Freitag, 1. März 2013

Jetzt ist es raus....

...das Gesamtwerk "Kriminalgeschichte des Christentums" von Karlheinz Deschner. Es erscheint gerade der 10. und damit letzte Band dieser schreienden Anklage. Mehr ist es aber auch nicht.
Die ersten Bände begegneten mir während meine Studiums, zu einer Zeit also, in der ich mit Glaube und Kirche noch nicht viel anfangen konnte. Was aber der Impuls, die Absicht und die Methode des Autors war, konnte ich damals bereits herauslesen. Er machte es einem auch nicht schwer.
Schon auf den ersten Seiten des ersten Bandes hatte er erklärt: ich mache die Spielregeln!
Darunter fiel etwa die Chance, ihn zu widerlegen. Dies ginge nur, so schrieb er, wenn man beweise dass die von ihm genannten Fakten nicht stimmten. Nachgewiesene Auslassungen seinerseits würden nicht als Beleg gelten.
Nun ist es mit der Geschichte aber so, dass ein Zitat, Ereignis oder Fakt nicht ohne seinen Kontext verstanden werden kann. Einfacher gesagt, die Frage nach dem "warum?" stellt sich jedesmal. Deschner hingegen gibt von Anfang an eine Begründung vor und zählt dann alles auf, was zu seiner Begründung passen könnte, ohne genauer hinzusehen.

Ein Beispiel soll das Problem veranschaulichen. Der Fürst A hat mit seinem Schwert (im Schlafzimmer - für alle Cluedo - Spieler) den Fürsten B erschlagen.
So erläutert und dargestellt ist dies ein Verbrechen, ein Mord.
Erfahren wir dann aber, dass der komplette Quellentext erläutert wie es dazu kam, könnte sich die Sache anders darstellen. So ertappte laut dem angesprochenen Text Fürst A den Fürsten B bei einem Schäferstündchen mit seiner (also des Fürsten A) Frau.
Nun klingt dies zwar nach einem Grund, aber den Mann zu erschlagen bleibt auch dann ein Verbrechen, zumindest nach unseren heutigen und hier geltenden Vorstellungen und Werten.
In der Zeit und Kultur, in der die Schilderung spielt, war dies vielleicht anders. Hätte Fürst A nicht gehandelt wäre er vielleicht in den Augen seiner Leute nichts mehr wert gewesen, er hätte nicht nur seine Frau sondern auch seine Existenzgrundlage verloren.

Dann gibt es aber einen zweiten Quellentext, der den gleichen Sachverhalt schildert. Dort heisst es im Unterschied: der nichtsahnende Fürst A stolperte in seinem Schlafzimmer über seinen Nebenbuhler, der ihn daraufhin sofort angriff.
Und schon haben wir auf der einen Seite einen Fall von Notwehr, auf der anderen einen Mord. Und wenn wir jetzt den Fachleuten noch die Chance geben sich zu äußern, wird es richtig kompliziert.
Die Archäologen haben an den Überresten des Fürsten B keine Spuren eines gewaltsamen Todes feststellen können, was bei der engeren Bekanntschaft mit dem falschen Ende des Schwertes von Fürst A doch zu erwarten wäre.
Und die Historiker haben schon lange dargelegt, dass die Kohärenz der beiden Quellen korrumpiert ist, sowohl die innere als auch die äußere, während der erstgenannte Text mehrere Jahrzehnte nach dem zweitgenannten entstanden war und diesen wohl als eine der Quellen nutzte....

"Kohärenz - korrumpiert?" fragt jetzt vielleicht der ein oder andere. Ich möchte nicht mit langen Erklärungen langweilen, was ich sagen will: man kann nicht einfach jeden Bericht, jeden Text nehmen und eins zu eins für bare Münze nehmen oder gar verkaufen. Das weiß auch Deschner, er äußert es in Bezug auf kirchliche Texte häufig. Aber wann immer er einen Text findet, der auf einen Mord o.ä. durch Christenhand hinweist übernimmt er ihn ohne die für einen Historiker notwendige Quellenkritik. Hin und wieder traut er sich zu einem kritischen Ton, aber im Ganzen bleibt es bei der Übernahme aller Texte, die das liefern, was er ausdrücklich im ersten Band als sein Ziel äußert.
Und wie oben beschrieben, werden manchmal einfach die Bezüge, der Kontext, weggelassen, so dass der Sinn des dort stehenden nicht mehr zu erkennen ist. Bei Deschner werden dann angebliche Beweise für seine Anklage daraus.


