heim, Einkommen und letztlich Leben mit Asylsuchenden teilen. Ob Christ oder nicht.
Aber bislang ist mir noch nicht eine Person begegnet, die all diese noblen und edlen Prinzipien wirklich auslebt. Nur fordern und anklagen - das ist verbreitet.

Jesus ist selbst angesichts von Menschen, die eine Frau steinigen wollten, nicht wütend auf diese losgegangen, hat sie nicht beleidigt oder drangsaliert, nicht mit Konsequenzen gedroht oder seine Jünger gerufen. Er argumentierte. Danach war aber nicht Schluss. Auch die Frau forderte er zu einem besseren Lebenswandel auf. Ohne aufzublicken.
Gnade und Mitleid, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind wichtige Eigenschaften, die eine Gesellschaft daran hindern, ein brutales, von Tod und Gewalt geprägtes Gebilde zu werden. Das man dabei nicht jedes Maß verlieren darf, nicht völlig in der Selbstaufgabe oder der Forderung danach vergehen sollte, auch das findet sich in der christlichen Lehre wieder.
Wer glaubt, das aktuell einwandernde Elend sei das einzige auf der Welt und bei erfolgreicher Lösung sei die Welt verbessert, der macht sich etwas vor. Wer glaubt, Syrien sei schlimm, der hat noch keinen Blick nach Yemen geworfen. Oder in die Sklavenbehausungen in Afrika (die nebenbei keine Weißen verschulden, besitzen, leiten oder eingereichtet haben und darum nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie die Debatte um Rassenhass in den USA). Beispiele grausamer Schicksale, keineswegs einzelner, finden sich zu tausenden und wird es immer geben. Verausgaben wir uns, konzentrieren wir uns auf eines und differenzieren dann nur noch ins Positive (keiner ist illegal, alle sind Flüchtlinge), dann sind wir nicht nur überfordert und "versorgen" diese Menschen auf eine unwürdige, unerträgliche und gefahrvolle Weise (Massenunterkünfte inkl. der dort eigenen Kriminalität und Gewalt), wir erschöpfen unsere Ressourcen ohne anderen helfen zu können.

Kommentare:

  1. Was aber könnte man ganz konkret zum Beispiel vom durchschnittlichen Bürger an tätiger Nächstenliebe fordern um den Anforderungen Jesus zu entsprechen?

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    1. Gute Frage. Ich bin Historiker, kein Theologe und würde mir selbst als solcher nicht anmaßen die Mindestanforderungen zu bestimmen. Es ist allerdings meine Überzeugung, das Nächstenliebe nicht gefordert werden kann. Sie kann gelehrt und gelebt werden, aber nicht gefordert. Das ist auch in etwa der Inhalt meines Beitrages. Jeder der etwas leistet um zu helfen verdient Respekt. Wir können nicht in die Köpfe sehen und daher bestimmen, wie viele etwas tun, um sich selbst besser zu fühlen, zu den "Richtigen" zu gehören usw. Aber auf andere zu zeigen und zu fordern "tue dies" oder "spende das" - da steckt dann keine Eigenleistung, keine Freiwilligkeit, keine Nächstenliebe mehr dahinter.
      Die wahren Helfer erkennt man daran, dass man sie nicht erkennt. Sie helfen und machen daraus keinen Aufriß. Es ist nicht das Prinzip "tue Gutes und rede darüber".

      In meinen Augen muss daher jeder "durchschnittliche Bürger" mit sich selbst ausmachen, was er zu Leisten bereit und in der Lage ist.
      Um es an mir fest zu machen: ich bin Mitglied in mehreren Vereinen, die sich engagieren. In einem davon helfe ich von Zeit zu Zeit mit. Früher, noch unverheiratet und zu Studiumszeiten, auch öfters an anderer Stelle ehrenamtlich.
      Finanzielle Spenden durch die Vereinsmitgliedschaften aber auch, wenn ich auf Einzelschicksale stoße und damit rechne, dass hier kein riesiger Medienrummel entstehen wird, der diesen Menschen hilft. (Als Beispiel: hin und wieder stößt man auf Opfer von Kriminalität im Netz, sei es durch soziale Netzwerke oder ähnliches. Brauchen diese Hilfe, bspw. Operationen oder Betreuung, sind Spenden, zumindest in den USA, eine wichtige Hilfe, die meist aber keine riesigen Erfolge erzielen, wenn die Medien die Stories nicht aufgreifen.)
      Ich versuche es ein wenig mit dem alten "jeden Tag eine gute Tat" (also die Kleinigkeiten, vom Kinderwagen an der Treppe zur Hilfe bei zu hohen Regalen etc. und wann immer eine Gelegenheit sich bietet) zu halten und begegne jedem Menschen erstmal höflich und freundlich, auch wenn zweiteres oft schwer fällt.
      Klingelt jemand an meine Tür und bittet um Hilfe versuche ich sie dem- oder derjenigen zu geben ohne meine Familie oder mich zu gefährden.
      Klingt alles vielleicht nicht ungewöhnlich oder sogar enttäuschend, aber das ist es, was ich in meinem Leben als absolutes Minimum erachte.
      Selbstaufgabe, Selbstlosigkeit usw. sind Ideale, die ich nicht erfüllen kann und hoffe, dass mir dies am jüngsten Tag nicht als Sünde nachgesehen wird.

      Was Jesus anbelang sagt er selbst: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht verstoßen."
      Anders als die im Text oben erwähnten "Guten" gibt es kein "das müsst ihr mindestens getan haben". Wir sind fehlbar, wir sind von unschönen Charakterzügen geplagt. Dessen ist er sich bewusst, und fordert nicht das unleistbare. Bemühen und Glauben.
      So sehe ich es, verstehe ich es und habe es auch gelehrt bekommen.

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