Mittwoch, 6. Januar 2016

Eine Erwiderung auf Josef Bordats "Eine Armlänge Zurückhaltung"

Normalerweise schätze ich die Beiträge Bordats sehr, zumal in ihnen viel mehr Philosophie, Theologie und Christlichkeit steckt, als in mir und meinen Beiträgen.
Aber diesmal muss ich Einspruch einlegen. In meinem eben veröffentlichten Beitrag kritisiere ich die Kölner Bürgermeisterin Reker nicht nur scharf, ich fordere sie zum Rücktritt und empfinde ihre Sprache wie ihr Handeln als Unfähigkeit und Frechheit.
Weder falle ich hämisch noch zynisch über sie her, nachdem ich auf Fehler wartete. Daher fühle ich mich damit auch nicht angesprochen, noch beleidigt.
Aber die geschilderten Umstände stimmen so doch nicht mit der Realität überein.

obgleich der Ratschlag, gegenüber Unbekannten erst einmal Abstand zu halten, und zwar “eine Armlänge” oder auch “eine Unterarmlänge”, in jedem Bewerbungsratgeber zu finden ist (Kapitel: Vorstellungsgespräch, Abschnitt “Begrüßung”).

Lieber Herr Bordat, wir sprechen hier aber weder von einer Begrüßung eines Fremden noch von der unerwünschten Zudringlichkeit eines eben solchen. Und das sind die Situationen aus Büchern, Ratgebern und Broschüren. Wir reden hier von einem Ereignis mit hunderten Beteiligten und einer gnadenlos vor sich wälzenden Übergriffigkeit, die jeden Widerstand egal in welcher Stärke einfach beiseite schob.
Gerade Sie, als Opfer von Morddrohungen und Erpressung sollten das Gefühl der Hilflosigkeit kennen. Vergewaltigungs- und Gewaltopfer kennen es. Und in diesem Fall gab es NICHTS was die Opfer hätten tun können. Es ist daher kein fauxpas und kein verzeihliches Ausweichen auf typische Situationsratschläge sondern offensichtlich fehlendes Einfühlungsvermögen, welches Frau Reker trieb angesichts der so abgelaufenen Ereignisse einen Vorschlag zu zitieren, der NICHTS, aber auch nicht das kleinste bißchen mit der Situation zu tun hat oder geholfen hätte.

Das erkennen Sie zwar mit den nächsten Absätzen auch an - aber warum es dann überhaupt erwähnen?

Wir werden das vermutlich noch öfter erleben: Hilflose Spitzenpolitiker, die sich ungeschickt ausdrücken. Denn ungeschickte Äußerungen sind Ergebnis des Umstands, dass man als Spitzenpolitiker für komplexe Probleme in kürzester Zeit eine einfache Lösung präsentieren soll.
Weil andere es tun, sollten wir es nicht so schlimm nehmen? Und ist das wirklich alles?
Nein, die Bürgermeisterin ist nicht hilflos. Sie unternimmt, was richtig ist: sie beruft eine Krisensitzung ein. Problem ist: ihr Personal dabei ist keineswegs fähiger als sie. Nicht weiter zu wissen ist bei Politikern, Anführern und Verantwortlichen wirklich nicht selten. Was dann zu tun ist, das finden sie in ebenso vielen Ratgebern wie den Hinweis mit der Armeslänge - eher noch in mehr. Von einer Frau, die über das Schicksal einer Millionenstadt gebietet, genauso wie von einer Kanzlerin von 80 Millionen Menschen kann, nein muss man mehr erwarten.
Aber sie kam nicht aus der Sitzung, auf weitere Besprechungen und einen geschaffenen Planungsstab verweisend (etwas das Politiker mit auch nur einem Funken Verstand dann unternehmen, wenn sie nicht weiter wissen). Sie brachte die existierenden Beratungsbroschüren und Seiten zur Sprache - die nicht im mindesten auf das eingehen, was da gerade passiert: eine neue Dimension, wegen derer die Sitzung erst nötig wurde. Daraus hervorzukommen und zu sagen: "wir haben da schon was für" ist dreist.
Die Tipps die folgten erschöpfen sich ja nicht mit "Armeslänge". In der Gruppe bleiben und nicht mit Fremden gehen, nicht drängen lassen. Wer das liest und mit den Schilderungen der Opfer vergleicht, dem fällt hier ein Wort ein, welches Sie nur mit den Kritikern in Verbindung bringen: Hohn.
Als hätte man Ihnen geraten einfach über nichts für Ihre Drohenden anstößiges zu schreiben. "Schreiben Sie doch über Blümchen und das Wildleben der Buckelwale. Dann passiert Ihnen sowas auch nicht."