Womit wir zur Auslassung kommen. Obwohl es um das Christentum im Ganzen geht, zielt er mit seinen Beispielen meistens auf die katholische, später auf alle Kirchen ab und seine Anhänger verstehen dies auch so, liest man die Kommentare sowohl der Laien als auch der Rezensenten in den Medien.
So berichtet er in Band 7:
 "Eröffnet wurde das Inquisitionsgericht durch eine Anrufung des Heiligen Geistes, und auch vor der Urteilsverkündung betete man. Das Urteil freilich war, sogar bei großem Zweifel, jeder Nachprüfung durch staatliche Gerichtshöfe entzogen. Diese fungierten nur als ausführende Werkzeuge der kirchlichen, deren Sentenzen sie «blindlings» (coeca obedientia), «mit geschlossenen Augen!» (oculis clausis) zu vollstrecken hatten."
Hier wimmelt es vor Fehlern, welche der geneigte Leser bei Lektüre von Fachliteratur wie etwa "Die Inquisition: Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit" von Gerd Schwerhoff leicht nachlesen kann. Am auffälligsten sind aber die Auslassungen. Deschner schreibt von "staatlichen Gerichtshöfen". Deren Existenz etwa bei Einrichtung der Inquisition Anfang des 13. Jh. ist allerdings keineswegs so klar, wie Deschner hier vorgibt. Die Hohe Gerichtsbarkeit oblag zumeist den Fürsten. Waren Fürst und Bischof bspw. eine Person ist die Frage nach einem staatlichen Gerichtshof bereits irreführend. Neu ist auch seine Behauptung, "staatliche Gerichtshöfe" hätten die Urteile ausgeführt. Zwar oblag die Vollstreckung in weltlichen Händen, dazu wurden die Verurteilten diesen übergeben. Diese jedoch mit einem Gerichtshof gleichzusetzen ist sachlich falsch.


Verallgemeinerung
Deschner selbst nennt seine Methode "Generalisierung", durch welche er versucht, eine Gemeinsamkeit herauszuarbeiten, die dann etwas typisches, einen Charakterzug des Behandelten offenbart. Einfacher ausgedrückt: wenn jemand jeden Tag alle paar Minuten seine Hände wäscht, dann kann man, der modernen Psychologie folgend, von einer Neurose ausgehen, einem sogenannten Waschzwang.
Deschner jedoch betrachtet nicht jeden Tag und fragt auch nicht nach, ob die Hände schmutzig waren. Er listet minutiös, und dieser Fleiß ist gleichzeitig das wirklich Bewundernswerte, jedes Waschen auf, das ihm unterkommt.
Er unterschlägt dabei aber, um weiter bei der Metapher zu bleiben, dass solche Neurosen nicht grundlos entstehen noch versucht er, den Grund selbst zu finden. Bei seiner Betrachtung bleibt gleichsam die Frage: warum wurden die Hände gewaschen außen vor oder werden von ihm von vorneherein als grundlos dargestellt. Erfährt man etwa, dass der Beobachtete Chirurg ist, aus Berufsgründen bereits oft die Hände wäscht bzw. reinigt? Das die Belastung diesen Menschen nervlich so zugrunde richtet, dass eine Neurose entstand? Erfährt man, dass es Phasen gibt, in denen er die Neurose besiegt und zum Vorschein kommt, dass es kein Charakterzug von ihm ist? Nein.
Und so verfährt er, den Vergleich verlassend, mit dem Christentum. Positive Entwicklungen, Ereignisse, Bestrebungen oder auch nur Charakterzüge der behandelten Personen findet man nicht oder sofort mit einer Reihe von Unterstellungen "widerlegt".