Glatt vergessen haben Sie dann auch noch die Maßnahmen. Mehr Polizei, Videoüberwachung, Platzverweise für bekannte Straftäter und eine Broschüre "für fremde Karnevalisten" die "Missverständnissen" vorbeugen soll.
Missverständnisse? Schlucken Sie da gar nicht? Ist Ihnen das nicht mehr als ein wenig "falsche Lastenverteilung"? Das bewegt sich mehr als nur ein wenig auf dem Niveau des "Miniröcke sind für Vergewaltigungen verantwortlich".
Mehr Polizei? Haben Sie mal mitverfolgt, wie es um unsere Polizei steht? Überstunden ohne Ende, dank Flüchtlingskrise gleich nochmal verschärft. Die Beamten sehen ihre Familien kaum noch und trauen sich aufgrund von Profiling-Vorwürfen und rückhaltlosem Missbrauch durch die Politik nicht mehr zu tun, als hin und wieder ein Knöllchen zu verteilen oder Wasserwerfer auf Demonstranten zu schießen, die keinen Rückhalt im Bundestag haben. 
An Karneval werden die Strassen noch voller sein. Millionen von Menschen unterwegs. Alkohol, ausgelassenes Treiben, Verkleidungen, Gesang und Geschrei und Kamelle überall. Das ist für die Polizei ohnehin bereits eine personell dramatische Zeit. Denn auch diese besteht aus Menschen, die gerne mal feiern würden und aus Katholiken, die um den Hintergrund wissen.
Das ist der Bürgermeisterin bekannt. Und da will Reker bekannte Verbrecher erkennen und fern halten und gleichzeitig genug Präsenz haben, um sofort einzuschreiten, wenn sich sowas auch nur wieder anbahnt. Illusorisch ist das schmeichelhafteste was zu diesem "Aktionismusplan Köln" einfällt.


Niemand fordert eine "einfache Lösung", schon gar nicht in "kürzester" Zeit. Mitgefühl, Empathie und Empörung über das Ereignis wird sofort erwartet. Das Angehen der Probleme. Und das wissen die Politiker. Ein Ergebnis zeitnah wird erwartet - und das ist das einzige Hindernis. Wir reden jetzt seit 6 Tagen darüber. Gestern war die Konferenz und die unseeligen Äußerungen. Zwei Tage weiterer Beratung hätten alle abwarten können - wenn dann ein vernünftiger Plan entstanden wäre.
Das Eingeständnis, momentan schlicht überfordert zu sein, ist keine Option. Schon gar nicht für Menschen, deren komplexesten Problem es zu sein scheint, morgens früh den Rechner einzuschalten und das Facebook aufzurufen.
In diesem Fall ist das falsch. Die Frau ist gerade erst aus dem Krankenhaus, nachdem man versuchte, sie zu ermorden. Fehlbarkeit ist kein Makel mehr, zumindest nicht für die Kreise, aus denen die Bürgermeisterin stammt und von denen sie gewählt wurde und der Makel nicht in Richtung "Rassismus" neigt.  Beides zusammen hätte ihr sogar einen Bonus verschafft, wenn sie sich hingestellt hätte und gesagt: "Im Moment fehlen uns noch genaue Informationen" (etwas, das sie ja eben auch gesagt hat und ihr niemand nachträgt) "aber wir haben bereits die Arbeit an Lösungsvorschlägen aufgenommen".
Selbst wenn es so wäre, wie Sie sagen, dann wäre es die Aufgabe der Politikerin diesem Druck zu begegnen. Sie ist gewählt. Maßnahmen sorgfältig auszuarbeiten und vorzubereiten kann niemand als Anlaß einer Rücktrittsforderung nehmen. Den Mist den sie sagte und als Maßnahmenpaket umsetzt schon.
Sie hat genug Vorbilder, wie man mit solchen Situationen umgeht. Besuch des Tatortes mit Ermittlern, die ihr die Situation erklären. Gespräche mit Opfern, vielleicht in großer Runde. Einberufen von "Experten" usw. All dies sind Maßnahmen, die nicht viel bringen, die aber an die Stelle des völlig unglaublichen Aktionismus eines #armlänge treten.

Ich habe auch keine Lösung des Problems. Es wird, so denke ich, auch keine regionale Lösung geben, weil es kein regionales Problem ist.
Ich habe nur zwei Bedingungen: Mitgefühl mit den Opfern, ihren Familien und potentiellen Opfern, statt nur den Tätern und eine offene, ehrliche Debatte ohne Meinungen und Standpunkte zur Diffamierung als Nazis, Rechte, Rassisten, AntiFaliebchen, Polemiker, billige Zyniker und weiß der Geier was noch zu nutzen.