Widerlegt
Immer wieder liest man in Diskussionen zwischen Deschner-Anhängern und Kritikern, bis heute sei kein Wort von Deschner widerlegt worden.
Das ist grundsätzlich falsch. Natürlich wurde er bereits in diversen Punkten widerlegt. Zumeist nicht nach seinen Spielregeln, die nur anerkennen, wenn ein dargestelltes Ereignis als falsch entpuppt würde.
Aber auch dafür gibt es Beispiele. So äußert er in seiner Leseprobe zu Band 3 leicht einsehbar
"(...) und anno 332 wird das Recht, Sklaven während des Prozesses zu foltern, erteilt."
Damit ist ein Beispiel für alle negativen Methoden Deschners gelegt. Sein Fakt hier behauptet, der christliche Kaiser habe hier ein neues Gesetz erlassen, dass die Folter erlaube. Dies erweckt den Eindruck, dies sei eine neue Entwicklung. Ist es jedoch nicht. Bereits seit der griechischen Antike werden Zeugenaussagen von Sklaven nur unter Folter akzeptiert. Richtig gelesen: Zeugenaussagen. Kein Wort eines Sklaven, sei er Angeklagter, Be- oder Entlastungszeuge, wurde geglaubt, wenn es nicht unter Folter gesprochen wurde. Dies ist leicht nachzulesen, etwa bei Lykurgos oder in der Fachliteratur, bspw. hier. Falsch ist also, es sei ein neuer Erlass. Es handelte sich hierbei um eine Bestätigung bestehender Gesetze.
Ausgelassen hat er zudem, warum der Kaiser diese Bestätigung erließ. Dabei hätte er die Synode von Elvira aus dem Jahre 305 nennen müssen, in der die Rechte, heute würde man sagen "Menschenrechte" der Sklaven durch Geistliche eingefordert wurden. So wurde das Töten eines Sklaven dort unter allen Umständen als Verbrechen klassifiziert. Die Kirche bestrafte dies während der Kaiser lediglich darauf Bestand, dass Besitzer im Recht waren, solange dies mit den "regulären Züchtigungsmethoden" geschah.
Zwar behält Deschner mit dem Fakt Recht, dass jene frühen Christen nicht sofort die Abschaffung der Sklaverei forderten und durchsetzten, aber seine Darstellung, es wäre genauso schlimm wenn nicht schlimmer geworden ist nachweislich falsch. Schon allein die Anzahl der Sklaven verringerte sich in den Jahrzehnten nach Konstantin deutlich.
Und warum diese Diskrepanz zwischen Geistlichen und dem ersten christlichen Kaiser? Auch diese Frage lässt Deschner unbeantwortet, begnügt sich damit, auf Konstantin zu zeigen und den "Christen" anzuklagen. Nur unwesentlich später klagt er, zu Recht, an, dass das Christentum versuchte seine Ansichten und Werte dem Rest der Gesellschaft aufzudrücken. Welche Folgen ein kaiserliches Verbot der Sklaverei für die damalige Gesellschaft gehabt hätte sind größtenteils Spekulationen, dass es den Konflikt zwischen Polytheisten und Christen aber angeheizt hätte ist unzweifelhaft.

Damit sind wir bei der Inkonsequenz Deschners. Was er bei Christen verurteilt verteidigt er bei Nichtchristen. Während er am Beispiel der Sklavenhaltung die Eskalation fordert verurteilt er sie an anderer Stelle. So führt der den Kaiser Trajan, seinerzeit als "optimus princeps" gelobt, als Beispiel an. Dieser habe die Versklavung von Waisenkindern verboten, während in christlicher Zeit dies genau anders gewesen sei.
Faszinierend, dass Deschner ausgerechnet jenen Kaiser nennt, der zur Feier seines Sieges über die Daker, welche er bei der Gelegenheit auslöschte, die Überlebenden, darunter sicher auch Waisen, versklavte, tausende Paare Gladiatoren gegeneinander antreten ließ und Tierhatzen, sogenannte venationes, über Tage veranstaltete. Gladiatoren waren zwar oft Freiwillige unter Vertrag, oft genug aber eben auch Sklaven und versklavte Kriegsgefangene, die sicherlich nicht wild darauf waren, zur Belustigung der Zuschauer um ihr Leben zu kämpfen um am Ende das Urteil des Veranstalters abzuwarten. Ganz zu schweigen von den Hinrichtungen zur Mittagszeit oder den zehntausenden Tieren, die gegeneinander oder auf ausgebildete Kämpfer gehetzt wurden. Dies unterschlägt Deschner mal wieder, obwohl spätestens die Kinderversklavung der Daker im Gegensatz zu seiner Behauptung steht.

Forsetz. folgt.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die hochinteressante Analyse eines in bestimmten Kreisen sehr wirkmächtigen Textes, dessen Thesen nur deshalb als quellengestützt gelten können, weil zuvor die Quellen entsprechend selektiv ausgewählt wurden. Gut, dass die „Methode Deschner“ mal in verständlicher Art und Weise dargelegt wird. Also, nochmal: Vielen Dank! Bin gespannt auf die Fortsetzung!

    Herzliche Grüße,
    Ihr
    Josef Bordat (Jobo72)

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    1. Ich danke für die freundlichen Worte. Die Forsetzung braucht, aus Zeitgründen, noch ein paar Tage.
      Beste Grüße
      T.S.

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  2. Ich schließe mich der Einfachheit halber einfach Josef an und sage "Danke!"

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    1. Sehr gerne, es war mir eine Herzensangelegenheit. Umso mehr freut mich natürlich, wenn es les- und nachvollziehbar ist.

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  3. wir warten gespannt auf die Fortsetzung und sagen schon mal Danke !

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    1. Ich bedanke mich für den Dank. Die Fortsetzung Bedarf noch einiger Zeit. Ich hoffe daher auf Geduld.
      Beste Grüße
      T.S.

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  4. Super, vielen Dank. Die Methode, die Deschner da, bei aller Gründlichkeit, angewendet hat, kann nicht oft genug kritisiert werden. Kennen Sie den Sammelband "Kriminalisierung des Christentums? Karlheinz Deschners Kirchengeschichte auf dem Prüfstand", hg. von Hans Reinhard Seeliger, erschienen bei Herder? Der schlägt u.a. in die gleiche Kerbe. In diesem Sinne - keep it up!

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    1. Auch Ihnen ein Dank für den Dank.
      Tatsächlich plane ich, in der nächsten oder einer evtl. weiteren Fortsetzung auf den Band zur Tagung einzugehen, insbesondere natürlich auf den Vortrag der von mir verehrten M. Radnoti-Aldöldi und Deschners Antwort.
      Mit besten Grüßen
      T.S.

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  5. Sehr aufschlussreich, vielen Dank für die gemachte Mühe.

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  6. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  7. Schon auf den ersten Seiten des ersten Bandes hatte er erklärt: ich mache die Spielregeln!

    Das dürfte das schlimmste für die Kirche sein, dass sie nicht mehr die Spielregeln bestimmen konnte. Dass da einer gewagt hat über die Kirche und ihre Geschichte zu schreiben, ohne sich an die Spielregeln der Kirche zu halten. Ein Tabubruch allererster Klasse, den Deschner da gewagt hat.

    Die einen sagen, er hat verloren, die anderen sagen er hat gewonnen; seine Historikerkollegen sind ja hin und her gerissen von seinem opus magnum. Eins ist klar, um sich das ganze Werk anzutun muss man schon eine gehörige Portion Masochismus mitbringen, sogar wenn man nicht ganz katholisch ist, alleine wegen dem Umfang; und wenn man versucht alle Belege zu prüfen, bräuchte man eine Armee von Historikern.
    Bin gespannt auf die weitere Diskussion und was die Geschichte sagt.

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    1. Leider ist eine angemessene Antwort weit länger als die erlaubten 4096 Zeichen geworden, ich habe mir erlaubt daher diesen Kommentar in einem eigenen Eintrag zu beantworten.

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  8. Ein Link ist mit Sicherheit nützlich, daher: http://staunend.blogspot.de/2013/03/im-kommentarbereich-zum-ersten-teil.html

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