Kommentare:

  1. Zustimmung.

    Auch ich verfolge JoBos Blog seit sehr langer Zeit, schreibe auch ab und an eine Mail, vor allem, wenn mir etwas gefällt. Leider ist das einer der Beiträge gewesen, die ich ebenso wenig unterschreiben kann wie schon der vorherige Artikel zur "Feigheit". Man fühlt sich dann oft in einem Modus der inneren Rechtfertigung, gerade, wenn man sich auch als Katholik fühlt; aber ich behaupte, auch wir Katholiken haben ein Recht auf den Schutz unserer Lebensweise.

    Und ich lehne mich so weit aus dem Fenster und behaupte: doch, es ist (auch) ein kultur-religiöses Phänomen, mit dem wir hier anzukämpfen haben. Je mehr wir das verleugnen und keine Konsequenzen ziehen, desto heftiger und gravierender werden die Lösungen in der Zukunft werden.

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    1. Das sehe ich ebenso. Umso mehr überraschte mich Herr Bordat mit diesen Beiträgen. Gerade er, der ja erst kürzlich zumindest angedrohte Gewalt erlebte wegen dem, was er ist, hat hier eine mir nicht nachvollziehbare Ausblendung der Umstände demonstriert.
      Ich sehe darin, gerade auch als Katholik, einen Gesprächsbedarf, den frühere Zeiten wohl nicht kannten: ab wann beginnt der Katholik oder allgemeiner der Christ sein "stand your ground"? Erst im Tempel, wenn die Verleiher dort siedeln oder doch schon früher?

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    2. Mein Gedanke - ich hatte Herrn Bordat dazumal noch eine Mail geschrieben, als die Antifanten in spe ihr Unwesen trieben. Mir scheint, dass er nicht ganz realisiert hat, dass diese Vorfälle eben nicht "aus der Menge heraus" und Anonymität geschahen, sondern es sich um - pardon - Banden handelte, die eben auch keine Zivilcourage aufhalten kann.

      Was wäre die Empfehlung? Gesicht zeigen? Wenn einer von den jungen Männern ein Klappmesser zückt, was dann? Haben wir in Deutschland nicht zur Genüge erlebt, wie hier Zivilcourage bestraft - und vergessen wird?

      Bereits bei den Anschlägen auf Charlie Hebdo vor einem Jahr war ich verwundert, dass von den nachfolgenden Attentaten und Attentatsplanungen kaum etwas nach Deutschland sickerte (Ihr Blog machte da eine vorzügliche Ausnahme gegen den Strom). Und schon damals dachte ich mir: ja, anfangs haben auch die Hospitaliter sich nur als "Aufpasser" des Spitals in Jerusalem gebildet, bevor sie dann auch aktiv die Pilgerwege schützten.

      Vermutlich werden wir bald auch Aufpasser für Kirchen brauchen. Da die Polizei versagt, werden es Bürgerwehren sein. Wahrscheinlich bewaffnet. Dann haben wir den Clash of Cultures bereits bei der nächsten Pfarrei.

      Andreotti, den ich nun weniger als Mensch und Politiker, aber für seine rhetorischen Fertigkeiten schätzte, meinte mal so schön: Jesus hat gesagt, wir müssen auch die andere Wange hinhalten; aber nicht ohne Intelligenz hat uns Gott auch nur mit zwei Wangen ausgestattet.

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    3. An der Stelle möchte ich das Du anbieten, sozusagen als meine gute Tat vor dem zu Bett gehen.
      Die Juden in Europa haben vielerorts einen Freiwilligendienst, welcher sozusagen als Security arbeitet. Angesichts der Überalterung der deutschen Gemeinden wird sich das aber wohl eher nicht umsetzen lassen. Nötig wäre es ja bereits, wie die wiederholten Störungen von Gottesdiensten in den letzten zwei Jahren gezeigt haben.
      Die alten Orden bestehen ja zum Teil noch und mancher behauptet sogar von sich ein Ritterorden zu sein. Aber wie so oft in unserer Geschichte blieb wohl nur das Ritual und nicht der Sinn den Menschen im Gedächtnis.
      Auf der anderen Seite, auch Bismarcks Kulturkampf hat dem deutschen Katholizismus wieder Leben eingehaucht. Vielleicht bedarf es der Dramatik eines Überlebenskampfes, um Wertschätzung zu erzeugen.
      Da ich ja persönlich ein Freund der individuellen Wehrhaftigkeit bin und bereits ein völliges Versagen der "Schutzkräfte" erlebe, fände ich die Erlaubnis zur Wiedereinführung der Sicherheit in Bürgerhand keineswegs verkehrt - wenn auch mit vorhergehender sachlicher Schulung und nur mit Rahmenbedingungen. Ich fürchte schlicht, es führt auch kein Weg dran vorbei, denn unsere Politik lässt sich lieber in Worthülsen fallen, als zur Tat zu schreiten und die Bürger zu sichern.

      Das Zitat werde ich mir, Erlaubnis vorausgesetzt, zu eigen machen.

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    4. Ich kann mich an einen Theologen erinnern - Name vergessen, leider! - der auf die Frage meinte, ob die Kirche nicht auf dem Tiefpunkt der Geschichte angelangt sei, was Machtlosigkeit, Einfluss und Bedeutung in Deutschland angehe: "1806 gab es nur noch drei Bischöfe auf dem Boden des untergegangenen Reiches. Ich denke, wir haben seitdem ein paar Fortschritte erzielt."

      Auch so eine Sache, warum ich Ihrer Seite länger folge: wenn der Staat das machiavellistische Machtmonopol aufgibt, dann ist es doch nur allzu logisch, dass unsere Reaktion daraus bestehen muss, ebenfalls dahin zurückzukehren; kurz, wenn die Borgias nicht reinen Tisch in der Romagna machen und die Waffen einsammeln, dann müssen wir uns eben wieder selbst bewaffnen. Das erscheint mir als zwingende Konsequenz.

      Leider bin ich kein großer Freund von Schusswaffen, mir wäre eine Rückkehr zum Privatdegen an jedes Mannes Seite eine weitaus exquisitere Augenfreude; doch dieses Zeitalter haben wir ja unglücklicherweise hinter uns...

      Ich habe mal recherchiert. Das Zitat stammt aus dem Film "Il Divo", dessen meisten Sprüche aber tatsächlich der Realität entsprechen; dort sagt Andreotti:

      Se è vero che per essere un buon cristiano bisogna porgere l'altra guancia, è pur vero che Gesù Cristo, con molta intelligenza, di guance ce ne ha date soltanto due.

      (Wenn es wahr ist, dass man als guter Christ auch die andere Wange hinhalten muss, dann stimmt es auch dass Jesus Christus uns mit großer Intelligenz nur zwei Wangen gegeben hat)

      https://it.wikiquote.org/wiki/Il_divo

      Wie man so schön sagt: se non è vero, è ben trovato; wenn es nicht wahr ist, so ist es gut getroffen.

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    5. Wie gesagt, ich biete gerne das Du an.
      An Frankreich kann man die Entwicklung sehr schön sehen. Obwohl der Staat seit der Revolution mit der Religion überworfen ist und Säkularisierung als Allheimittel verkauft wird, erstarkt gerade wieder eine konservative Strömung, die auch den Katholizismus stark wiederbelebt und zu altem Selbstbewusststein bringt. Die Messen füllen sich, die Predigten haben wieder Inhalte.
      Wäre wünschenswert, wenn dies auch bei uns so passierte. Aber das liegt wohl in Gottes Hand.

      Über die Wahl der Waffen lässt sich streiten, über die Schwierigkeit sie zu bedienen eher nicht. Es ist nicht schwer zu erahnen, warum die Bürger so schnell und gerne auf Gleve, Armbrust und Bogen setzten, angesichts der vielen Übung und der körperlichen Mindestanforderungen an den Degenfechter von Format.
      Als jemand, der sich eingehend mit dem Gladius und seinem späten Erben, dem Katzbalger beschäftigte muss ich aber auch andere Vorzüge der Schusswaffen unserer Zeit anführen. Aber das würde an dieser Stelle zu anatomisch werden.

      Vielen Dank für den Hintergrund des Zitates. Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Mann bislang nicht auseinander gesetzt habe, aber das wird sich wohl jetzt ändern.

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  2. Das "Du" ist bereits selbstverständlich. :)
    Ich muss mich da immer etwas umgewöhnen, da ich tatsächlich im Internet das "Sie" durchaus respektvoll verstehe und weniger distanziert.

    Ich will die Vorzüge der Waffe auch gar nicht bestreiten, insbesondere auch nicht ihre Effizienz.

    Oh, glaub mir, der Andreotti... der war in vielem der Lehrer unserer Budnesmutter. Weit mehr als Kohl. Dennoch hatte er doch einiges an rhetorischem Scharfsinn mehr. Ich empfehle auch den von Sorrentino gedrehten Film, denn er erzählt vieles über Macht, und ist für mich als Machiavelli-Veteran natürlich eine Wonne.

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